"Zu viel Aufregung... Schick sie doch allesamt zum Teufel und ab nach Kislowodsk..."

 

Michail Bulgakows (1892-1940) Romanfigur Michail Berlioz in "Meister und Margarita"

 

Gipfel, Geier und Geheimagenten

- Reisebericht Nordkaukasus

Grandiose Berge und Schluchten und eine kaum zu überschauende Vielfalt von Völkern und Sprachen machen den Nordkaukasus zu einem der potenziell interessantesten Reiseziele in Russland. Es locken die höchsten Gipfel Europas mit dem Elbrus an der Spitze (sofern man diese Region noch zu Europa zählen mag, was unter Geografen umstritten ist)  und eine umwerfende Küche. Leider prägten an diesem Schnittpunkt von christlich-orthodoxem und islamischem Kulturkreis nach dem Zerfall der Sowjetunion zunächst viele Konflikte, allem voran die beiden fürchterlichen Tschetschenien-Kriege, das Image des nördlichen Kaukasus. Und vor gar nicht langer Zeit galten Teile der Region zurecht als No-Go-Zonen für Ausländer. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Situation grundlegend verbessert, in den allermeisten Gegenden muss niemand mehr Angst haben.

Lermontow Denkmal Kislowodsk Elbrus Памятник Лермонтова Кисловодск Эльбрус
Schon der Dichter Michail Lermontow blickte im 19. Jahrhundert voller Sehnsucht auf den Elbrus

Unsere Reiseroute:

Zum Auftakt der Osterferien 2018 verbrachten wir wieder einige Nächte in Moskau. Von dort wollten wir mit der Eisenbahn in die Nordkaukasus-Region weiterreisen. Unser erstes Quartier hatten wir in dem traditionsreichen Heilwasser-Kurort Kislowodsk gebucht. Anschließend sollte es eigentlich für einige Tage über die Grenze nach Georgien gehen, danach war ein kurzer Stopp in der Hauptstadt von Nordossetien, Wladikawkas, eingeplant - aber alles kam ein wenig anders. Insgesamt waren wir vom 24. März bis zum 8. April 16 Tage und 15 Nächte unterwegs.


Moskau

Москва

Basilius-Kathedrale Moskau
Mittelalterliche Avantgarde - die Moskauer Basilius-Kathedrale

Bereits am Morgen des ersten Ferientags starten wir nach Russland. Und wieder testen wir für die Anreise nach Moskau eine neue Fluggesellschaft aus, weil die Preise von Aeroflot recht hoch waren, „Air Serbia“ aber mit einem Oster-Sonderangebot lockte. Schon beim Landeanflug zum Zwischenstopp in Belgrad wird klar: So schnell sind wir den Winter dieses Mal nicht los.

 

Das frostige Moskau erreichen wir spät abends. Passkontrolle und Gepäckausgabe am Flughafen Scheremetjewo dauern dieses Mal keine zehn Minuten, so dass wir in der Kälte noch eine ganze Weile auf einen Verwandten warten müssen, der uns mit dem Auto zum schwiegermütterlichen Anwesen bringt. Dort herrscht noch tiefster Winter.  

 

Schon am Morgen geht es nach Moskau. Dort sind wir mit guten Freunden zum Stadtbummel verabredet. Spektakulär ist der Blick von der Moskwa-Brücke am Kreml auf den neu angelegten "Sarjadje-Park", den ich bislang noch nicht kannte. 

 

Nach dem Mittagessen im riesigen Spielwarenkaufhaus „Kinderwelt“ geht unser Sohn auf dem Weg zur dortigen Aussichtsplattform zwischenzeitlich verloren. Während wir den Laden auf den Kopf stellen, genießt er bereits entspannt den Ausblick auf das Moskauer Zentrum. Die Dachterasse entschädigt tatsächlich für die Aufregung. Bei bestem Wetter ist sogar die Lomonossow-Universität auf den Sperlingsbergen gut zu sehen. Abends verbringen wir einige Zeit auf dem schon prächtig angestrahlten Roten Platz. Kein Moskau-Besuch ohne Bummel über diesen Platz der Plätze – diesem Motto bleiben wir auch auf dieser Reise treu.

