"Drei Schwestern mit Blick aufs Meer

In den Schlaf gewiegt vom Wellengesang
Seit Jahrhunderten kämpfen drei Völker schwer,
Alte Ehre verloren im Opfergang"

Liedzeile aus "Atomstas Baltija" ("Das Baltikum erwacht") von Boriss Rezņiks und Valdis Pavlovskis

 

 

Sommerfrische im Baltikum

Reisebericht Estland, Lettland und ein klein wenig Litauen 2022

Bunte Holzhäuschen inmitten grüner Wiesen wie in Skandinavien, undurchdringliche Sümpfe und wilde Wälder wie tief in Russland, altehrwürdige Hansestädte mit engen Kopfsteinpflaster-Gassen wie in Norddeutschland und immer wieder die blaue Ostsee - auf den Reisenden wirkt das Baltikum auf den ersten Blick wie eine gelungene Mischung der Regionen ringsum. Dabei haben Estland, Lettland und Litauen allesamt auch ihre unverwechselbaren Eigenheiten. Eigentlich liegen die drei baltischen Staaten mitten in Europa, aber aus der Sicht eines Deutschen blieben sie auch nach der Aufnahme in die EU doch gefühlt weiter am Rand. Dazu trägt bei, dass die drei westlichsten ehemaligen Sowjetrepubliken von Deutschland aus ziemlich umständlich zu erreichen sind, wenn man nicht fliegen will. Das ist sehr schade, denn es gibt im Baltikum so viel zu sehen und zu erleben.

Sonnenuntergang an der Ostseeküste in Estland Schatten am Strand von Pärnu
Sommerabend am Strand von Pärnu

Reiseroute:

Im August 2022 wollten wir - Krisen hin oder her - ein wenig Ferien machen, doch es gab auch allerlei familiäre Verpflichtungen. Daher teilten wir uns auf: Anna und Sohn starteten zunächst nach Russland, ich währenddessen nach Norddeutschland. Dann wollten wir uns an der russisch-estnischen Grenze treffen und den restlichen Urlaub gemeinsam verbringen. 

In den Jahren, als wir noch in Moskau lebten, waren wir einige Male für ein verlängertes Wochenende im Baltikum - damals, um etwas "westliche Luft" zu schnappen, auch ergaben sich in dieser Zeit einige Gelegenheiten für Reportagereisen nach Estland, Lettland oder Litauen. Aber das alles ist sehr lange her. Von einem kurzen Besuch auf der Kurischen Nehrung in Litauen und einigen Umsteigeflügen nach Moskau über Riga abgesehen war ich nun schon stolze 15 Jahre lang nicht mehr in der Region.

Natürlich haben wir die schrillen Nachrichten aus dem Baltikum wahrgenommen - die Berichte über den Abriss von Weltkriegsdenkmälern, die hysterischen Debatten über Grenzschließungen und Einreiseverbote. Und natürlich haben auch wir vorab überlegt, wie das wohl werden würde - als irgendwie ja doch auch russische Familie in diesen Kriegszeiten dorthin zu reisen. Das Wesentliche also vorneweg: Es gab die wenig erbaulichen Politiker-Statements, es gab Social Media mit seinen Trollen - und dann es gab die baltische Realität. In der erlebten zumindest wir, dass ausnahmslos alle Leute freundlich mit Besuchern umgehen. Definitiv wird im Baltikum niemand aufgefressen, weil er in der Öffentlichkeit Russisch spricht.

Dieser Bericht beschreibt meine Reise auf der Route Travemünde - Liepaja - Valga - Tartu - Narva - Tallinn - Pärnu - Riga - Kaunas - Bialystok und kommt daher - fast - ohne Russland aus. 


Auf nach Lettland!

