Handreichung für Kriegstüchtigkeits-Verweigerer

Plakat "Wir finden Waffen eher uncool" auf Anti-Kriegs-Kundgebung in Berlin am 3. Oktober 2024
Anti-Kriegs-Demo am 3. Oktober 2024 in Berlin

Kriegstreiber und Kriegsertüchtiger beherrschen den öffentlichen Diskurs in West und Ost. Darauf zu hoffen, dass ihr Denken und Handeln eine Antwort auf die gewaltigen Krisen und Herausforderungen der Welt geben könnten, ist naiv und gefährlich. Diesen Kräften zu widersprechen, scheint deshalb wichtiger denn je. Für den Essay-Band "Kriegsuntüchtigkeit als Chance" hat Herausgeber Hermann Theisen Texte zahlreicher Autorinnen und Autoren gesammelt, die glauben, dass kein Krieg gerechtfertigt ist.

Zu dem im März 2026 erschienen Buch konnte ich die folgenden Zeilen beisteuern. Ich glaube: Man kann sich dem fürchterlichen Zeitgeist sehr wohl verweigern ...

Achtsame Sprache, Selbstbewusstsein, etwas Wagemut

Kein Hass auf die Soldaten des Feindes

Meine bemerkenswerte Bekanntschaft mit Juri Preobraschenki verdanke ich den Kakerlaken. In dem Moskauer Studentenwohnheim, in das ich im Herbst 1994 einquartiert worden war, hatte die Schaben-Plage so grässliche Ausmaße angenommen, dass ich nach wenigen Wochen Reißaus nahm und in ein kleines Plattenbau-Apartment zog. Wenn der Eigentümer vorbeikam, um die Miete zu kassieren, plauderten wir meist eine Weile in der winzigen Küche. Einmal erzählte er mir, wie er während der Leningrader Blockade in den eisigen Hausfluren über Leichen der Hungertoten gestolpert war, weil die Bewohner schon zu schwach waren, die gefrorenen Körper fortzuschaffen. Er sprach davon, wie er im Schützengraben durchs Fernglas zu den Stellungen der Wehrmacht hinüberschauen konnte, die die Millionenstadt an der Newa und ihre Bewohner auslöschen wollte. Und dann sagte er zu mir, dem Deutschen, als wäre es eine belanglose Nebensächlichkeit: „Warum hätte ich euch hassen sollen? Ihr hattet ja noch nicht einmal vernünftige Winterstiefel.“

Nur wenige Menschen sind in der Lage, gegnerischen Soldaten bereits während des Kampfes die Feindschaft zu verweigern. Historische Episoden wie der spontane „Weihnachtsfrieden“ an der Front des Ersten Weltkriegs blieben bemerkenswerte Ausnahmen. Für jeden Politiker hingegen müssen Aussöhnung zwischen den Völkern und eine Welt möglichst ohne Kriege nach den Erfahrungen der Geschichte eigentlich oberstes Ziel sein. Aus gutem Grund enthält auch das deutsche Grundgesetz ein Friedensgebot (GG Art 26). Doch die Realität in Europa ist wieder eine andere, eine dystopische.

 

Rüstungs-Lobby und Thinktanks haben ganze Arbeit geleistet

Die Deutschen haben sich eine Regierung gewählt, deren Außenminister Wadephul meint, Russland werde für „immer Feind“ der Deutschen bleiben, deren Kanzler Merz andererseits den israelischen Überfall auf den Iran 2025 mit den Worten abtat, Israel mache doch bloß „die Drecksarbeit für uns alle“. Russlands Präsident Putin verklärte zuvor den massenhaften Tod nach einer möglichen atomaren Apokalypse lapidar mit den Worten: „Wir werden als Märtyrer ins Paradies kommen, aber sie werden einfach nur verrecken.“ Einstige Fürsprecher von Frieden und Abrüstung sind verstummt, wenn sie nicht wie die Partei der Grünen gleich die Lager gewechselt haben. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) findet in ihrer missratenen, überarbeiteten Friedensdenkschrift neuerdings, dass der Besitz von Atomwaffen „politisch notwendig“ sein könne (Alles Nötige zu dieser Schrift hat Jakob Augstein im "Freitag" kommentiert.).