Am folgenden Tag treffe ich zwei alte Studienfreunde und statte mit meiner Tochter dem neuen Park am Kreml eine Visite ab, wozu am Vorabend keine Zeit mehr geblieben war. Wofür am einstigen Standort des Monster-Hotels „Rossija“ mehrere hundert Millionen Euro ausgegeben wurden, erschließt sich dem winterlichen Besucher nicht auf Anhieb. Die Entscheidung, eines der begehrtesten Moskauer Grundstücke nicht neu zuzubauen, verdient dennoch Respekt, finde ich. Außerdem machen wir einen Nostalgie-Spaziergang durch Innenstadtviertel, die mir früher sehr am Herzen hingen, als ich selbst in Moskau lebte - etwa die Arbat-Fußgängerzone und die Gegend um die evangelisch-lutherische St.-Peter-Paul-Kathedrale, in der wir einst geheiratet haben und wo unsere Tochter getauft wurde.


Zugfahrt in den Kaukasus

Zug Moskau Kislowodsk Liski Bahnhof
Der Premiumzug Moskau-Kislowodsk beim Zwischenhalt in Liski

Wir wollen endlich dem Winter entfliehen und starten unsere Zugfahrt, 1.800 Kilometer und liegen vor uns. Erstmals habe ich am heimischen Schreibtisch bequem Online-Tickets für die Bahnfahrt gekauft - in den vergangenen Jahren weigerte sich das Internetportal der Staatsbahn RZD beharrlich, meine deutsche Kreditkarte zu akzeptieren.

Unser Ziel ist Kislowodsk in der südrussischen Region Stawropol. Wir haben ein ganzes Vier-Bett-Abteil in einem der neuen Doppelstock-Schlafwagenzüge gebucht, der nur noch 24 Stunden für die Fahrt benötigt (früher waren es eher 30). Die Reise beginnt früh morgens am Kasaner Bahnhof von Moskau bei leichtem Schneefall. Bis zum Abend bleibt es vor dem Zugfenster weiß, selbst, als wir schon das südrussische Gebiet Rostow erreichen, wo eigentlich Frühling herrschen sollte.

Im Gegensatz zu vergangenen Reisen nach Südrussland, passiert der Zug nicht mehr einen kleinen Zipfel der Ostukraine. Stattdessen fährt er über die neue, Ende 2017 für den Verkehr freigegebene Umgehungsstrecke.


Kislowodsk

Кисловодск

Narsan-Badehaus Kislowodsk Nordkaukasus
Das Narsan-Badehaus von Kislowodsk

Kislowodsk galt schon zu Zarenzeiten als russisches Baden-Baden. Vor 20 Jahren war wir bereits einmal hier. Damals – zwischen beiden Tschetschenien-Kriegen - gab es nur wenige Touristen in der Stadt. Kislowodsk machte, obwohl weit von den Frontlinien entfernt, einen etwas verlorenen Eindruck.

Seither ist viel passiert, am zentralen Boulevard, dem „Kurort-Prospekt“, wurden viele Häuser schön restauriert, etwa das zentrale, im orientalischen Stil erbaute Badehaus. Kislowodsk ist der südlichste der sogenannten Mineralwasser-Kurorte - nahezu alles dreht sich hier um das schwefelhaltige Narsan-Heilwasser. Angeblich hilft es bei allen nur erdenklichen Beschwerden. Ernsthaft malade Patienten schwören jedoch darauf, dass die Quellen im Nachbarort Jessentuki besser seien. Egal, ein Becher geht immer.

 

Kislowodsk ist auch berühmt für seinen Kurpark, der so riesig ist, dass die russische Regierung ihn vor einigen Jahren kurzerhand zum Nationalpark erklärte. Das Gelände reicht bis hinauf zum knapp 1.200 Meter hohen Hausberg der Stadt, von dem aus bereits der Dichter Michail Lermontow den Blick auf den Elbrus genoss. Je nachdem, wo man die Grenze der Kontinente verortet, ist der Elbrus der höchste Berg Europas. Tatsächlich überragt der imposante Koloss - ein erloschener Vulkan - mit seinen zwei 5.600 Meter hohen, eisigen Gipfeln alle anderen Berge des Kaukasus-Gebirges um Weiten. 


