"Gute Bügelmaschinen und gute Möbel sollten keine Errungenschaft sein, sondern einfach zur Verfügung stehen. Und zwar nicht nur der Volkswirtschaft, sondern der Hauswirtschaft. Jeder, auch unserer."

Die Satire-Zeitschrift "Krokodil" über die WDNCh während der Perestroika-Jahre 

 

Disneyland des Kommunismus - Das WDNCh-Gelände

ВДНХ СССР

Einst wollte die sowjetische Führung hier Besuchern aus dem In- und Ausland die Überlegenheit der östlichen Planwirtschaft demonstrieren. Die "Ausstellung der Volkswirtschaftlichen Errungenschaften der UdSSR", abgekürzt "WDNCh" und ausgesprochen "Wee-Dee-Enn-Cha" ist eine Ansammlung von Denkmälern, pompösen Springbrunnen, Parkanlagen und einer Vielzahl von "Pavillons", in denen einst die Erzeugnisse verschiedener Wirtschaftszweige ausgestellt wurden. Bei Zuckerwatte und Vanilleeis konnten sich Familien und ausländische Reisegruppen hier einst über die Spitzenleistungen sowjetischer Raumfahrtingenieure oder Rinderzüchter informieren. Nach der Wende geschlossen und verwahrlost, wurde das Areal in den vergangenen Jahren wieder auf Vordermann gebracht.

Wostok-Rakete WDNCh Ausstellung Moskau
Vor dem ehemaligen Kosmos-Pavillon auf dem WDNCh-Gelände steht noch das Modell einer Wostok-Rakete

Die insgesamt über 100 Pavillons auf dem Ausstellungsgelände entstanden in ihrer heutigen Form überwiegend in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen 1948 und 1959. Neben den einzelnen Branchen der Sowjetwirtschaft hatten auch die Teilrepubliken ihre eigenen Ausstellungsflächen. Mit Jewgeni Wutschetitsch war an den Arbeiten auch der Bildhauer beteiligt, der später in Wolgograd das Monumentaldenkmal "Mutter Heimat ruft" schuf. Über die Jahre hinweg fielen allerdings viele der ursprünglichen Bauten Umbauarbeiten und Bränden zum Opfer, oder sie wurden gleich ganz abgerissen. Das heutige Gelände ist relativ groß, allein der einfache Weg von der Metrostation "WDNCh" zum Kosmos-Pavillon mit der Wostok-Rakete beträgt fast zwei Kilometer!


Rundgang über das WDNCh-Gelände:

Als Ausflugsziel lohnt die ehemalige Sowjet-Leistungsschau nicht nur für altlinke Nostalgiker: Hier finden das ganze Jahr über viele Aktionen und Veranstaltungen statt, das Spektrum reicht von Blumenzüchter-Ausstellungen und Honig-Messen über Ausstellungen zum sowjetischen Personennahverkehr bis hin zu winterlichen Eislaufbahnen und einem Weihnachtsmarkt. Der Eintritt auf das eigentliche Gelände ist kostenfrei. Für einzelne Attraktionen und Ausstellungen muss u. U. eine Eintrittskarte gelöst werden.

Offizielle Webseite (Russisch/Englisch/Chinesisch)

 


"Den Eroberern des Weltalls" und "Arbeiter und Kolchosbäuerin"

Монументы "Покорителям космоса" и "Рабочий и колхозница"

Denkmal Eroberer des Weltalls Rakete Moskau
Das Denkmal für die Eroberer des Weltalls zeigt eine startende Rakete

In der Nähe des WDNCh-Geländes befindet sich der Standort von zwei der imposantesten Denkmäler aus der Sowjetzeit. Auf dem Weg von der Metro-Station zum Haupteingang des Ausstellungsgeländes passieren Besucher das 107 Meter hohe Monument einer startenden Rakete aus Titan: Das "Denkmal für die Eroberer des Weltalls" ("Monumént Pakaríteljam Kósmossa") wurde 1964 fertiggestellt. Bereits 1958, kurz nach dem Start des weltweit ersten Satelliten "Sputnik" hatte die Sowjetregierung einen landesweiten Künstlerwettbewerb organisiert, um die Leistungen der vaterländischen Weltraumforschung gebührend zu feiern. An der Vorderseite des Denkmals erinnert eine Skulptur an Konstantin Ziolkowski (1857-1935), einen Vordenker der modernen Raumfahrt-Forschung. 

Im Unterbau der startenden Rakete befindet sich das Moskauer Raumfahrt-Museum. Zu seinen Exponaten zählen Modelle von Raketen, ein Nachbau des Mondmobils "Lunochod" und persönliche Gegenstände aus dem Besitz sowjetischer Kosmonauten. Leider habe ich es in 20 Jahren noch nie geschafft, dieses Museum selbst zu besuchen.

Arbeiter und Kolchosbäuerin WDNCh Moskau
Arbeiter und Kolchosbäuerin - grauer Stahl vor grauem Himmel

Euophorisch Richtung Kommunismus: Das monumentale Denkmal "Arbeiter und Kolchbäuerin" ("Rabótschi i kalchósniza") spiegelt den Geist der frühen Stalin-Ära wider. Die Bildhauerin Vera Muchina schuf die beiden Stahlfiguren für die Weltausstellung 1937 in Paris: Ein Arbeiter und eine Bäuerin eilen energisch in die Zukunft, Hammer und Sichel in die Höhe gereckt. Damals, am Eiffelturm, blickten die beiden übrigens direkt auf den vis-à-vis gelegenen Pavillon des nationalsozialistischen Deutschen Reichs.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die stählernen Proletarier dann am Gelände der Volkswirtschaftsausstellung montiert - zunächst gegen Muchinas Protest auf einem deutlich niedrigeren Unterbau. 2003 wurden der Arbeiter und die Kolchosbäuerin zunächst für einige Jahre ganz abgebaut, 2009 kehrten die beiden an den alten Platz zurück, dieses Mal auf einen Nachbau des Pariser Pavillons. Das Denkmal ist seit Jahrzehnten auch Symbol für die in der Nähe gelegenen Mosfilm-Studios und deshalb im Vorspann vieler sowjetischer und russischer Kinoproduktionen zu sehen.


Eingang und Hauptpavillon

Главный вход и Главный павильон ВДНХ

WDNCh Eingang Moskau
Weg zum Hauptpavillon der WDNCh

Der Haupteingang zur einstigen sowjetischen Leistungsschau führt durch einen gigantischen, kitschigen Triumphbogen, gekrönt von Bauern, die stolz ihre Ernte in den Himmel heben. Hinter dem Eingang fällt der Blick sofort auf einen breiten, von Springbrunnen flankierten Flanierweg, der bis zum 1954 erbauten Hauptpavillon des WDNCh-Geländes führt. Seit einigen Jahren ist dieser, nach der Wende etwas verwahrlost wirkende Paradezugang wieder gut gepflegt.

 

Links und rechts bieten viele Cafés und Kioske Eis, Getränke und Snacks. Und vor dem Hauptpavillon erinnert wie eh und je ein Denkmal an Revolutionsführer Wladimir Lenin.


Springbrunnen "Völkerfreundschaft" und "Steinerne Blume"

фонтаны "Дружба народов" и "Каменный цветок"

Brunnen Völkerfreundschaft WDNCh Moskau
Der Völkerfreundschaft-Brunnen erfreut durch seinen protzigen Kitsch

Hinter dem Hauptpavillon wartet das kitschigste Bauwerk - und zugleich das mit Abstand beliebteste Fotomotiv - der WDNCh auf die Besucher: Der Sprungbrunnen "Völkerfreundschaft" mit 16 vergoldeten Mädchen-Figuren. Jede der jungen Frauen symbolisiert eine der Teilrepubliken der Sowjetunion. Dass es 16 statt 15 sind, liegt daran, dass zum Zeitpunkt der Einweihung Karelien ebenfalls den Status einer eigenständigen Sowjetrepublik besaß und erst später zu einer Autonomie innerhalb Russlands herabgestuft wurde. 

Wer dem Hauptweg weiter folgt, stößt schon kurze Zeit darauf auf einen weiteren prachtvollen Springbrunnen, die "Steinerne Blume", der mit Figuren aus den Märchen des Ural-Heimatdichters Pawel Baschow geschmückt ist. An dessen hinterem Ende steht der markante Pavillon, in dem sich einst die Ukraine präsentierte.

 


Pavillon Nr. 32 "Kosmos"

Павильон № 32 "Космос"

Am Kosmos-Pavillon auf dem Moskauer WDNCh-Gelände
Am Kosmos-Pavillon auf dem Moskauer WDNCh-Gelände

Der Pavillon "Kosmos" war einst eine der größten Attraktionen der WDNCh. Die einstigen Exponate haben die Wende bedauerlicherweise nicht überstanden, sie wurden nach 1991 wie Müll zur Seite geräumt und verschwanden dann. Einige Jahre lang war die riesige Halle ein Ausstellungssalon für importierte Luxus-Limousinen. Auch auf dem Vorplatz ist nicht mehr alles so wie früher. Zwar blieb die Wostok-Weltraumrakete erhalten. Aber von den zwei in der Nachbarschaft ausgestellten Passagierflugzeugen steht dort nur noch das Exemplar des Regionaljets Yak-42. Eine der legendären Tupolew-154 wurde vor rund zehn Jahren als Metallschrott entsorgt. Noch nach 2000 standen viele dieser Maschinen im regulären Liniendienst, inzwischen haben sie echten Seltenheitswert. Wohl im Zuge der Rückbesinnung auf die alten Zeiten wurden ein Helikopter und ein Suchoi-Kampfjet auf dem Platz aufgestellt.

Hinter dem "Kosmos"-Pavillon ist noch lange nicht das Ende des WDNCh-Geländes erreicht. Wer weiter wandert, kommt in die landwirtschaftlich geprägten Teile des Geländes zu Pavillons wie "Tabakwirtschaft" und der "Kaninchenzucht". Wessen Zeit begrenzt ist, der kann an der Rakete aber auch getrost umdrehen und den langen Rückweg beginnen.