Viele Menschen glauben das Propagandagerede, Kriegsvorbereitung sei alternativlos. Die Rüstungsindustrie, ihre Lobbyisten und üppig finanzierte Thinktanks haben ganze Arbeit geleistet. Trotzdem muss niemand im Strudel der Stimmungsmache untergehen. Resilienz gegen die angebliche „Zeitenwende“ ist machbar:

 

Auf Kampfbegriffe in der Sprache achten

Zunächst einmal müssen wir dafür auf unsere Sprache achten. Denn Sprache prägt unser Denken über die Welt. Nicht von ungefähr wird mit Blick auf das skrupellose israelische Vorgehen im Gaza-Krieg so unerbittlich um den Begriff „Genozid“ gerungen. Andere Ausdrücke haben sich etabliert, obwohl es lohnen würde, sie ebenfalls zu hinterfragen. Ob „Unterstützung der Ukraine“ wirklich eine angemessene Formulierung für fortlaufende Waffenlieferungen an die Regierung in Kiew bei gleichzeitiger Sabotage der Diplomatie war, werden später die Historiker entscheiden. Wenn erklärt wird, die „internationale Gemeinschaft“ wolle dies oder jenes tun, ist ebenso höchste Vorsicht angebracht. 

 

Es ist wohl dem allgemeinen Säbelrasseln geschuldet, dass militärische Sprache neuerdings auch in Bereichen Einzug hält, wo sie gewiss gar nichts zu suchen hat, etwa, wenn Regierungen sich für ihre Investitions-, Wohnraum- oder Bildungsoffensiven loben. Als die Nato im Kosovo-Krieg von getöteten Zivilisten ständig als „Kollateralschäden“ sprach, wurde der fürchterliche Euphemismus immerhin noch zum Unwort des Jahres gekürt. Inzwischen sind auch Leitmedien weniger sensibel. Der inflationäre Gebrauch neuer Kampfbegriffe wie "Schattenflotte" hat etwa den Nebeneffekt, dass Akte staatlicher Piraterie gegen diese Handelsschiffe gar nicht mehr so schlimm erscheinen.

Kriegsertüchtiger brauchen die Doppelmoral

Inmitten der von allen Seiten hereinbrechenden Informations- und Desinformationsflut seinen ethischen Kompass zu bewahren, ist weiß Gott nicht einfach, aber ebenso essentiell. Wer den Kurs nicht verlieren will, muss sich dem Einfluss von Menschen entziehen, die den Hass predigen. Wir erleben gerade tagtäglich, wie Empathie für die Opfer von Krieg und Gewalt überhaupt keine Rolle mehr spielt, wie Entscheidungen einzig von militärischen und geopolitischen Überlegungen dominiert werden. Rufe, ukrainische Männer sollten nach geglückter Flucht doch gefälligst ins Kriegsgebiet zurückkehren und kämpfen, zeigen, wie sehr jemand moralisch verwahrlosen kann. Wer einen Krieg ohne die Opfer denkt, ihn vielleicht sogar zynisch für ein gutes Investment hält und Flüchtlinge als Gesindel betrachtet, das unser Stadtbild stört, kann kein Verbündeter, erst recht kein Vorbild sein.

Noch gibt es in der Bundesrepublik in allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen Menschen, denen der derzeitige Kriegsertüchtigungskurs nicht geheuer erscheint. In allen Parteien gibt es nachdenkliche Köpfe, die einen ewigen Beinahe-Kriegszustand in Europa nicht für erstrebenswert halten und die maßlose Dämonisierung Russlands infrage stellen. Sie zu ermutigen, sich lauter zu Wort zu melden, ist viel erfolgversprechender, als sich an jeder neuen Provokation der Hardliner abzuarbeiten, wenn diese wieder einmal „Taurus liefern“ brüllen.

Überzeugende Argumente haben die Kriegsertüchtiger und Kriegsverlängerer nicht. Kriegsgegner müssen keine Diskussionen scheuen, wenn sie ohne Doppelmoral argumentieren – etwas, was die Protagonisten der „Zeitenwende“ a priori gar nicht tun können. Deren Weltbild würde sofort zusammenbrechen, wenn sie einheitliche Maßstäbe auch an die bösen Taten der vermeintlich „Guten“ anlegen müssten. Die Kriege der vergangenen Jahrzehnte haben den betroffenen Völkern fast ausnahmslos Verderben gebracht. Nicht einmal das gigantische militärische Übergewicht der „guten Seite“ garantiert mehr den Erfolg eines Kriegsabenteuers, lautet die Lehre aus Afghanistan. Dass sich auch in der Ukraine alle Konfliktparteien auf Kosten Millionen zerstörter Leben gründlich verzockt haben, als sie ihre Kontroversen „auf dem Schlachtfeld“ klären wollten, ist längst offensichtlich.

Nicht warten, bis die Politiker zur Besinnung kommen

Zugleich dürfen sich alle, die sich dem Frieden verpflichtet fühlen, von dem belastenden Gedanken lösen, alles wäre hoffnungslos. Ja, die Zeiten sind mies. Doch Kriege galten den Mächtigen, von einer kurzen Phase der von Michail Gorbatschow angestoßenen Entspannungspolitik abgesehen, immer als legitimes Mittel der Politik. Russlands Überfall auf die Ukraine im Frühjahr 2022 war für die Westeuropäer – und natürlich für die angegriffenen Ukrainer – eine Zäsur, aber für den Großteil der Welt eben nur ein weiteres Glied in einer langen unseligen Kette.

„Wie können sogenannte aufgeklärte Menschen den Krieg predigen, ihn fördern, daran teilnehmen und, schlimmer noch, ohne sich selbst den Gefahren des Krieges auszusetzen, dazu anstiften und ihre unglücklichen, verblendeten Brüder und Schwestern in den Krieg schicken?“, fragte der große Pazifist Lew Tolstoi in seinem Anti-Kriegs-Essay „Besinnt Euch!“ schon 1904 beim Ausbruch des russisch-japanischen Krieges (Text Russisch). Aktuell ist der Text bis heute. Aufrüstungsgegner lagen stets über Kreuz mit dem „Mainstream“, trotzdem gaben sie nicht auf. Die legendären Hetztiraden des damaligen Bayern-Ministerpräsidenten Strauß gegen Atomwaffengegner („Die hiesigen Breschnew-Bewunderer haben weniger Hirn im Kopf, als er im Hintern hat.“) erinnern jeden modernen „Lumpenpazifisten“ frappierend an das Niveau aktueller Debatten.

Vernünftige Menschen aller Völker, bleibt in Kontakt!

Wie wichtig es ist, in schwierigen Krisen trotzdem Brücken über staatliche, geografische und weltanschauliche Grenzen hinweg zu bauen, wussten weitsichtige Zeitgenossen schon lange. Immer wieder gingen sie mutig voran, als die Politik noch unfähig dazu war. Der evangelische Theologe Martin Niemöller etwa sorgte bereits 1949 mit einer Reise nach Moskau für Furore. Ihm ging es darum, erste vorsichtige Kontakte zur orthodoxen Kirche zu knüpfen und deutsche Kriegsgefangene zu treffen, keineswegs darum, sich dem Gewaltherrscher Stalin anzubiedern, der damals noch über die Völker der Sowjetunion herrschte.

Wenn fanatische Politiker, Repressalien und Sanktionen einen breiten Austausch zwischen den Völkern verhindern, müssen es eben kleine Schritte sein – so wie in Tübingen, wo ein russisch-orthodoxer Priester Ausflüge und Stadtrundgänge für Russen und Ukrainer anbietet (Webseite "Dobry Tübingen"), um auf einer Mikroebene einen Beitrag für Austausch und vielleicht auch für Vergebung zu leisten. Oder wie in Offenbach, wo der Verein „Connection“ (Webseite) Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren aus Russland, der Ukraine und allen übrigen Ländern der Welt zur Seite steht, die sich von ihren Regierungen nicht vorschreiben lassen wollen, wen sie zu hassen und zu töten haben.

Auch mein Vermieter Juri Preobraschenski, der nach dem Krieg erfolgreicher Skitrainer wurde und sogar die Nationalmannschaft der UdSSR zu Olympischen Spielen führte, fragte niemanden um Erlaubnis, als er seinen Frieden schloss. Bereits in der Hochphase der Ost-West-Konfrontation knüpfte er bei internationalen Wettkämpfen so viele Freundschaften mit Spitzensportlern aus West-Deutschland und Österreich, dass die in den Mannschaftstross geschleusten Aufpasser vom KGB Alarm schlugen angesichts der großen Anzahl unkontrollierter Verbrüderungen.

Es gibt keine falschen Zeiten, um seinen Frieden zu machen. Das gilt auch jetzt, obwohl der Zeitgeist uns gerade etwas ganz anderes vorlügt.

 

 

Dieser Text erschien leicht gekürzt erstmals in dem Buch

Kriegsuntüchtigkeit als Chance
Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung


Hermann Theisen (Hg.)

Verlag Graswurzelrevolution
272 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-939045-61-8

Der SPD-Politiker Rolf Mützenich schrieb zum Erscheinen:

„In einer Zeit, in der Gewalt wieder als vermeintlich legitimes Mittel erscheint, erinnert dieses Buch daran, dass eine friedliche und kooperative Weltordnung keine Illusion ist. Die Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass Sicherheits- und Friedenspolitik mehr ist als Aufrüstung und dass Diplomatie und zivile Formen der Konfliktlösung wieder ins Zentrum politischen Denkens gehören. Ein notwendiger Gegenentwurf zu den gefährlichen Trends unserer Gegenwart.“

 



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