Das Denkmal des Romantikers (Titelfoto), so heißt es, wurde übrigens extra zu dessen 200. Geburtstag ins Tal und nach dem Jubiläum wieder zurück auf den Berg versetzt, um die Feierlichkeiten zu erleichtern - russischer Pragmatismus eben. Nach Lermontow suchten noch viele andere russische und sowjetische Prominente hier Heilung und Erholung, darunter der Star-Sänger Fjodor Schaljapin, dessen Ferienvilla zu einem kleinen Museum umgewandelt wurde.

Obwohl wir mitten in der Nebensaison gekommen sind, ist die Stadt voll von Urlaubern und Kurgästen. Auffallend sind die vielen Sportlergruppen, die wohl Trainingslager in der Umgebung haben. Auch die Ausflugsbüros haben schon geöffnet und bieten Touren in alle Richtungen an. Manche Ziele wirken für Westeuropäer zunächst ungewöhnlich. Als "Hit der Saison" werden Kaffeefahrten nach Tschetschenien beworben.


Berjosowka-Canyon

Березовское ущелье

Berjosowka-Canyon Березовское ущелье Kislowodsk Karatschai-Tscherkessien
Eine Kulisse wie für einen Wildwest-Film - Der Berjosowka-Canyon

Aber nicht nur der majestätische Elbrus, sondern auch die kleineren Berge hier sind durchaus spektakulär. Mit dem Taxi fahren wir in das kleine Dorf Elkusch („Zuflucht der Adler“), das schon auf dem Territorium der autonomen Republik Karatschai-Tscherkessien liegt. Dort steigen wir von einem Felsplateau in den menschenleeren Berjosowka-Canyon hinab, der sich bis zum Stadtrand von Kislowodsk hinzieht. Über uns drehen tatsächlich Adler und Gänsegeier ihre Runden.

Mehrfach kreuzt der Weg den eisigen Gebirgsfluss. Da das Wasser auch mit (eigens gekauften) Gummistiefeln zu tief ist, um hindurch zu waten, zwängen wir uns auf engen Viehwegen an den Felskanten entlang. An einer Furt, die wir letztlich doch überqueren müssen, geht ein Rucksack-Weitwurf in die Hose bzw. ins Wasser. Eine dramatische, aber erfolgreiche Rettungsaktion folgt.

Auf der ganzen Strecke begegnen wir nicht einem einzigen anderen Wanderer, nur zwei jungen Hirten. Für uns ist ist das ein erfreulicher Kontrast zum überfüllten Kurpark von Kislowodsk.


Honigwasserfälle und Ring-Berg

Медовые водопады и Гора-кольцо

Ring-Berg Kislowodsk Кольцо-Гора Кисловодск
Der berühmte Ring-Berg bei Kislowodsk

Leider macht sich am Folgetag bei meiner Frau eine verschleppte Entzündung unangenehm bemerkbar. Zur Erfolgskontrolle ihrer Selbstbehandlung beschließt sie, das örtliche Krankenhaus aufzusuchen. Immerhin: Die ambulante Notaufnahme überrascht durch freundliche Ärzte und schnelle Hilfe. Dennoch fällt sie nun für Aktivitäten eine Weile aus und unser Sohn mag sich im Spa-Bereich unseres Hotels austoben. Zwei Tage bin ich mit der großen Tochter allein unterwegs.

 

Unsere Ziele sind die mit allerlei Touristengedöns verschandelten Honigwasserfälle und der berühmte Ring-Berg in der Nähe von Kislowodsk. Beide Orte werden täglich von Ausflugsbussen aus allen Mineralwasser-Kurorten angefahren und sind entsprechend überlaufen, Souvenir- und Snackverkäufer nutzen das aus. Wer sich keiner Reisegruppe anschließen mag, kann den Wasserfall und den Kolzo-Berg auch problemlos per Taxi ansteuern. 

Der ganze Trubel gefällt mir gar nicht, und ich würde einen Besuch dort wirklich nur empfehlen, wenn man gerade nichts Besseres zu tun hat.


Archys

Архыз

Archys Kaukasus Karatschai-Tscherkessien
Alpen-Idylle im Kaukasus: Archys

Eigentlich wollten wir nach fünf Nächten weiter nach Georgien reisen. Wegen der gesundheitlichen Probleme ändern wir unsere Pläne. Ich storniere schweren Herzens die georgische Unterkunft und verlängere unser nettes Spa-Hotel "Panorama Spa" (Webseite, nur Russisch). Als es meiner Frau wieder besser geht, unternehmen wir eine größere Tour in die Berge mit dem Hotel-Wachmann Murat. 