Fährüberfahrt auf der Stena Flavia von Travemünde nach Liepaja
Bestes Reisewetter auf der Ostsee

Als ich überlege, wie ich unseren Treffpunkt erreichen könnte, wird schnell klar, dass der beste Weg aus Schleswig-Holstein ins Baltikum über die Ostsee führt. Rund 20 Stunden benötigen die Schiffe der Stena Line für eine Fahrt von Travemünde nach Liepaja. Als Kind waren die großen Fähren, die am Skandinavienkai ablegen, für mich als gebürtigen Lübecker der Inbegriff der großen weiten Welt. Oft stand ich am Strand ich schaute ihnen sehnsüchtig hinterher. Also buche ich ein Bett in einer billigen Männerkajüte und habe Glück mit meinem Reisegefährten - einem redseligen Russen aus Riga, der schon seit vielen Jahren in Schleswig-Holstein lebt, aber sich trotzdem freut, sein Deutsch zu trainieren. Denn im Alltag, räumt er ein, habe er noch immer kaum Kontakte zu den einheimischen Deutschen knüpfen können.

Die Stena Flavia ist etwas kleiner als die großen Finnland- oder Schweden-Fähren, an Bord befindet sich eine bunte Mischung aus Lastwagen-Fahrern, Touristen und Balten auf Heimatbesuch. In der Warteschlange zur Essensausgabe ist Russisch die am häufigsten zu hörende Sprache, entsprechend hat die Reederei auch das kulinarische Angebot angepasst: Beim Mittagessen wird zum "Thai Chicken" anstelle von Reis Buchweizen als Beilage gereicht. Ansonsten ist das famose Bordrestaurant allerdings über jede Kritik erhaben. Ich plaudere mit meinem neuen Bekannten über die Lage in Deutschland, Lettland und Russland und verbringe den Rest der Überfahrt im Liegestuhl auf dem Sonnendeck. Unverständlich, wieso es Menschen gibt, die auf dieser Strecke das Flugzeug nehmen...


Liepāja

Dünen am Strand von Liepaja in Lettland
Abendstimmung am Ostsee-Strand von Liepaja

Sergej lässt es sich nicht nehmen, mich vom Fährhafen ins Stadtzentrum zu fahren, wo ich ein Hotel für eine Nacht gebucht habe. Mein neuer Freund mag die Stadt nicht, er findet, sie wirke verlassen und heruntergekommen. Aber mir gefällt Liepaja mit seinen alten hölzernen Sommervillen, den rumpelnden Straßenbahnen und dem allgegenwärtigen Möwen-Geschrei. Nach dem Einchecken bleibt noch Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang bis zur Ostsee.

 

Liepaja (Libau) ist derzeit die drittgrößte Stadt Lettlands. Bereits unter der Zarenherrschaft war nördlich des historischen Zentrums einer der wichtigsten Häfen der russischen Kriegsmarine entstanden. Später, zu Sowjetzeiten, war Liepaja wegen seiner militärischen Bedeutung daher eine selbst für die meisten Sowjetbürger "geschlossene Stadt", die niemand ohne Sondergenehmigung betreten durfte. Nach der Unabhängigkeit zog rund ein Drittel der einst deutlich über 100.000 Einwohner fort - längst nicht nur Militärangehörige.

 

Touristisch blieb die Stadt wegen ihrer Vergangenheit als wichtiger Militärstützpunkt immer im Schatten von Jurmala an der Rigaer Bucht, obwohl es auch hier einen phantastischen, langen Dünen-Strand gibt. Dort am Meer ist eine so sсhöne Abendstimmung, dass ich bis zum Sonnenuntergang bleibe und dann entsetzt feststelle, dass im Zentrum bereits alle Lokale geschlossen haben. Mit Mühe finde ich noch einen Supermarkt, bei dem ich etwas zu essen bekomme. Hier bestätigt sich das verbreitete Klischee von den in digitalen Dingen fortschrittlichen Balten zum ersten Mal: Alle Kassierer sind durch Automaten ersetzt, nur eine einzige Aufpasserin hilft Kunden, die mit dem System nicht klarkommen. 

Nach der Übernachtung in Liepaja habe ich nun noch etwas mehr als 24 Stunden Zeit, um zum 700 Kilometer entfernten Treffpunkt am russisch-estnischen Grenzübergang zu gelangen. Zunächst geht es auf eine dreistündige Busfahrt in die lettische Hauptstadt Riga. Der Zugverkehr in diesem Teil Europas lässt doch etwas zu wünschen übrig: Zwischen der größten und der drittgrößten Stadt Lettlands verkehren im Sommer 2022 genau zwei Züge je Richtung - pro Woche! 


