"Zur Muhme, nach Saratow — in die Wüste hin, das wird kurieren Deinen Sinn. Da kannst Du seufzen in der Öde, von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede."

Alexander Gribojedow (1795-1829), russischer Diplomat und Dichter, in "Verstand schafft Leiden"

 

 

Auf den Spuren der Wolga-Deutschen - Saratow

Саратов

Mitte des 18. Jahrhunderts war Saratow das Traumziel vieler verarmter Auswanderer aus dem Westen. Auf Einladung der Zarin Katharina der Großen nahmen deutsche Kolonisten die Region um das Handelszentrum am Mittellauf der Wolga in Besitz. Der aufgestaute Fluss ist heute an dieser Stelle fast drei Kilometer breit. Auch, wenn die Stadt selbst nach der Oktoberrevolution nicht Teil der autonomen Wolgadeutschen-Republik wurde, finden sich in Saratow noch einige Spuren der von Deutschen mitgeprägten Vergangenheit. Wegen ihrer Flugzeug- und Hubschrauberwerke war die Industriestadt am hügeligen rechten Wolga-Ufer der bis 1990 für ausländische Besucher Tabu. Heute ist das selbstverständlich anders, allerdings fehlen der wirtschaftlich eher schwachen Region die Ressourcen, die dabei halfen, andere Wolgametropolen auch für Touristen attraktiv zu machen.

Kirche der Gottesmutter-Ikone „Lindere mein Leid“ in Saratow
Bunte Kirchenkuppeln im Zentrum von Saratow

Steckbrief Saratow:

Gründungsjahr: 1590

Zeitzone: Moskauer Zeit + 1 Stunde

Sehenswert (* - *****): **

Einwohnerzahl: 841.000

Entfernung von Moskau: 860 Kilometer

Berühmt für: Yak-Flugzeuge



Seine Lage am Rand der großen Steppen brachte Saratow zu Beginn seiner über 400-jährigen Stadtgeschichte so manchen Ärger ein: Regelmäßig wurde die Stadt anfangs zum Ziel von Räuberbanden, aufmüpfigen Kosacken oder Kasachen. Später erlebte das Handels- und Kulturzentrum einen eindrucksvollen Aufschwung, war um 1900 nach St. Petersburg und Moskau sogar zeitweise die drittgrößte Stadt auf dem Gebiet des heutigen Russlands. Saratow blieb aber später im 20. Jahrhundert irgendwie immer im Schatten anderer Städte wie Samara oder Kasan

Blick von der Wolga-Eisenbahnbrücke auf Saratow
Kilometerbreite Wolga bei Saratow

Nach der brutalen Auflösung der Wolgadeutschen-Autonomie am gegenüberliegenden Flussufer 1941 geriet die Region um Saratow nur noch einmal, 20 Jahre später, weltweit in die Schlagzeilen: In der Nähe der Stadt landete Juri Gagarin nach seinem legendären Raumflug wieder auf der Erde. Als die Sowjetunion zerfiel, gab es kurze Zeit eine Debatte darüber, ob die Wolgadeutschen-Republik wiederhergestellt werden sollte, und die Bundesrepublik eröffnete in Saratow sogar ein (inzwischen wieder dichtgemachtes) Generalkonsulat.

Leider fiel unser bislang einziger Besuch in Saratow sehr kurz aus. Allerdings hatten wir auch nicht den Eindruck, dass man als Russland-Reisender unbedingt viele Tage in dieser Stadt einplanen müsste.


Sehenswertes in Saratow:

Die Deutsche Straße (Kirow-Prospekt)

Проспект Кирова (Немецкая улица)

Hotel Wolga am Kirow-Prospekt in Saratow
Hotel Wolga am Kirow-Prospekt in Saratow

Der Kirow-Prospekt im Zentrum ist so etwas wie das Aushängeschild  der Stadt, die Einheimischen sprechen auch gerne in Anspielung an die Moskauer Flaniermeile vom Arbat von Saratow. Es handelt sich um eine der ältesten Fußgängerzonen der ehemaligen Sowjetunion, die bis 1917 offiziell die "Deutsche Straße" war - wegen der vielen deutschstämmigen Einwohner. An beiden Seiten der Straße sind viele interessante Bauten aus der vorrevolutionären Zeit erhalten geblieben.

 

Bemerkenswert sind unter anderem das Staatliche Konservatorium von 1902 und wenige Schritte entfernt die wunderschöne orthodoxe "Kirche der Gottesmutter-Ikone Lindere mein Leid", die mit ihren vielen bunten Kuppeln an die Moskauer Basiliuskathedrale erinnert. Besonders schick ist auch das Jugendstilgebäude des Hotels "Wolga", das von innen aber wohl weniger empfehlenswert ist. Zumindest klingen die Rezensionen im Internet recht enttäuschend. Entlang der Straße gibt es auch eine Reihe von Cafés und Restaurants.


Der Falkenberg (Sokolowaja Gora)

Соколовая гора

Monument im Siegespark auf dem Sokolowaja Gora in Saratow
Im Siegespark von Saratow

Der Falkenberg am Ostrand von Saratow erreicht eine Höhe von 165 Metern und war bei unserem Besuch der erste Ort, den wir ansteuerten. Von hier oben bietet sich eine grandiose Aussicht auf die Großstadt mit ihren Hochhäusern, auf die breite Wolga und auf die Stadt Engels am gegenüberliegenden Flussufer. Teile des Hügels wurden 1975, zum 30. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland, in eine Weltkriegs-Gedenkstätte umgewandelt. Deren Mittelpunkt bildet das 40-Meter hohe Monument "Kraniche", das an die im Krieg gefallenen Einwohner der Stadt erinnert.

 

Im "Siegespark" auf der Anhöhe brennt eine ewige Flamme, und allerlei Kriegsgerät ist zu sehen, neben Weltkriegs-Panzern und Geschützen auch Kampfflugzeuge aus der Nachkriegszeit und andere Technik wie Feuerwehrautos oder Traktoren. Busse und Sammeltaxis fahren für wenige Rubel aus dem Stadtzentrum oder vom Bahnhof hinauf zur Gedenkstätte (Vom Bahnhof z.B.die "Marschrutka" 72 oder Bus 253).


Anreise: Wie kommt ihr nach Saratow?

Bahnhof Saratow-1
Ankunft aus Moskau am Bahnhof Saratow-1

Am besten natürlich mit der Eisenbahn: Saratow liegt am Schnittpunkt mehrerer wichtiger Eisenbahnlinien und verfügt über Anbindungen an viele Teile des riesigen Landes. Von der Haupstadt Moskau aus ist die Wolga-Metropole bequem über Nacht zu erreichen. Es gibt mehrere tägliche Über-Nacht-Verbindungen, am besten ist Zug Nr 9 (in Gegenrichtung Nr 8), der die Strecke in 14 Stunden schafft. Außerdem führen Bahnlinien unter anderem nach Wolgograd und Samara. Eine weitere Strecke führt in südöstlicher Richtung durch die baum- und strauchlose Steppe nach Astrachan. Dabei passieren die Züge mehrfach die russisch-kasachische Grenze. Weil es allerdings keine Zwischenhalte auf dem Gebiet von Kasachstan gibt, finden keine Aus- und Einreisekontrollen statt. Ein russisches Einfach-Einreise-Visum reicht somit aus, um in einen der Züge einzusteigen.


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