 

Unser Chauffeur schlägt vor, Richtung Westen zu fahren, einmal quer durch Karatschai-Tscherkessien bis in das Bergdorf Archys.

Karatschai-Tscherkessien ist eine mehrheitlich muslimische Vielvölker-Region, galt aber immer als stabilste der autonomen Kaukasus-Republiken. Auch unser Fahrer gehört dem Volk der Karatschaier an und spricht deren an das Alttürkische erinnernde Sprache. Fast in allen Dörfern auf unserem Weg gibt es neue Moscheen.

 

Murat nimmt die kaum befahrene Straße von Kislowodsk über den 2.140 Meter hohen Gumbashi-Pass nach Karatschajewsk. Dort bieten sich wunderbare Ausblicke auf Elbrus und Co.

 

Der kleine Ferienort Archys, der mitten in einer Alpen-ähnlichen Landschaft nahe an der Grenze zu Abchasien liegt, ist ebenfalls landesweit für sein Mineralwasser bekannt ist. Südlich des alten Orts entsteht zurzeit ein Wintersport-Zentrum in den Bergen. Mit der relativen Idylle könnte es in Archys bald vorbei sein.

 

Weite Wanderungen können wir hier nicht unternehmen, denn die Wege sind noch unpassierbar. Wir stärken uns erst einmal bei einem Mittagessen mit urig-derben karatschaischen Spezialitäten. Woraus die Würste in dem Nationalgericht "Dschjorme" bestehen, will ich lieber gar nicht so genau wissen. Anschließend organisiert Murat uns Pferde für einen Ausritt rund um das Dorf. Für mich ist das mit dem Reiten eine Premiere, komischerweise bleibt mein Pferd stets hinter den anderen zurück.

 

Auf der Rückfahrt besuchen wir die Überreste der frühmittelalterlichen Stadt Archys. Rund 20 Kilometer vom modernen Dorf entfernt befand sich einst die Hauptstadt des legendären Reichs der Alanen. Hier stehen die ältesten christlichen Kirchen auf dem Territorium Russlands (die Krim nicht mitgezählt) aus der Zeit vor 1000.


Gestüt Tersk und Pjatigorsk

Терский конный завод и Пятигорск

Tersk Gestüt Nowoterski
Das Gestüt Tersk züchtet seit Jahrzehnten Vollblut-Araber

Den letzten Tag in Kislowodsk nutzen wir – gewissermaßen aufs Pferd gekommen – für einen weiteren Ausflug: Wir besichtigen das Gestüt Tersk, in dem seit Jahrzehnten „russische Araberpferde“ gezüchtet werden. Der Betrieb zeigt an manchen Tagen die schönsten Tiere in einer Manege.

 

Und das ist noch nicht alles:  Für 100 Rubel (1,40 €) dürfen Kinder eine Runde auf Putins persönlichem Pferd drehen. Den Luxus-Gaul hatte der Präsident einst als Staatsgeschenk von einem Scheich bekommen und im Tersker Gestüt untergebracht, ob die Kinderbespaßung Teil eines Putin-Personenkults ist oder wegen des geringen Preises im Gegenteil eher an Majestätsbeleidigung grenzt, möge jeder für sich selbst entscheiden...

 

Auf dem Rückweg stoppen wir in Pjatigorsk und spazieren ein wenig durch den Kurpark. Der größte der Mineralwasser-Kurorte liegt etwa 40 Kilometer von Kislowodsk entfernt.

 

Mit dem Hausberg Maschuk, vielen alten Villen und Kuranlagen ist Pjatigorsk ähnlich sehenswert wie Kislowodsk. Auch Kennern der russischen Literatur ist der Ort vertraut: Der große Lermontow starb hier viel zu jung bei einem unnötigen Duell. Die Handlung des satirischen Kult-Romans "Zwölf Stühle" von Ilf und Petrow spielt ebenfalls teilweise in der Stadt. Daran erinnert ein Denkmal für den Roman-Helden Ostap Bender am Eingang in die Prowal-Höhle.