Valga / Valka

Bahnhof in Valga Estland
Der imposante Bahnhof von Valga

In Riga will ich in den Zug umsteigen, aber auch das ist einfacher gesagt als getan. Denn am Hauptbahnhof versucht die Schalterdame, mir das Vorhaben auszutreiben und will mir eigentlich kein Ticket verkaufen. Ich solle lieber den Bus nehmen. Niemand fahre aus Riga mit der Bahn nach Estland, denn ich müsste dann vier Stunden Umsteigezeit am Grenzbahnhof Valga irgendwie totschlagen. Warum die Eisenbahngesellschaften der beiden baltischen Nachbarstaaten keinen gescheiten Fahrplan für ihre Handvoll Züge organisieren können, weiß ich nicht, aber es macht mir nichts aus. Denn nach Valga wollte ich sowieso schon immer einmal: 

 

Die Kleinstadt ist ein historisches und geografisches Kuriosum - mitten durch das Zentrum verlief seit 1920 und erneut seit 1991 die Staatsgrenze zwischen Estland und Lettland. Hier gab es zwischen den Weltkriegen und nach dem Zerfall der UdSSR Grenzkontrollen, aber seit dem Beitritt zum Schengen-Abkommen kann man wieder ungestört zwischen dem estnischen Valga und dem lettischen Valka hin- und herlaufen.

Allerdings sind vier Stunden doch etwas viel bemessen für die beiden kleinen Orte, die zwar ein paar hübsche Bauten und jede Menge Grenzsteine aufweisen, aber keine wirklich herausragenden Sehenswürdigkeiten zu bieten haben. Imposantestes Bauwerk ist tatsächlich der riesige Bahnhof, der einst an der wichtigen Schnellzuglinie von Leningrad nach Riga lag. Personenverkehr über die nahe Grenze nach Russland gibt es hier schon mindestens 20 Jahre nicht mehr, aber für Wirtschaftskriegszeiten warten hier erstaunlich viele russische Güterwaggons auf ihre Weiterfahrt. Jedoch gibt es in Valga noch das ganz hervorragende Restaurant Lilli (Facebook-Seite), wo man mir das beste Essen der gesamten Tour auftischt. Allein schon wegen der Mittagspause im hübschen Hof des Lokals hat sich der Zwischenstopp in der geteilten Stadt gelohnt.


Tartu

Stadtzentrum von Tartu in Estland
Am Rathausplatz von Tartu

Das eine Stunde nördlich der Grenze gelegene Tartu, wo ich für die Nacht ein Zimmer reserviert habe, ist eine der großen Überraschungen dieser Reise. Hier bin ich zuvor ebenfalls noch nie gewesen, und noch nie habe ich auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion eine Stadt erlebt, in der absolut nichts an die sowjetische Ära erinnert. Mit seiner altehrwürdigen Hochschule - der einzigen Volluniversität Estlands - ist Tartu das wissenschaftliche Zentrum der Baltenrepublik. Abends kommt man sich im Zentrum vor wie in Marburg oder Tübingen, eine lockere, fröhliche Atmosphäre liegt in der Luft. An vielen Tischen reden die Studenten aus aller Herren Länder in Englisch miteinander. 

Eine von Geschichte und jahrhundertelanger Gelehrsamkeit geprägte Stimmung herrscht derweil auf dem Domberg, der das Zentrum überragt. Dort befinden sich rings um die beeindruckende Ruine der mittelalterlichen Kathedrale viele Institutsgebäude der Universität. Die Hochschule in Tartu (damals Dorpat) war bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vom Schweden-König Gustav II. Adolf (wer es nicht weiß: Das ist der aus dem Dreißigjährigen Krieg) gegründet worden. Nachdem die Gegend an Russland fiel, wurden hier Generationen der baltendeutsche Elite der nunmehr russischen Ostsee-Gouvernements ausgebildet. Bis 1893 war die Hochschule faktisch eine deutsche Universität, in der neben einigen Russen ganz überwiegend deutsche Professoren auf Deutsch lehrten - darunter solche "Leuchten der Wissenschaft" wie der Chemie-Nobelpreisträger Friedrich

Wilhelm Ostwald oder der Astronom Friedrich Georg Wilhelm Struve. Dessen Observatorium auf dem Domberg von Tartu gehört sogar zum Weltkulturerbe.

Gerne hätte ich das alles noch gründlicher erkundet, aber mir bleibt nur ein Abend in dieser hübschen Stadt.


Narva / Iwangorod

Die Burgen von Narva und Iwangorod an der Grenz zwischen Russland und Estland
Nicht immer ging es an der Grenze bei Narva friedlich zu

Am nächsten Morgen muss ich schon wieder sehr früh aufstehen, mit dem Zug fahre ich an den östlichsten Punkt des Baltikums in die Grenzstadt Narva. Wohl nirgendwo wird der neue Kalte Krieg zwischen Nato, EU und Russland so spektakulär in Szene gesetzt wie hier. Bereits vor Jahrhunderten verlief an dieser Stelle einmal eine Grenze, an der es nicht sehr freundschaftlich zuging. Auf der einen Seite des Narva-Flusses wurde sie von der Hermannsfeste des Deutschordens bewacht. Ihr gegenüber steht am anderen Ufer die riesige Burg von Iwangorod, die ihr heutiges Aussehen in der Zeit von Iwan dem Schrecklichen erhielt. Die Brücke zwischen den beiden Bollwerken ist heute der wichtigste Grenzübergang zwischen Estland und Russland.

 

Und längst weht hier wieder ein eisiger Wind. Dabei wohnen heute auf beiden Seiten überwiegend Russen - über 95 Prozent der Bevölkerung in Narva sind russischsprachig (dennoch bleiben kyrillische Beschriftungen aufgrund des restriktiven estnischen Sprachengesetzes im Stadtbild weitgehend Tabu).

Hier also soll ich auf den Rest der Familie warten. Die beiden waren mit dem Nachtzug nach St. Petersburg gefahren. Seit die EU nach dem russischen Angriff auf die Ukraine die Flug- und Bahnverbindungen nach Russland gekappt hat, verkehren von dort immerhin noch einige Linienbusse nach Estland. Doch niemand weiß, wie viele Stunden sie hier am Grenzübergang stehen müssen. Daher hatte ich dazu geraten, mit dem Taxi bis zum russischen Schlagbaum zu fahren und dann zu Fuß nach Estland zu kommen.

Ich sitze an der estnischen Uferpromenade und richte jedes Mal den Zoom des Fotoapparats auf die Brücke, wenn dort zwei Gestalten nebeneinander erscheinen. So vergeht einige Zeit, ich mache mir aber keine übermäßigen Sorgen, denn ich hatte gelesen, dass auch die Abfertigung der Fußgänger hier schon einmal einige Stunden dauern kann. Schließlich erreicht mich eine besorgte SMS: Die beiden sind schon längst in Estland und warteten ihrerseits auf ein Lebenszeichen von mir. Die Ausreise aus Russland hatte nur rekordverdächtige fünf Minuten gedauert, und selbst auf estnischer Seite der Brücke waren nach einer knappen Dreiviertelstunde und einer unfreundlichen kurzen Befragung die Einreiseformalitäten erledigt.

Wir nutzen die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges nach Tallinn für eine Stippvisite in der estnischen Burg, die ein Museum beherbergt. Die Eintrittskarten erscheinen uns mit 15 Euro zu teuer, aber auch ohne Ticket dürfen wir auf eine Aussichtsplattform klettern, von der aus es eine atemberaubende Aussichten auf das für mich - ohne gültiges Visum - unerreichbare Russland gibt. Außerdem steht in Festungsnähe noch das letzte Lenin-Denkmal des Baltikums. Ansonsten gibt es in Narva nicht viel zu tun. Im Zweiten Weltkrieg wurde hier alles nahezu komplett dem Erdboden gleichgemacht und anschließend nicht sonderlich ansprechend wieder aufgebaut.


