Hitliste: kuriose Reiseziele in Russland

Nicht alle Sehenswürdigkeiten Russlands stehen mit einer Vielzahl von Sternen im Baedecker-Reiseführer: Manche Orte und Bauwerke sind aber dennoch so skurril, das man sie gesehen haben sollte, wenn man in der Nähe ist. Anbei die Hitliste der kuriosen Attraktionen Russlands. Vorschläge für Ergänzungen nehmen wir gerne entgegen:

1. Michail Bulgakows Moskauer Spuk-Wohnung

"Нехорошая квартира" Булгакова

Bulgakow Moskau Meister und Margarita Wohnung Hausflur
Generationen von Bulgakow-Fans haben sich im Hausflur verewigt

Das Haus Nr. 10 an der Uliza Bolschaja Sadowaja im Zentrum von Moskau ist seit Jahrzehnten ein regelrechtes Pilgerziel für Fans des Schriftstellers Michail Bulgakow (1891-1940). Der Literat lebte hier nicht nur einige Jahre lang, sondern er machte seine Wohnung auch zum zentralen Schauplatz seines Kult-Romans "Der Meister und Margarita". In der phantastischen Erzählung wählt der Teufel die Kommunal-Wohnung für die Dauer seines Moskau-Besuchs zum Domizil für sich und sein sonderliches Gefolge. In der "bösen Wohnung" veranstaltet der Satan schließlich auch den Hexenball mit Margarita. Schon zu Sowjetzeiten kamen Literatur-Freaks in das verwahrloste Treppenhaus und malten Verse und Szenen aus dem Roman an die Wände. Heute gibt es in dem Hinterhof der belebten Gartenring-Straße auch ein Bulgakow-Kulturzentrum. Das Museum in der "bösen Wohnung" (Russisch/Englisch)  befindet sich im obersten Stockwerk des Nachbar-Hauseingangs.

2. Elchfarm Sumarokowo

Сумароковская лосиная ферма

Elchfarm Sumarokowo Russland
Die zahmen Elche tragen Halsbänder mit ihren Namen

Die Idee klingt ziemlich verrückt, aber sowjetische Biologen befassten sich schon seit Ende der 1940-er Jahre mit der Frage, ob Elche als landwirtschaftliche Nutztiere infrage kommen. In der Nähe der hübschen Provinzhauptstadt Kostroma an der Wolga existiert seit 1963 die staatliche "Elchfarm Sumarokowo" (Webseite nur Russisch). Vermutlich handelt es sich dabei um den kuriosesten Landwirtschaftsbetrieb im gesamten riesigen Russland. Eigentlich gilt die Domestizierung der großen Geweihträger als Ding der Unmöglichkeit, wegen der hohen Anforderung an ihr Futter können Elche auch nicht in Zoos gehalten werden. Die russische Elchfarm verkauft die Milch der halbwild gehaltenen Hirschtiere, die sich in einem riesigen Waldareal bewegen, aber zu Melk-Zeiten meist zuverlässig zum Farmgebäude zurückkommen. Für Touristen werden Führungen angeboten.    

3. Der "Tempel aller Religionen" in Kasan

Храм всех религий

Tempel aller Religionen Kathedrale Kasan
Im Tempel aller Religionen fand noch nie ein Gottesdienst statt.

Im Jahr 1994 hatte der bekannte tatarische Künstler und Wunderheiler Ildar Chanow eine Vision: Eine Stimme sagte ihm, er solle am nächsten Morgen damit beginnen, einen "Tempel aller Religionen" zu bauen. Jahrelang werkelte Chanow an dem Bau am Stadtrand der tatarischen Hauptstadt Kasan herum. Kirchtürme, Minarette und allerlei andere Kuppeln schossen in den Dorfhimmel. Seit dem Tod des Meisters setzen dessen Freunde das Projekt fort. Selbst untergegangene Religionen wie die des Alten Ägypten haben ihren Platz an der Wolga. Ein Gottesdienst fand in der Anlage noch nie statt, denn Chanows architektonisches Wunderwerk verstößt gegen alle möglichen religiösen Vorschriften, so sind die Moscheen nicht nach Mekka ausgerichtet. Der "Tempel aller Religionen" ist dennoch längst zu einem beliebten und viel besuchten Ausflugsziel geworden, aber normalerweise nur von außen zu besichtigen. Mehr Fotos im Reisebericht "Von der Wolga zum Ural".

4. Die "Schwimmbad-Kirche" St. Petri in St. Petersburg

Петрикирхе в Санкт-Петербурге

St. Petri Petrikirche St. Petersburg
Der Petrikirche in St. Petersburg sieht man ihre bewegte Geschichte nicht an.

Russlands wichtigste evangelisch-lutherische Kirche, St. Petri, liegt im Herzen der einstigen Hauptstadt St. Petersburg, direkt am geschäftigen Newski-Prospekt. Heute finden in dem 1838 eingeweihten, klassizistischen Bau wieder Gottesdienste statt, aber in den Jahrzehnten nach der Oktoberrevolution war das ganz anders: 1937 wurde die Kirche geschlossen, die letzten Pastoren erschossen. Anschließend wurde St. Petri als Lagerhalle zweckentfremdet. Bis in die Nachkriegszeit hinein teilte das Gotteshaus das Schicksal vieler tausend anderer Kirchen im Sowjetreich. Wirklich kurios wurde es in den 1950-er Jahren, als der Bau in eine Schwimhalle umgewandelt wurde. Die Umbauarbeiten konnten auch nach der Rückgabe nicht völlig rückgebaut werden. So ist das Erdgeschoss durch die Betonwanne des einstigen Schwimmbeckens unnutzbar. Der an der Stelle des einstigen Altars eingebaute Zehn-Meter-Sprungturm wurde aber nach der Rückgabe an die russischen Lutheraner wieder ausgebaut.