Wladikawkas

Владикавказ / Дзæуджыхъæу

Wladikawkas Reiterdenkmal Issa Plijew
Issa Plijew war Ossete und zweifacher Held der Sowjetunion

Am folgenden Morgen starten wir zu einer weiteren Station unserer verkürzten Route. 200 Kilometer Fahrt nach Wladikawkas ("Beherrsche den Kaukasus") liegen vor uns. Der Bus entpuppt sich als schrottreifes, mit Paketen und Sperrgepäck hoffnungslos überladenes Sammeltaxi. Es beginnt ein fünfstündiger Horrortrip, eingeklemmt zwischen Kisten und Koffern.

 

Unser Ziel ist das Zentrum der russischen Teilrepublik Nordossetien und war wegen der Nähe zu Tschetschenien lange Tabu für Touristen. Dabei ist die Stadt überraschend ansehnlich. Nicht nur an der zentralen Fußgängerzone, dem Friedens-Boulevard, stehen noch viele sanierte Altbauten aus dem 19. Jahrhundert. 

 

Das markanteste Gebäude der Stadt befindet sich direkt am Ufer des Terek-Flusses: Hier ließ ein Ölmagnat aus Baku vor etwas über 100 Jahren die wunderschöne sunnitische Moschee von Wladikawkas bauen. Ein Hochhausneubau in der Nachbarschaft verschandelt seit einigen Jahren leider die Blickachse von hier auf die Berge.

 

Wladikawkas war schon vor der Oktoberrevolution eine bedeutende, weltoffene Stadt. Auch Deutsche, Armenier und persische Schiiten hatten hier ihre Gotteshäuser. Heute stellen Osseten in der Stadt zwei Drittel der 300.000 Einwohner, recht viele Schilder sind in ossetischer Sprache beschriftet. Russisch dominiert aber im Alltag.

 

Seit einigen Jahren wird das einst ramponierte Stadtbild offenbar mit Hochdruck herausgeputzt. Das Terek-Ufer mit der gigantischen Reiterstatue des ossetischen Sowjet-Generals Issa Plijew kann sich schon sehen lassen. Bei klarem Wetter überragen noch dazu die schneebedeckten Berge des Kaukasus-Hauptkamms das Stadtzentrum. Und wo eine alte "Lonely Planet"-Ausgabe noch warnte, in den Cafés und Restaurants der Stadt sei es schwer, überhaupt etwas Essbares aufzutreiben, gibt es heute tolle und preiswerte Lokale, zum Beispiel das "Lookoom" mit seiner Mischung aus ossetischer, georgischer und usbekischer Küche.  


Die Georgische Heerstraße

Военно-Грузинская дорога /  საქართველოს სამხედრო გზა

Georgische Heerstraße Kasbegi
Die Georgische Heerstraße - ein atemberaubendes Erlebnis

Erneut engagiere ich einen Hotel-Security-Mitarbeiter als Fahrer für einen Tag. Die Wahl des Ziels fällt uns schwer, aber die Neugierde auf das Nachbarland Georgien überwiegt: In Valeris bequemer Wolga-Limousine starten wir in Richtung der legendären Georgischen Heerstraße. Bis zur Grenze sind es nur rund 45 Kilometer.

 

Leider haben wir nicht viel Glück an diesem Tag. Noch am Stadtrand geraten wir in eine Kontrolle. Die Polizisten unterstellen dem Fahrer, er sei angetrunken und fordern ein happiges „Bußgeld“. Dann erwartet uns eine stattliche Warteschlange.

Der einzige russisch-georgische Grenzübergang ist ein Nadelöhr, Lkws stauen sich kilometerweit. Die Georgische Heerstraße ist auch für Armenien eine Lebensader, da die Grenzen des Landes zur Türkei und Aserbaidschan gesperrt sind und der komplette Waren- und Personenverkehr mit Russland über diese Trasse abläuft.

 

Zwei Stunden lang schieben wir uns in Richtung Kontrolle. Zu allem Unglück darf ich nicht einfach so ausreisen. Ein junger FSB-Agent in Lederjacke bringt mich zu einer Befragung in ein fensterloses Kabuff. Nicht unfreundlich, aber zeitraubend: Er will alles Mögliche über Familienverhältnisse, Beruf und Reiseroute wissen. Erst nach einer halben Stunde bekomme ich den Pass zurück. Der Geheimagent bittet zum Abschied um Verständnis für die Unannehmlichkeiten. Bei den georgischen Grenzern dauert die Abfertigung keine zehn Minuten.

 

Aber hätte es auch schlimmer kommen können: Oft ist die Straße wegen Lawinengefahr oder nach Erdrutschen tagelang gesperrt. Unser Fahrer gibt vor der Abfahrt zu bedenken, es gebe keine Garantie, dass wir abends auch wieder zurückkommen.

 

Die Landschaft entschädigt mehr als üppig für diese Mühen: Hinter jeder Kurve warten atemberaubende Aussichten. So würde das 200 Kilometer bis in die Hauptstadt Tiflis gehen. Wir fahren aber nur nach Stepanzminda, in den ersten Ort hinter der Grenze. 

 

Auf einem Berg oberhalb des Städtchens thront, in knapp 2.200 Metern Höhe, die kleine orthodoxe Dreifaltigkeitskirche von Gergeti – eines der Symbole Georgiens, das die Titelseiten vieler Reiseführer ziert. Dorthin machen wir uns auf - nach einem opulenten Mittagsgelage mit Chatschapuri, Chinkali und Borschomi-Sprudel.

 

Der 5047 Meter hohe Kasbek ist zu diesem Zeitpunkt leider schon hinter Wolken verschwunden. Wer (wie wir) keine Zeit hat, zur Kirche zu wandern, kann sich an einen der Männer im Ort wenden, die Touristen mit extrem geländegängigen Minibussen hinauffahren. Die Preise sind so happig, wie die Piste abgewrackt.

 

In der winzigen Kirche drängeln sich Europäer, Japaner, Inder – gefühlt zieht es die ganze Welt an ihr entlegenes Ende. Wie es hier im Sommer zugeht, mag ich mir gar nicht vorstellen. Nach der Rückkehr ins Tal Ort starten wir bald Richtung Russland. Dieses Mal passieren wir die Grenze recht zügig, auf russischer Seite lautet die einzige Frage, wie mir Georgien gefallen habe. 


Rückreise nach Moskau, Belgrad und Deutschland

Nachtzug Wladikawkas Beslan Noworossijsk RZD
Der Nachtzug Wladikawkas - Noworossijsk am Bahnhof Beslan

Vor Beginn der langen Rückreise nach Moskau unternehmen wir am folgenden Morgen eine letzte Wanderung. An einer stillgelegten, verfallenen Seilbahn-Station südlich von Wladikawkas geraten wir in ein kleines Militärmanöver und entscheiden uns schnell zum taktischen Rückzug.

 

Ärgerlich: Dies ist der erste richtig warme Tag, und gerade jetzt müssen wir abreisen. Im Schneckentempo (4,5 Stunden für 200 Kilometer) fahren wir im Zug über Beslan nach Mineralnyje Wody, zum Verkehrsknoten der Mineralwasser-Orte.

 

Dort steigen wir abends in den Schlafwagenzug, den wir bereits von der Hinfahrt kennen. Diesmal reisen wir in getrennten Abteilen, unser Sohn und ich landen bei einem Oberst a.D., der in einem Militärsanatorium zur Kur war und mit mir geopolitische Diskussionen über die Nato, Deutschland und Syrien führen möchte. Er ist nicht unsympathisch, aber er argumentiert schon arg regierungstreu. Pünktlich auf die Minute erreichen wir den Kasaner Bahnhof in Moskau. Bei der Schwiegermutter ist der Schnee fast weggetaut.

 

Zwei Wochen sowie 5.000 Straßen- und Schienenkilometer nach der Ankunft in Russland sitze ich mit den Kindern schon wieder in Scheremetjewo und warte auf den leicht verspäteten „Air Serbia“-Flieger. Nach der Zwischenlandung schwitzen wir uns in Winterjacken durch Belgrad, abends in Frankfurt sind es 24 Grad. Frühling! 


Passend zum Thema Reise in den Kaukasus in diesem Blog:


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Kommentare: 1
  • #1

    Schwabski (Mittwoch, 02 Mai 2018 14:12)

    Wow, was für eine faszinierende Reise, mit sehr interessanten Geschichten und toller Landschaft. Du hast mir auf jeden Fall Lust gemacht, einmal selbst den Kaukasus zu besuchen :)

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