Tallinn

Altstadt von Tallinn
Eine Hauptstadt wie aus dem Bilderbuch - Tallinn

Tallinn, das steht für mich außer Frage, ist die zauberhafteste Hauptstadt Europas (na ja, vielleicht gleich auf mit Sarajevo, an das ich auch mein Herz verloren habe). Die Altstadt mit ihren mittelalterlichen Kirchen und Stadtmauer-Türmen und ihrem Laybrinth aus Kopfsteinpflaster-Gassen erinnert mich an meine Heimatstadt Lübeck, ist im Zweiten Weltkrieg aber nicht ganz so stark zerstört worden. Die Türme von Dom, Olai- und Nikolai-Kirche sowie der orthodoxen Alexander-Newski-Kathedrale und des Rathauses mit seiner berühmten Wetterfahne "Alter Thomas" bilden eine unverwechselbare Silhouette. Das beste, was man in Tallinn tun kann, ist einfach durch das alte Zentrum zu schlendern.

Auch in Tallinn (bis 1919 hieß die Stadt Reval) gaben sich seit dem Mittelalter die unterschiedlichsten Herrscher die Klinke in die Hand: Dänen, Schweden, der Deutsche Orden, Russen und Sowjets. Alle haben ihre Spuren in der Stadt hinterlassen. Während unseres Besuchs werden gerade mehrere der wichtigsten Wahrzeichen von Tallinn gleichzeitig saniert und sind deshalb eingerüstet. Die Nikolaikirche mit dem weltberühmten Totentanz-Gemälde von Bernt Notke aus der Zeit der Pest-Epidemien ist leider gar nicht zugänglich. Wir trösten uns an dem Umstand, dass sich gleich in der Nachbarschaft ein famoses georgisches Restaurant befindet, in dem wir schlemmend den Abend verbringen und die Leckerein mit dem echten, salzigen Borschomi-Mineralwasser herunterspülen. Leider gibt es so etwas in unserer neuen rheinland-pfälzischen Heimat bis heute nicht.

Nach einem Abend und einem Vormittag in der Hauptstadt wollen wir nun endlich unser eigentliches Feriendomizil in Pärnu ansteuern. Am Busbahnhof stellen wir fest, dass die beiden nächsten Busse schon ausgebucht sind, daher nutzen wir die Wartezeit für einen Spaziergang zum nahe gelegenen Schloss Catherinenthal (Kadriorg), das Peter der Große einst für seine zweite Ehefrau Katharina bauen ließ. Der großartig gepflegte Park rund um das Anwesen lässt jedes Gärtnerherz höher schlagen.


Pärnu

Pärnu Strand
Sonnenuntergang am Strand von Pärnu

Am nächsten Ziel unserer Reise wollen wir nun endlich einmal etwas länger Halt machen und verschnaufen. Für eine knappe Woche bleiben wir in Pärnu (Pernau) auf der Nordseite des Rigaer Meerbusens. Der geschichtsträchtige Ferienort gilt ganz offiziell als estnische "Sommerhauptstadt". Seit dem 19. Jahrhundert kommen Erholungssuchende hierher - angezogen vom kilometerlangen feinen Sandstrand. Vor allem für Familien mit kleinen Kindern ist die Ostseeküste hier ein Traum. Die Bucht ist so flach, dass das Wasser trotz der Lage weit im Norden angenehme Badetemperaturen erreicht (in unserem Fall bis 23 Grad) und niemand Angst haben muss zu ertrinken. Badegäste, die eine Wassertiefe zum Schwimmen bevorzugen, müssen allerdings erst Hunderte Meter ins Meer hinauslaufen.

 

Für unsere erholsame Auszeit sind wir in einer alten, aber topmodern ausgebauten Haushälfte untergekommen, morgens und abends laufen wir an den nahe gelegenen Strand, es passiert ansonsten relativ wenig, aber genau das wollten wir ja so haben. In der Nachbarschaft parken viele Autos mit finnischen Kennzeichen. Bei Finnen ist Pärnu offenbar ein sehr beliebtes Ziel für Strandferien im sonnigen Süden.


Pärnu hat auch eine winzige Altstadt, die genau genommen gerade einmal vier recht kurze Parallelstraßen umfasst. Hier konzentrieren sich Lokale und Läden, und erfreulicherweise gibt es auch hier einen obligatorischen "Georgier" zum Einkehren. Zwischen dem Zentrum und dem Strand liegen Viertel voller hübscher Holzhäuser, die mehrheitlich an Feriengäste vermietet werden. Direkt am Meer stehen einige architektonisch nicht ganz so gelungene größere Hotels und Ferienheime.

 

Und dann gibt es noch die über zwei Kilometer lange, aus riesigen Findlingen aufgeschüttete Mole, auf der man weit ins Meer hinausklettern kann. Ein verliebtes Paar, das den Weg schafft und sich weit draußen am Leuchtfeuer küsst, bleibt für immer zusammen - so die hübsche Legende. Weitere Attraktionen hier sind die schicken, von EU finanzierten Vogel-Beobachtungstürmen in den Marschwiesen hinter dem Badestrand, wo wir allerdings außer ein paar Enten keine Vögel vorfinden und eine teure Pizzeria, die so berühmt ist, dass vor dem Eingang immer eine lange Warteschlange steht. Einmal stellen auch wir uns dort an, sind aber eher enttäuscht von dem kulinarischen Angebot des Lokals.


Insel Kihnu

Eingang zum Kihnu Museum
Am Heimatkundemuseum der Insel Kihnu

Im Gegensatz zu Lettland und Litauen gehören zu Estland auch zahlreiche Ostsee-Inseln. Zumindest eine davon, Kihnu, wollen wir uns einmal etwas näher anschauen. Allgemein, so heißt es über Estlands Inselwelt, hätten sich dort noch viele der ursprünglichen Traditionen bewahren können. Hier blieben die Esten stets weitestgehend unter sich. Von Kihnu kursieren beispielsweise viele Fotos mit Frauen in schicken Trachten, die in altertümlichen Motorrädern mit Beiwagen über die örtlichen Schotterpisten knattern. Frauen hatten hier schon immer das Zepter in der Hand, während die Männer sich auf See oder als Robbenjäger verdingten.

 

Aber ganz so romantisch geht es dann im Jahr 2022 doch nicht mehr zu. Drei- bis viermal am Tag verbindet eine moderne Autofähre das Festland mit der Insel, auf der rund 700 Menschen leben. Die gut einstündige Überfahrt führt durch extrem flaches Wasser, so dass das Schiff eine eigenartige Route voller Kurven nehmen muss.

Auf Kihnu wandern wir ein wenig durch die aromatischen Kiefernwälder und besichtigen das putzige Heimatkundemuseum, wo man mehr über die Geschichte des Eilands erfahren kann. Direkt gegenüber steht die Inselkirche mit ihrem evangelisch anmutenden Turm, der von einer orthodoxen Kuppel gekrönt wird. Tatsächlich konvertierte komplette Bevölkerung von KIhnu im 19. Jahrhundert zum orthodoxen Glauben. Daran halten die Leute bis heute fest.

Schließlich finden wir noch eine menschenleere Badebucht. Dort können wir die spiegelglatte Ostsee bei völliger Windstille bestaunen, bevor wir abends schon in Richtung Festland ablegen.


Rīga

Riga Aussicht von der Petrikirche
Blick auf die Altstadt von Riga

Während die Eisenbahn im Baltikum schon wesentlich bessere Zeiten erlebt hat, gibt es über den Fernbusverkehr in der Region nichts zu meckern. Die großen Anbieter wie Ecolines oder Luxexpress bieten zuverlässige und komfortable Verbindungen nach halb Europa. Von Pärnu aus brauchen wir keine drei Stunden bis in die größte Stadt des Baltikums - Riga. Hier haben wir nicht nur eine Stadtbesichtigung geplant, sondern auch ein Treffen mit einer lieben Kollegin aus Moskauer Zeiten, die gerade ebenfalls eine Rundreise durch das Baltikum macht. In Narva hatten wir uns um einen halben Tag verpasst, aber In der Hauptstadt von Lettland überschneiden sich nun unsere Wege.

Zunächst aber steht noch ein kleiner Bummel durch die hanseatisch anmutende kompakte Altstadt am rechten Ufer der Düna auf dem Programm. Höhepunkt für mich ist eine Fahrt mit dem Fahrstuhl auf den Turm der Petrikirche, wo es definitv die besten Ausblicke auf Riga gibt. Die einstige Hauptkirche der örtlichen deutschen Gemeinde stammt aus dem 13. Jahrhundert, war im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt und teilweise eingestürzt, wurde aber zu Sowjetzeiten wiederaufgebaut. Auch ein Abstecher zur berühmten, 43 Meter hohen Rigaer Freiheitsstatue von Kārlis Zāle aus dem Jahr 1935 darf bei dem Rundgang nicht fehlen.

Eigentlich wollen wir vor der Weiterfahrt noch ein wenig die Straßenzüge außerhalb der Altstadt erkunden, in denen besonders viele fabelhafte Jugendstilbauten die Zeiten überdauert haben - der Hauptgrund übrigens, warum auch Riga heute zum Weltkulturerbe zählt. Für alle Adressen reicht die Zeit leider nicht mehr.


Kaunas

Freiheitsalle Laisvės Alėja und Garnisonskirche in Kaunas Litauen
Freiheitsallee mit der Garnisonskirche in Kaunas

Nach nur einem halben Tag in Riga steht uns noch einmal eine vierstündige Busfahrt bevor, denn eigentlich befinden wir uns schon auf der Heimreise. Unser Ziel für die nächste Nacht ist Kaunas, die zweitgrößte Stadt Litauens. Weil wir erst spät angekommen und ich wegen einer schlimmen Blase am Fuß kaum noch laufen kann, muss der geplante zweite Stadtrundgang innerhalb eines Tages ganz kurz ausfallen. Wir beschränken uns im Wesentlichen darauf, einmal die zentrale Freiheitsallee Laisvės alėja entlang zu spazieren bzw. zu humpeln. Der hübsche Boulevard, der in den 1970er-Jahren zu einer der ersten Fußgängerzonen der Sowjetunion umgewandelt wurde, ist von vollbesetzten Cafés und Restaurants gesäumt.

Tatsächlich hätte Kaunas mehr Aufmerksamkeit verdient. Es gibt eine sehenswerte Altstadt am Zusammenfluss von Memel und Neris, zu der wir es nicht mehr schaffen, und außerdem viele repräsentative Bauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weil Polen im Polnisch-litauischen Krieg 1920 dessen historische Hauptstadt Vilnius erobert hatte, zog die litauische Regierung damals notgedrungen nach Kaunas.

 

Auch unser Hotel "Metropolis" mit seiner gediegenen Lobby und den meterhohen Zimmern scheint aus dieser Zeit zu stammen. Hier strahlt alles einen Geist der alten Zeit aus, einzige sichtbare Neuerung der letzten Jahrzehnte: Eine der Uhren an der Rezeption ist überklebt und zeigt nicht mehr die Zeit in Moskau, sondern in Kiew. Eine Gedenktafel an der Außenfassade erinnert zudem an den berühmtesten Dauergast des Hotels - den japanischen Konsul Chiune Sugihara, der die letzten Monate vor seiner Abberufung vom Metropolis aus arbeitete. Sugihara rettete 1940 Tausenden in Litauen gestrandeten Juden das Leben, indem er ihnen gegen alle Vorschriften japanische Transitvisa ausstellte. Dafür wurde der zum Christentum konvertierte Diplomat nicht nur in Israel als "Gerechter unter den Völkern" geehrt, sondern von der kleinen japanisch-orthodoxen Kirche sogar heiliggesprochen. 


