HIV-Test negativ

Ich weiß nicht, wie es heutzutage ist, aber in den 1990-er Jahren kam man sich als Student an der altehrwürdigen Moskauer Lomonossow-Universität gelegentlich vor wie in einem Roman von Franz Kafka. Manche Probleme ließen sich allerdings lösen, wenn man dem Alltagswahnsinn einfach seine eigenen absurden Spielregeln entgegensetzte...

 

Moskau (Juni 1998). Die Moskauer Universität war nie ein Hort liberaler Vordenker. Aber zumindest gab es immer eine Menge kluge Köpfe an Russlands bester Hochschule. Was im Kopf von Dauer-Rektor Viktor Sadownitschi vor sich ging, als er seine dümmliche Kampagne gegen die Ausbreitung von Aids startete, wird wohl ewig sein Geheimnis bleiben.

 

 

 

Eines Morgens im Frühjahr 1998 hing ein offizieller Ukas des Rektors im Glaskasten vor dem Akademischen Auslandsamt. Im Kampf gegen die Ausbreitung von Aids und HIV ordnete der Rektor eine durchgreifende Maßnahme an: Alle ausländischen Studenten sollten sich in der universitätseigenen Poliklinik auf eine Infektion überprüfen lassen. Und zwar umgehend sowie zusätzlich jedes Mal "innerhalb von zwei Wochen" nach der Rückkehr von jedem Auslandsaufenthalt. Dafür sollten die Studenten dann auch noch zur Kasse gebeten werden: etwa 25 US-Dollar kostete der Test.

 

Bereits vier Aids-Tests im Minus

 

Als ich diesen Schrieb zum ersten Mal dachte, überlegte ich, ob sich Sadownitschi wohl auch nach jeder Dienstreise ins feindliche Ausland Blut abnehmen ließe. Dann dachte ich an meine Zugreise zum Wolgadelta im Mai. Die Bahnstrecke von Saratow nach Astrachan kreuzte unterwegs an zwei Stellen die russisch-kasachische Grenze. Eigentlich war ich meiner Uni, Hin- und Rückfahrt zusammengerechnet, bereits vier Aids-Tests schuldig, überlegte ich, lachte über die Dummheit der russischen Hochschulbürokratie und beschloss, mich nicht weiter um diese Anweisung zu kümmern.

 

Nach einigen Wochen folgte die erste Anfrage der für die Ausländer an der Fakultät zuständigen Inspektorin. Wann kommt der Aids-Test? Ich antwortete etwas ausweichend. Auch andere ausländische Kommilitonen, allen voran die vielen Serben an der Fakultät, hatten beschlossen, sich einen Dreck um die Anordnung zu scheren.

 

Doch kampflos sollten ausländische Studierende Russland nicht mit Seuchen überziehen dürfen. Wenige Wochen später folgte ein neuer Aushang: Wer keinen frischen Aids-Test vorlegte, würde nicht zu den Semester-Abschlussprüfungen zugelassen werden. Auch der Ton der Inspektorin wurde unfreundlicher: Alle anderen außer den Jugoslawen haben schon ihre Aids-Tests abgegeben, knurrte sie. Du könntest dich auch endlich etwas beeilen. Wir wollen den Aids-Test haben!

 

Zu diesem Zeitpunkt war meine Liebe für das russische Hochschulwesen längst erkaltet. Ich beschloss daher, alles auf eine Karte zu setzen. Statt Aids-Test legte ich dem Auslandsamt einen Brief an den Dekan auf den Tisch. Ihr Erlass, hieß es darin sinngemäß, ist eine Frechheit gegenüber den ausländischen Studenten und eine Schande für die großartige Lomonossow-Universität. Und: Ich weigere mich kategorisch, irgendwelche Tests bei Ihrer Fakultät einzureichen.

 

Wir haben es abgeheftet

 

Jeden Morgen rechnete ich fortan mit ernsthaften Problemen. Aber nichts geschah. Die Ausländer-Inspektorin grüßte im Flur, alles lief seinen gewohnten Gang. Irgendwann konnte ich meine Neugier nicht mehr bremsen und lief ins Auslandsamt.

 

"Haben Sie meinen Brief denn gelesen?" wollte ich wissen.

"Ja, natürlich", antwortete die Inspektorin. 

"Und, was nun?" 

"Nichts."

"Wie, nichts?"

"Die anderen Studenten haben einen Aids-Test vorbeigebracht, den haben wir in ihre Akten geheftet", erklärte die Dame ohne Gemütsregung. "Bei dir haben wir anstelle des Tests den Brief in den Aktenordner gesteckt. Hauptsache, wir haben ein Papier für den Fall, dass uns jemand fragt."

 

Was für ein Lehrstück in russischer Bürokratie: Eigentlich ist grundsätzlich alles egal, Hauptsache es gibt irgendwelche Papiere zum Abheften. So schnell ich konnte, versuchte ich, wenigstens die Jugoslawen noch zu überreden, es genauso zu machen. Schließlich hatte ich gerade einen bestechend einfachen Weg gefunden, sich sehr viel Ärger und auch Geld zu ersparen. Leider kam ich etwas zu spät. Alle hatten sich bereits untersuchen lassen. (Aufgeschrieben 2008).

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