"Gut haben's die Lokführer, ihr Tun ist leicht. Heute in Leningrad, morgen - Rostow."

Jewgeni Dolmatowski (1915-1994), sowjetischer Dichter, in "Der Komsomolskaja-Platz"

 

  

Das große Fernweh - Moskaus Platz der drei Bahnhöfe

Комсомольская площадь ("Площадь трех вокзалов")

Versprochen: Am "Platz des Komsomol" in Moskau packt jeden das Fernweh. Hier stehen in direkter Nachbarschaft drei der neun großen Bahnhöfe der russischen Hauptstadt. Von hier starten Züge, die ein Drittel der Erde umrunden - die längsten durchgehenden Schlafwagenverbindungen der Welt von Moskau nach Peking und Wladiwostok. Ein Denkmal kündet von Kilometer Null der großen Transsibirischen Eisenbahn. Auf der anderen Straßenseite beginnen und enden unter anderem die Express-Züge nach MittelasienWer auf einer Russland-Reise nach der Hauptstadt Moskau auch andere Teile des Landes mit dem Zug besuchen will, kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit hier vorbei. Für alle anderen lohnen sich ein Bummel durch die Bahnhofshallen und ein Blick auf das Gewimmel und die beeindruckende Bahnhofsarchitektur, die klassizistische Elemente mit Jugendstil und traditionell russischen Elementen verbindet.

Platz der drei Bahnhöfe in Moskau
Blick über den Komsomolskaja-Platz zum Leningrader und Jaroslawler Bahnhof

Der Moskauer Komsomolskaja-Platz behielt auch nach der Wende seinen sowjetischen Namen zu Ehren des kommunistischen Jugendverbands. Doch umgangssprachlich nennt ihn kaum jemand in der russischen Hauptstadt so. Für die Moskowiter ist er einfach der "Platz der drei Bahnhöfe" - mit dem Leningrader und dem Jaroslawler Bahnhof auf der Nordseite und dem Kasaner Bahnhof auf der gegenüberliegenden Südseite. Außerdem wird das architektonische Ensemble noch am Westende durch das Hotel "Leningradskaja" ergänzt - eines der sieben großen Zuckerbäcker-Hochhäuser der Stalin-Ära, die Moskaus Skyline seit der Nachkriegszeit prägen.

Leningrader Bahnhof in Moskau
Am Leningrader Bahnhof starten auch die Breitspur-ICE-Züge nach St. Petersburg

Der Aufenthalt hier ist immer eindrucksvoll: Morgens spucken die überfüllten Pendlerzüge im Abstand weniger Minuten ihre Passagiere aus, die dann als nicht enden wollender Menschenstrom zum Eingang der Metro drängen und dort unter der Erde verschwinden.

Vor Mitternacht macht sich wiederum jeden Abend eine Karawane von Nachtzügen voller Touristen und Geschäftsleute auf den Weg nach St. Petersburg, Rostow am Don oder in die fernen Metropolen Sibiriens auf.

Zu kommunistischen Zeiten gab es wenige Orte in der Hauptstadt, an denen ein Ausländer sich ein so eindrucksvolles Bild vom Vielvölkerstaat Sowjetunion machen konnte wie hier - vor allem galt dies für den Kasaner Bahnhof, wenn dort die Züge aus den orientalischen Republiken eintrafen oder abfuhren und viele Passagiere in exotischer Nationalkleidung die Bahnhofshallen bevölkerten.

Früher war es oft Glückssache, Tickets für den gewünschten Zug zu bekommen, und die Warteschlangen an den Bahnhofskassen waren meist verstörend lang, so dass jeder Fahrkartenkauf zur stundenlangen Geduldsprobe werden konnte. Das gehört heute, in Zeiten von Online-Buchungsportalen und Smartphone-Tickets, der Vergangenheit an. Allerdings heißt es auch heute noch am "Platz der drei Bahnhöfe": Augen auf und besonders gut aufpassen! Die Taxifahrer hier sind berüchtigt für ihre Mondpreise. Taschendiebe und Trickbetrüger suchen in der Menge ihre Opfer. Wer sich in den Wartehallen und auf den Bahnsteigen umsehen will, muss außerdem eine Sicherheitsschleuse mit Taschenkontrolle passieren.


