"Dagestan ist niemals freiwillig Teil von Russland geworden, aber es wird Russland niemals freiwillig verlassen."

 

Rassul Gamsatow (1923-2003), awarischer Dichter

 

 

Frühling im "Land der Berge"- Reisebericht Dagestan

Dagestan, das „Land der Berge“ an Russlands Südrand, ist eine ziemlich einzigartige Gegend: In der islamisch geprägten Kaukasus-Teilrepublik zwischen Tschetschenien und dem Kaspischen Meer mit 14 offiziellen Amtssprachen leben Angehörige Dutzender Volksgruppen neben- und miteinander. In entlegenen Bergdörfern haben sich archaische Traditionen erhalten. Landschaften wie in Tolkiens „Mittelerde" und unvorstellbar herzliche und gastfreundliche Menschen könnten Dagestan zu einem der interessantesten Reiseziele der Ex-Sowjetunion  werden lassen. Seit langer Zeit war ich neugierig auf diese Region und wollte unbedingt einmal dorthin fahren, aber bis vor einigen Jahren war es uns dort für einen Urlaub zu unsicher. Inzwischen hat sich die Lage deutlich verbessert. Den Reisenden drohen keine Dschihadisten und Wegelagerer mehr, sondern schlimmstenfalls ein Sonnenbrand.

Gunib in Dagestan Kaukasus Гуниб Дагестан
Blick auf das legendäre Bergdorf Gunib

Unsere Route:

Nachdem wir in den Osterferien 2018 bereits Gefallen am Kaukasus gefunden hatten, zog es uns im April 2019 erneut in Russlands Süden, obwohl wir eigentlich viel zu wenig Zeit dafür hatten. Von Moskau aus starteten wir zu dritt mit dem Zug auf eine lange Fahrt ans Kaspische Meer in die dagestanische Hauptstadt Machatschkala, nach einem ganz kurzen Zwischenstopp in Saratow an der Wolga. Vor Ort in Dagestan hatten wir dann leider lediglich eine Woche, die wir in dem geschichtsträchtigen Bergdorf Gunib und in Russlands ältester und südlichster Stadt Derbent verbrachten. Für die Rückfahrt nach Moskau wählten wir eine andere Route mit Kurzaufenthalt in der Region der kaukasischen Mineralwasserkurorte.


Moskau

Москва

Moskwa Uferpromenade
Das Ufer der Moskwa wurde in den vergangenen Jahren aufwendig umstaltet

Ob es überhaupt etwas wird mit einer Russland-Reise - das ist im April 2019 bei uns lange völlig offen. Ganz kurzfristig buche ich die Tickets, und das Visum bekomme ich erst am Abend vor dem Abflug nach Moskau.

Vor dem eigentlichen Urlaub ist außerdem noch allerhand zu erledigen: Das schwiegermütterliche Anwesen in der Nähe der Hauptstadt hatte erheblich gelitten, während sie bei uns am Rhein überwinterte. Es dauert ein paar Tage, bis das Haus wieder in einen halbwegs bewohnbaren Zustand versetzt ist. Außerdem muss der Gemüsegarten dringend umgegraben werden.

Aber ich habe etwas Zeit für einen Abstecher ins Moskauer Zentrum  und beschließe, nach vielen Jahren einmal wieder in den Gorki-Park zu gehen. Unglaublich viele junge Leute genießen dort am Flussufer den ersten warmen Frühlingsabend. Auch eine Stippvisite zum nächtlichen, wie immer spektakulär beleuteten Roten Platz muss sein.

Weil meine Sportschuhe den Geist aufgeben, lerne ich auf der Suche nach Ersatz außerdem einen völlig neu gebauten Stadtteil an der Stelle des einstigen Chodynka-Feldes kennen, wo sich ab 1910 der erste Moskauer Flugplatz befand. Hier durften die Architekten mal alles bauen, wovon sie schon immer träumten. Und das Riesen-Einkaufszentrum "Aviapark" stellt alles in den Schatten, was ich bislang in der nicht gerade unter Shoppingcenter-Mangel leidenden Stadt gesehen habe.


Saratow

Саратов

Saratow an der Wolga, Stadtpanorama vom Siegespark
Blick vom Siegespark auf Saratow

Nach einigen Tagen bei Moskau liegen 2.300 Bahnkilometer vor uns. Wir wollen aber nicht 40 Stunden am Stück im Zug verbringen, daher plane ich einen Zwischenstopp in Saratow in die Route ein. Die Fahrt dorthin dauert rund 16 Stunden, und zum ersten Mal sind wir in einem Schlafwagen des privaten Anbieters TKS unterwegs (sehr empfehlenswert!).

Den vierten Platz im Abteil hat ein etwas griesgrämiger älterer Mann, Typ sowjetischer Beamter, der kein allzu großer Lokalpatriot zu sein scheint. Auf die Frage, was man am besten in Saratow tun solle, wenn man einen halben Tag Zeit habe, meint er, er würde dann "so schnell wie möglich" woanders hin fahren.

Unsere Pläne sehen dann doch etwas anders aus: Nach der Ankunft geben wir schnell unsere Koffer bei der Gepäckaufbewahrung ab und beginnen anschließend eine Blitzerkundung der Stadt.

 

Von einer Anhöhe mit der Weltkriegsgedenkstätte (Park Pobedy) aus können wir über die Wolga hinüber bis in die Nachbarstadt Engels blicken. Dort drüben war einst der Verwaltungssitz der aufgelösten Wolgadeutschen-Republik. Im Park probt die Polizei für die örtliche Parade zum bevorstehenden Tag des Sieges. Den Gleichschritt können sie schon.

 

Saratow ist, das muss man ehrlicherweise sagen, nicht die spannendste Wolga-Metropole. Aber es gibt eine recht ansprechende Fußgängerzone, die einstige „Deutsche Straße“. Beim Bummel vergessen wir ein wenig die Zeit. Ein per Telefon bestelltes Taxi bleibt im Stau stecken, und um Haaresbreite verpassen wir den Zug für unsere Weiterfahrt.


Durch die Steppe nach Dagestan

Haltepunkt Kutan Dagestan
Steppendorf mit direkter Zugverbindung nach Moskau

Rund 24 Stunden sind wir nun noch einmal im Schlafwagen - und schon beim Einstieg in den Schnellzug Moskau-Machatschkala endet das herkömmliche Russland: An Bord reden die Passagiere in allen nur erdenklichen Sprachen miteinander, unsere rührenden Schlafwagenschaffnerinnen tragen Kopftuch. In dem, 1991 noch von der Waggonbau Ammendorf GmbH gebauten älteren Waggon ist es tagsüber unerträglich warm.

 

Unsere Strecke führt über die Wolga, biegt dann nach einiger Zeit nach Süden ab. Bald sehen wir stundenlang nur menschenleere baumlose Steppe. Einmal stehen sogar Kamele an den Gleisen, und auf zwei Abschnitten von insgesamt etwa 100 Kilometern fahren wir durch den westlichsten Zipfel von Kasachstan. Es gibt aber auf kasachischem Gebiet keinen Halt und daher auch keine Passkontrollen.

 

Als ich am Morgen aufwache, rollen wir durch die Halbwüsten von Kalmückien, der einzigen mehrheitlich buddhistischen Region Europas. Unser Schnellzug hält oft und lange, teilweise sogar in Dörfern mit lediglich zehn Häusern. Auch die ersten Stunden in Dagestan ändert sich an der kargen, steppenartigen Landschaft nichts. Eine Stunde vor dem Ziel tauchen dann die ersten Kaukasushöhen aus dem Dunst auf, und die letzten Kilometer fahren wir direkt an der Küste des Kaspischen Meeres entlang..


Die Sarykum-Düne

Бархан Сарыкум

Sarykum Düne in Dagestan
Sarykum - die höchste Sanddüne Eurasiens

Bei der Ankunft in Machatschkala, der Hauptstadt von Dagestan, nimmt uns der Mitarbeiter eines Reisebüros (Webseite nur Russisch)  in Empfang. Mit einem Wildfremden in die Berge zu fahren – das hatte ich mich dann doch nicht getraut und deshalb von Moskau aus telefonisch einen Transfer organisiert. So schnell wie möglich lassen wir die wuselige Großstadt hinter uns.

 

Bevor es zu unserer ersten Unterkunft geht, besichtigen wir noch das Naturreservat Sarykum – eine kleine Wüste ganz in der Nähe von Machatschkala. Hier leben Tiere, die sonst nur in Mittelasien oder im Nahen Osten vorkommen, darunter bis zu zwei Meter lange giftige Levanteottern, Wüstenspringmäuse und Krötenkopfagamen.


In den zweithöchsten Sanddünen der Welt wurde einst der Kultfilm „Weiße Sonne der Wüste“ gedreht. Wie all der Sand in den Kaukasus kam, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Touristen dürfen nicht frei durch die Dünen wandern, sie müssen auf einem Bohlenweg bleiben, der bis zu einem Aussichtspunkt führt.

In der Nähe könnte man ein zweites Naturwunder bestaunen, den Sulak-Canyon, der tiefer ist als der Grand Canyon in den USA - aber wir verzichten auf den Umweg, weil es noch ein weiter Weg ist und wir nicht mitten in der Nacht an unserem Ziel ankommen wollen.


Gunib

Гуниб

Gunib Dagestan
Das Ortszentrum von Gunib

Unser Begleiter Gamsat, im Hauptberuf Sozialkundelehrer, bringt uns jetzt zu unserem Quartier in die Berge, und mit jedem Kilometer wird die Landschaft dramatischer. Ringsum sieht es so aus, wie ich mir Afghanistan oder das Pamirgebirge vorstelle. Wir rollen über endlose Serpentinen hinauf und hinunter.

Schon auf dieser Fahrt lerne ich auch so einiges über die Mentalität der Menschen in Dagestan. Man grüßt sich hier mit "Salam Aleikum". Und die meisten Leute sind viel religiöser als ich vermutet hatte. „In Allahs Namen, werft hier keinen Müll hin“, heißt es auf einem Plakat am Irganai-Stausee, „Allah ist rein und liebt die Reinheit.“ Der Aufruf wirkt – keine Kippe, kein Plastik ringsum. 

 

Anfangs muss ich den Fahrer hinter nahezu jeder Kurve und Anhöhe bitten, zum Fotografieren anzuhalten. Zweimal werden wir auch an militärisch gesicherten Kontrollposten gestoppt. Touristen aus dem Westen verwundern hier inzwischen aber niemanden mehr, und das Auftreten der Uniformierten ist absolut korrekt.

  

Unser Begleiter wird zu so etwas wie dem Türöffner für Dagestan: In der Region um unser erstes Reiseziel Gunib kennt er so gut wie jeden. Und als wir nach der Ankunft abends noch gemeinsam in ein Café gehen, darf ich nicht bezahlen: Die Wirtin erklärt mir lachend, für Freunde von Gamsat sei der Kaffee umsonst.

 

Am Morgen gibt es die nächste angenehme Überraschung. Das Frühstück in unserem Hotel "Weiße Kraniche" in Gunib besteht aus lauter hausgemachten Leckereien. Vom Fenster aus gibt es dazu eine grandiose Aussicht auf die 2.000-Seelen-Siedlung. Der Ort ist von historischer Bedeutung: Hier endete 1859 der 50-jährige Krieg der Russen gegen die Bergvölker.

 

Gunib, hoch auf der Spitze eines fast uneinnehmbaren Bergplateaus gelegen, war die letzte Zuflucht des legendären Imams Schamil, der sich hier nach langem Kampf den Russen ergeben musste. Unter den hier lebenden Awaren und den anderen Völkern Dagestans werden Schamil und die anderen Anführer des Krieges bis heute verehrt.

 

Den ganzen Tag verbringen wir im Naturpark „Oberes Gunib“, wo es auf rund 1.800 Meter Höhe sogar einen Botanischen Garten mit Pflanzen des Kaukasus gibt. Der ist eigentlich noch geschlossen. Aber weil Anna nett fragt, bekommen wir schließlich sogar eine Privatführung mit dem führenden Botaniker Dagestans – kostenlos.

 

Beim Abstieg hinunter in die Siedlung ist die Bergwelt in ein einzigartiges Licht getaucht. Wir können die Ausblicke nicht ewig genießen, denn wir haben noch einen wichtigen Termin: Zwei Journalisten aus Moskau, die wir beim Frühstück kennengelernt hatten, drehen einen Film über das örtliche Heimatmuseum. Wir hatten versprochen, dass wir uns als Besucher filmen lassen. Nach dem Dreh sind wir jetzt auch mit der Museumsdirektorin und dem örtlichen Tourismus-Behördenchef bestens bekannt.


Gamsutl und Sogratl

Гамсутль и Согратль

Gamsutl Dagestan
Die malerischen Ruinen von Gamsutl sind nicht ganz einfach zu erreichen

Für den nächsten Ausflug brauchen wir wieder einen neuen Begleiter, denn ohne geländegängigen Wagen ist unser nächstes Ziel  kaum zu erreichen. Wir wollen nach Gamsutl, in eine aufgegebene Siedlung hoch in den Bergen, die seit Jahren langsam verfällt.
 

Unser Guide für diesen Tag heißt Schapi, hat einen kahlen Kopf und einen dichten Vollbart, und er ist ein frommer Mann: Regelmäßig schaut er auf die Uhr, damit er die vorgeschriebenen Gebetszeiten nicht verpasst.

Die malerischen Ruinen von Gamsutl wurden lange Zeit von niemandem wirklich beachtet. Dann kamen russische Blogger vorbei, schrieben euphorisch vom „Machu Picchu des Kaukasus“, und das Geisterdorf wurde populär.

 

Die alte Siedlung Tschoch sehen wir auf dem Weg dorthin leider nur von der Landstraße aus: Dieses malerisch an den Hang geklebte Dorf gilt als bestes Beispiel für die Architektur in den dagestanischen Bergen: Die Häuser sind so gebaut, dass das Dach des einen Hauses gleich als Fußboden oder Veranda für den oberhalb gelegenen Nachbarn dient.

 

Gamsutl selbst ist ein trauriger Ort und beileibe nicht das einzige ausgestorbene Bergdorf in Dagestan. Bis vor drei Jahren lebte noch ein letzter alter Mann hier. In seinem Haus liegt eine Art Gästebuch mit vielen rührenden Einträgen. Kaum zu glauben, dass hier zu Sowjetzeiten regelmäßig sogar Busse hinfuhren. Inzwischen ist die Straße zerstört.

 

Die Siedlung ist nur noch zu Fuß erreichbar. Gegen Mittag wird es trotzdem lebendig in den Ruinen, denn jetzt erreichen auch die ersten Wochenendausflügler aus den Städten den Gipfel. Ganz ungefährlich ist ein Besuch hier allerdings nicht: Mauern und Torbögen sehen aus, als könnten sie jeden Moment zusammenbrechen.


Am Nachmittag besuchen wir die weiter südlich gelegene Bilderbuch-Ortschaft Sogratl, als sich ein Unwetter ankündigt. Im 18. Jahrhundert konnten die Bergvölker hier die Streitmacht der Perser besiegen. Der Schah habe auf der Flucht sogar seine Krone und seinen Harem zurückgelassen, heißt es auf einer örtlichen Gedenktafel.


Im Dorfzentrum schaut ein alter Mann aus dem Fenster und fragt, ob wir sein Haus besichtigen möchten. In dem Moment, als wir eintreten, bricht draußen die Hölle los – mit Hagel und Sturzregen. Lange sitzen wir bei dem Mann namens Sultan auf der Veranda. Er leistete in der DDR Wehrdienst und freut sich über deutschen Besuch.  


Der Salta-Wasserfall

Салтинский водопад

Salta-Wasserfall Dagestan
Im Frühjahr herrscht Wassermangel am Wasserfall von Salta

Für den Folgetag verabreden wir, dass unser Begleiter uns ans Kaspische Meer fährt. Er kontert den Auftrag mit einer Einladung zu sich nach Hause zum Mittagessen. Am Morgen aber noch bleibt Zeit, den unterirdischen Wasserfall von Salta zu besichtigen. Wir steigen in ein Taxi am Marktplatz und lassen uns bis zum Beginn einer kleinen Schlucht bringen, die sich immer weiter verengt und dann am Eingang zu einer Art Höhle endet. 

Wasser gibt es gerade nur in homöopathischer Menge, aber die Höhle ist echt spektakulär. Immer Sommer, heißt es, würden dort Besucher sogar im Wasserfall baden.
 