Białystok

Branicki-Palast in Bialystok
Im Park des Branicki-Schlosses

Zweimal in der Woche verkehrt ein kleiner Bummelzug von Kaunas aus nach Polen - aktuell ist das die einzige Eisenbahnverbindung zwischen dem Baltikum und dem Rest der EU. Wir kaufen uns günstige Tickets und sind mit an Bord. Viereinhalb Stunden dauert das Gezuckel nach Białystok, bei der wir das Baltikum verlassen. Unterwegs durchqueren wir die jedem Nato-General und jedem Geopolitiker bekannte "Suwalki-Lücke" - jenen recht kurzen, idyllischen Grenzstreifen zwischen Polen und Litauen, der zugleich Russlands Exklave Kaliningrad von Weißrussland abschneidet und der immer wieder als möglicher Brennpunkt für weitere Krisen gilt. Da es auf der Strecke bis zur Grenze ein Gleis in europäischer Normalspur gibt, entfällt der sonst an den Rändern der ehemaligen UdSSR nötige Radgestell-Wechsel.

Da wir unmöglich von Litauen aus das Rhein-Main-Gebiet an einem Tag erreichen können, habe ich in Białystok für einen letzten Zwischenstopp noch einmal zwei Gästezimmer gebucht - im "Zentrum für Orthodoxe Kultur". Obwohl Polen gemeinhin als sehr katholisch gilt, gibt es hier im Nordosten des Landes noch immer eine nennenswerte polnisch-orthodoxe Minderheit, die mehrere Kirchen in der Stadt ihr eigen nennt - und eben auch ein Gästehaus mit einfachen, günstigen Zimmern bietet, wo man behütet von Ikonen an den Wänden übernachten kann.  

 

Die Stadt gehörte einst zum russischen Teil Polens, und zu dieser Zeit muss es hier zugegangen sein wie einst in Babylon mit seinem Völker- und Sprachengemisch. Neben der (später von den Deutschen ermordeten) jüdischen Bevölkerungsmehrheit lebten hier Polen, Russen, Deutsche, Weißrussen und einige Tataren. Zwischen den einzelnen Gruppen knirschte es schon damals, wie Zeitgenossen berichteten. Der berühmteste Sohn von Bialystok wollte das ändern; Unter dem Pseudonym "Doktor Hoffender" veröffentlichte der junge Augenarzt Ludwig Lasar (Lejzer) Zamenhof 1887 seinen Entwurf für eine einfach zu erlernende Plansprache - Esperanto. Bei einem Besuch im Esperanto-Zentrum und dessen hübsch in Szene gesetzter Multimedia-Ausstellung lernen wir ein wenig mehr über seine Jugend in Bialystok. Anschließend bummeln wir noch zum Schloss, in dem einst die polnische Adelsfamilie der Branickis residierte.

Alles in allem kann man problemlos einen Tag oder länger in Bialystok verbringen. Wer sich also beispielsweise auf Reisen in den nahe gelegenen Białowieża-Urwald mit desssen Wisenten aufmacht, sollte nicht einfach an der Stadt vorbeifahren.

Für uns hingegen ist nach der letzten Übernachtung jetzt nur noch Fahren angesagt. Nach dem Start morgens in Białystok fahren wir mit Umstieg in Warschau und Berlin weiter nach Mainz. Unterwegs erschweren unzählige Baustellen in Polen das Vorankommen. In Rzepin, dem letzten polnischen Bahnhof vor Frankfurt an der Oder, steht plötzlich eine riesige Menschentraube aus ukrainischen Flüchtlingen am Bahnsteig, die alle mit viel Gepäck noch in den bereits übervollen Eurocity-Zug einsteigen wollen - und auch alle noch irgendwie in den Zug verladen werden. Auf der deutschen Seite der Oder kommt dann wieder erst einmal eine Passkontrolle, die es nach den Schengen-Regeln hier gar nicht geben sollte. Die Bundespolizei quetscht sich mühevoll durch den Zug, obwohl sie eigentlich gar nichts kontrolliert, sondern sich nur die Ausweise vor die Nase halten lässt. Zwar wird es letztlich knapp, doch wir bekommen trotz allem sogar noch alle unsere Anschlüsse. Gut 15 Stunden nach dem Start erreichen wir auf die Minute pünktlich unseren Heimatbahnhof.


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