5. Denkmal für Peter I. (oder Kolumbus) in Moskau

Памятник Петру I

Peter der Große Denkmal Moskau Kolumbus Zereteli
Fast 100 Meter misst das wahnwitzige Monument für Peter den Großen alias Kolumbus

Was hat die Moskauer Obrigkeit im Jahr 1997 bloß geritten, ganz in der Nähe des Kremls eine fast 100 Meter hohe Scheußlichkeit zu errichten? Auf einem Turm aus übereinander gestapelten Schiffen steht eine riesenhafte Figur, die angeblich den Zaren Peter den Großen zeigen und an den 300. Jahrestag der Gründung der russischen Kriegsmarine erinnern soll - eines der höchsten Denkmäler der Welt. Die plausibel klingende Legende besagt, in Wirklichkeit handele es sich bei dem künstlerischen GAU um den Entwurf für eine monumentale Statue von Christoph Kolumbus, die der Bildhauer Surab Zereteli zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas Spanien, den USA und einigen Ländern in Lateinamerika angeboten hatte. Vergeblich, denn niemand wollte die Skulptur aus Moskau haben. Anschließend habe der Bildhauer den Kopf des Bronze-Monsters ausgetauscht und seine Schöpfung der russischen Hauptstadt aufgeschwatzt - Zereteli dementiert, das es so war.

6. Fernsehturm von Jekaterinburg

Екатеринбургская телебашня

Jekaterinburg
Die höchste Bauruine Russlands in Jekaterinburg war weithin sichtbar.

Auf sogar rund 220 Meter Höhe brachte es der Fernsehturm von Jekaterinburg, bzw. das, was von ihm zu sehen war. Der Betonturm in der Millionenstadt im Ural galt - nach dem Ryugyŏng-Hotel in Pjöngjang - als höchste Bauruine der Welt. Während in Nordkorea immer noch gearbeitet wird, ruhten in Jekaterinburg die Arbeiten bereits seit 1991, als nicht nur die Sowjetunion zerfiel, sondern auch das Geld für den Fernsehturm ausging. Bis auf die Montage von Flugwarnlichtern passierte auf der Baustelle nichts mehr. In den Folgejahren entwickelte sich der weithin sichtbare Rohbau zum Treffpunkt für Extrem-Kletterer und Base-Jumper. Nach einer ganzen Serie von Todesfällen wurden die Eingangstüren zum Turm mittlerweile verschweißt und das Gelände für Extrem -Touristen gesperrt. Mittlerweile gibt es nichts mehr zu sehen: Im Frühjahr 2018 wurde die Bauruine gesprengt.

7. Die Filmkulissen von Sarai-Batu

Сарай-Бату

Sarai-Batu Astrachan Filmkulisse
In Sarai-Batu ist alles Atrappe - nur die Kamele sind echt.

In der Halbwüste nordwestlich von Astrachan lag im Mittelalter an einem der beiden Wolga-Arme eine der größten Städte der Welt, Sarai-Batu, die Hauptstadt der Goldenen Horde. Von der einst blühenden Metropole ist nichts mehr erhalten, es blieben einzig einige Scherben, die man mit ein wenig Glück bis heute im Steppensand ausgraben kann. Besucher kamen nur selten in die weitgehend menschenleere Einöde. Dann wurde die karge Gegend Drehort für einen russischen Historienfilm "Empire - Krieger der Goldenen Horde" (Deutscher Filmtrailer) - und mitten in der Steppe entstand die Mongolen-Hauptstadt als Filmkulisse wieder auf. Die Filmleute ließen ihre Bauten zurück, und die entwickelten sich zunehmend zu einer Touristenattraktion. Mehr Informationen zu und Bilder aus Sarai-Batu gibt es in dem Reisebericht "Kaviar, Kamele und Kalmücken".

8. Stadtpark mit Internkontinentalrakete in Orenburg

Мемориальный комплекс-музей «Салют, Победа!»

Orenburg Interkontinentalrakete SS-18
Atomare Interkontinentalrakete SS-18 in einem Park in Orenburg

Gedenkstätten mit historischen Panzern und Raketenwerfern zum Andenken an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gegen Hitler-Deutschland gibt es nahezu überall in Russland. Auch die Stadt Orenburg ist da keine Ausnahme. Der Park "Saljut, Pabeda!" ("Salut zum Sieg") am Rand des Stadtzentrums beschränkt sich aber nicht auf die Weltkriegszeit: Hier hat man gleich auch noch eine atomare Interkontinentalrakete vom Typ R-36M (Nato-Code: SS-18 Satan) in die Grünanlagen gestellt. Das makabre Exponat wurde in den Jahren ab 1983 von den sowjetischen Raketenstreitkräften in Dienst genommen. Die gigantischen Monster hätten in einem Dritten Weltkrieg die USA und ihre westeuropäischen Verbündeten in Staub und Asche verwandeln sollen. Die in Orenburg ausgestellte Rakete ist über 34 Meter lang und wiegt rund 211 Tonnen.


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