Inzwischen fühlen wir uns in Gunib fast wie Staatsgäste: Erst backt Schapis Frau leckere Tschudu – die dünnen gefüllten Teigfladen sind das hiesige Nationalgericht. Dann erfahren wir im Hotel, dass die Museumschefin Patimat für uns einen riesigen Beutel getrockneter Aprikosen abgegeben hat. Bei der Abfahrt treffen wir sie und können uns noch für das Präsent bedanken.


Derbent

Дербент / Dərbənd / Dəmir Qapı / Кьвевар / Чяли

Derbent Dagestan Blick auf die Stadt
Blick auf Derbent und das Kaspische Meer

Wir starten nun auf die knapp 170 Kilometer weite Fahrt ans Meer. Wieder stehen wir vor dem Problem: Wie soll man hier je ans Ziel kommen, wenn man überall anhalten und fotografieren will? Spektakuläre Passstraßen, Hochebenen, Felsen und Dörfer mit neu gebauten Moscheen liegen auf unserem über dreistündigen Weg.

Unser nächstes Ziel für drei Nächte ist Derbent, Russlands südlichste und älteste Stadt. Kürzlich feierte man hier 2000. Geburtstag, aber eine größere Siedlung gab es hier auch schon vor 5000 Jahren, was Derbent zu einer der ältesten ständig bewohnten Städte der Welt macht. Festung und Altstadt sind Unesco-Welterbe.

Zwischen Kaspischem Meer und den Bergen liegt hier nur ein drei Kilometer schmaler Landstreifen – die einzige Nord-Süd-Verbindung östlich des Kaukasus. Für die Hochkulturen im Orient war Derbent das „verschlossene Tor“, das die Barbaren aus dem Norden abwehrte. Jahrhundertelang hatten hier Araber und Perser das Sagen. Erst vor 200 Jahren fiel die Stadt dauerhaft an Russland.

Von fast jedem Punkt ist die mächtige Festung Naryn-Kala zu sehen, wo die Herrscher über Derbent einst in ihrem prächtigen Palast residierten. Besucher genießen die tolle Aussicht auf den größten Binnensee der Welt, der leider vielerorts zu dreckig zum Baden ist. Wir buchen für wenige Rubel eine private Führung – und erfahren allerlei Legenden über den Luxus der Khane, ihre Badehäuser, den grausamen Umgang mit Gefangenen und die List der arabischen Eroberer, die Derbent einnahmen, nachdem sie die aus den Bergen kommenden Rohre entdeckt hatten und das Wasser vergifteten.

Unterhalb der Burg schließt sich die Altstadt von Derbent mit ihren Stadttoren, verwinkelten Straßen und einer Vielzahl kleiner Moscheen an. Die Anfang des 8. Jahrhunderts erbaute Dschuma-Moschee von Derbent ist die älteste Europas und der früheren UdSSR. Sie kam noch ganz ohne Minarett aus. Ihr Innenhof mit seinen wundervollen uralten Platanen ist eine echte Oase, in der wir gerne eine Pause einlegen, denn ansonsten gibt es in der staubigen Altstadt kaum Grün.

 


Die Unesco hat Derbent, diesen Schmelztiegel der Völker, einmal als „toleranteste Stadt der Welt“ ausgezeichnet. Hier kommen Sunniten, Schiiten, Juden und Christen traditionell gut miteinander aus. Rührendes Beispiel für kaukasisches Multikulti ist die Gedenktafel für einen Musiker mit dem ganz und gar ungewöhnlichen Namen Gottfried Alijewitsch Gassanow.  


Kubatschi

Кубачи

Kubatschi Dagestan
Kubatschi gilt als Heimat der besten Schmuckschmiede

Ein letztes Mal fahren wir für einen halben Tag von Derbent aus in die Berge. Wir wollen das Dorf Kubatschi besichtigen. Es ist bekannt als Heimat der besten Silber- und Schmuckschmiede des Nordkaukasus. Der Weg dorthin ist unerwartet langwierig und die nicht asphaltierte Straße die bislang schlimmste auf unserer Reise.


Unsere Vorstellung, in Kubatschi könnten wir alten bärtigen Männern bei ihrem Handwerk zuschauen, bekommt einen gehörigen Dämpfer: Längst arbeiten alle für ein Schmuckkombinat und feiern an diesem Tag den 1. Mai. Eine Gruppe Einheimischer in einem Jeep rät uns, ihnen zu einem Aussichtspunkt oberhalb des Dorfes zu folgen.


Gesagt, getan: Spätestens auf der schmalen Piste dorthin, stets dicht am Abgrund, kommen sowohl Anna als auch dem Taxifahrer vermutlich Zweifel am Sinn des Ausflugs. Dabei ist die Aussicht auf das leider ziemlich verlotterte Dorf wirklich pittoresk – wenn man keine Höhenangst hat. Die Leute mit dem Jeep empfehlen uns eine andere Route für die Rückfahrt, aber die ist noch fürchterlicher als die Piste vom Hinweg. Selten sind wir nach allerhand Strapazen jemals beim Anblick von Asphalt so froh gewesen.


Machatschkala

Махачкала / МахІачхъала / Мягьячгъала / Анжикъала / ГIянжи-Къала

Machatschkala Dschuma Moschee
Vor der neuen Zentralmoschee von Machatschkala

Viel zu schnell geht eine ereignisreiche Woche im Kaukasus ihrem Ende zu, und wir müssen nun schleunigst wieder nach Moskau kommen.

Der Weg führt unvermeidlich über die dagestanische Hauptstadt Machatschkala– einen Ort, der aussieht, als habe es hier nie einen Stadtplaner gegeben und als wären alle Architekten Wahnsinnige.

Sehenswert in dieser Chaos-Metropole ist am ehesten die neue Zentralmoschee, wo wir aber den Eindruck bekommen, dass Frauen im zentralen Gebetssaal nicht so erwünscht sind. Anna kommt zumindest nur bis zu einem Vorraum. Merkwürdig wirken auch die billigen Plastiktüren des ansonsten prächtig gestalteten Gotteshauses.

Zeit für einen Bummel zur Promenade am Kaspischen Meer haben wir leider nicht mehr, wir schaffen es gerade noch, ein paar Flaschen dagestanischen Kognak und ein paar andere Souvenirs zu kaufen, dann müssen wir schnellstens zum Bahnhof zurück.
 

Bei der Rückfahrt nehmen wir eine andere Route - dieses Mal über Tschetschenien. Von der einstigen Kriegsregion bekommen wir aber nichts mit, weil wir friedlich schlafen. 


Zurück nach Moskau

Mineralwasser-Kurorte Nordkaukasus Maschuk
Blick vom Gipfel des Maschuk

Am Morgen erreichen wir den Bahnhof Mineralnyje Wody – den Verkehrsknoten der kaukasischen Mineralwasser-Heilbäder. Hier unterbrechen wir unsere Fahrt ein letztes Mal.

 

Diesen letzten Tag im Kaukasus verbringen wir bei wechselhaftem Wetter in Pjatigorsk, wo wir zunächst zum Lermontow-Denkmal am Fuß des örtlichen Hausbergs Maschuk pilgern. An dieser Stelle wurde der russische Schriftsteller 1841 bei einem Duell erschossen. Danach wandern wir zum knapp 1.000 Meter hohen Gipfel. 


Dort lassen wir uns den Wind um die Ohren wehen. Bis zur abendlichen Abfahrt nach Moskau bummeln wir durch den Kurort, der jetzt, während der Maifeiertage, von Touristen regelrecht überrannt wird. Ich mag die Mineralwasser-Orte, doch wirkt der Kaukasus hier arg gezähmt. Was hier nur noch Folklore ist, war in Dagestan echt. 

 

Weiter geht es ganz unspektakulär in 22 Stunden im modernen Doppelstock-Schlafwagenzug in die Hauptstadt. Erstmals testen wir dabei die Bord-Dusche, die moderne russische Züge anbieten. Nach einer letzten Nacht bei Moskau geht es zum Flughafen und mit dem günstigen Flug von Mongolian Airlines (MIAT) heimwärts.


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Kommentare: 2
  • #1

    Markus (Sonntag, 26 Mai 2019 14:20)

    Ich habe den Reisebericht in wenigen Minuten verschlungen :D sehr interessant geschrieben und bestimmt eine ganz besondere Gegend. Dagestan hat es hiermit auf meine Russland-Reise-Liste geschafft. Liebe Grüße Markus

  • #2

    Packerowski (Sonntag, 26 Mai 2019 21:37)

    Fahrt hin, Markus, Ihr werdet es nicht bereuen!

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