Infos zu den drei Bahnhöfen am Komsomolskaja-Platz:

Der Leningrader Bahnhof

Ленинградский вокзал

Der Leningrader Bahnhof ist über
Der Leningrader Bahnhof ist über

Der Leningrader Bahnhof ist das älteste der drei repräsentativen Bauhofsgebäude. Er entstand zwischen 1843 und 1851 zeitgleich mit dem Bau der ersten Bahnstrecke Russlands, die Moskau und Sankt Petersburg miteinander verbindet. Der russlanddeutsche Architekt Konstantin Thon (ihm verdankt Moskau auch die Christ-Erlöser-Kathedrale) entwarf zwei gleiche, prächtige Empfangsgebäude an den Enden der 660 Kilometer langen Strecke: Der Moskauer Bahnhof in St. Petersburg ist eine genaue Kopie des Leningrader Bahnhofs in Moskau und erhielt in der Sowjetzeit einen großen Anbau mit Warte- und Kassensälen.

 

Im Laufe der Zeit änderte der Bahnhof mit der eleganten klassizistischen Fassade oft seinen Namen (Petersburger Bahnhof, Nikolajewski-Bahnhof, Oktoberbahnhof). Die Rückbenennung von Leningrad in St. Petersburg machte die Station - warum auch immer - aber nicht mit. Heute verkehren von hier die Breitspur-ICE-Züge "Sapsan" der Vorzeige-Express "Roter Pfeil" und etliche weitere Nachtzüge nach St. Petersburg. Außerdem gibt es direkte Verbindungen über Nacht mit dem "Leo Tolstoi" nach Helsinki sowie Züge nach Tallinn, Murmansk oder Nowgorod.


Der Jaroslawler Bahnhof

Ярославский вокзал

Jaroslawler Bahnhof in Moskau bei Nacht
Der beleuchtete Jaroslawler Bahnhof in Moskau

In direkter Nachbarschaft kann der Jaroslawler Bahnhof von 1904 bestaunt werden. Damals ersetzte der Architekt Fjodor Schechtel den bescheidenen Vorgängerbau durch ein Wunderwerk des russischen Jugendstils, das Elemente der nordrussischen Folklore aufgreift und wie ein Märchenschloss wirkt. Die mächtige Fassade sollte nach Schechtels Vorstellungen zugleich eine Art Stadttor nach Moskau symbolisieren. Von hier fahren die meisten Züge der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking, Wladiwostok, Irkutsk oder Nowosibirsk ab, außerdem ist der Bahnhof Ausgangspunkt für Reisen in den europäischen Norden Russlands, etwa nach Archangelsk oder Workuta. Mit rund 6,5 Millionen Passagieren pro Monat im Nah- und Fernverkehr ist der Jaroslawler Bahnhof russlandweiter Rekordhalter beim Fahrgastaufkommen.


Der Kasaner Bahnhof

Казанский вокзал

Kasaner Bahnhof in Moskau und Hotel Leningradskaja
Der Kasaner Bahnhof mit dem Hotel Leningradskaja im Hintergrund

Der Kasaner Bahnhof befindet sich auf der den beiden anderen Bahnhöfen gegenüberliegenden Seite des Komsomolskaja-Platzes. Er entstand nach Plänen des Architekten Alexej Schutschussew in den Jahren nach 1913. Revolution und Bürgerkrieg führten zu immer neuen Verzögerungen, so dass der Bahnhof erst 1940 fertiggestellt wurde. (Schtschussew stellte in der Zwischenzeit unter anderem das Lenin-Mausoleum am Roten Platz und die Geheimpolizei-Zentrale Lubjanka fertig.)Der denkmalgeschützte Bau ist im neorussischen Stil errichtet worden und steckt voller architektonischer Anspielungen auf Bauwerke in den Wolga-Städten, etwa den Sjujumbike-Turm im Kreml der Tataren-Hauptstadt Kasan. Der Kasaner Bahnhof ist unter anderem Start und Ziel für Züge in den Nordkaukasus, nach Westsibirien, Usbekistan und Tadschikistan - und natürlich nach Kasan sowie in andere Wolga-Städte


Fotoserie: Moskau Komsomolskaja-Platz und die drei Bahnhöfe:


Blogparade "Mein schönster Bahnhof"

Ein heißer Tipp für alle, die sich gern auf Bahnhöfen tummeln: Der Reiseblog "Gepackt & Los!" sammelt in einer Blogparade unter dem Motto "Mein schönster Bahnhof" weitere Lieblingsstationen aus aller Welt.


Passend zum Thema in unserem Russland-Blog: