Am Scharnier der Kontinente - Jekaterinburg

Екатеринбург

Jekaterinburg, das wirtschaftliche und politische Zentrum der Ural-Region, ist keine 300 Jahre alt. Die Anfang des 18. Jahrhunderts rund um eine Eisenhütte erbaute Siedlung wuchs im Laufe der Zeit zu einer riesigen Stadt. Mit aktuell über 1,4 Millionen Einwohnern ist sie heute die viertgrößte Stadt Russlands nach Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk. Dank ihrer Lage an der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn und einer Reihe historischer Sehenswürdigkeiten bietet sich Jekaterinburg für einen Zwischenstopp an. Die Stadt liegt rund 40 Kilometer östlich der geografischen Grenze zwischen Europa und Asien, aber noch nicht in Sibirien. Darauf legen die Menschen im Ural Wert. 

Sewastjanow-Haus Jekaterinburg Wyssozki-Hochhaus
Sewastjanow-Haus und Wyssozki-Wolkenkratzer in Jekaterinburg

Die nach der Zarin Katharina, der Ehefrau Peters des Großen, benannte Stadt kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Durch seine Lage an der zentralen russischen Ost-West-Handelsstraße, dem "Sibirschen Trakt", wurde Jekaterinburg für Kaufleute schnell zum "Tor zu Asien". Unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917 übernahmen auch hier die Bolschewiki die Macht, ein halbes Jahr später verbrachte die Familie des letzten russischen Zaren Nikolaus II. in Jekaterinburg die letzten Wochen vor ihrer Hinrichtung. 1924 wurde das Industriezentrum zu Ehren des Revolutionärs Jakow Swerdlow in Swerdlowsk umbenannt und blieb während der Sowjetzeit wegen seiner vielen Rüstungsbetriebe eine für Ausländer "geschlossene Stadt"

Auch in den Umbruchjahren nach dem Ende der Sowjetunion profilierte die Stadt sich zunächst weniger als Reiseziel, sondern eher als Schauplatz blutiger Mafia-Kriege. Während Jekaterinburg 1991 seinen historischen Namen zurückbekam, hielt das umliegende Verwaltungsgebiet an der alten Bezeichnung "Oblast Swerdlowsk" fest. 
Auch heute begegnet dem Besucher die widersprüchliche Geschichte von Jekaterinburg auf Schritt und Tritt: In der Stadt gibt es Platz für einen verklärenden Zaren-Kult, aber nach wie mit dem Swerdlow-Denkmal auch ein Monument für den Organisator der Ermordung.

Rathaus Jekaterinburg
Das Rathaus von Jekaterinburg

Jekaterinburg gilt auch als Heimatstadt des russischen Präsidenten Boris Jelzin (1931-2007), der hier zu Sowjetzeiten als regionaler Parteichef der KPdSU amtierte. Ein Jelzin-Zentrum mit Museum in der Stadtmitte erinnert an den Politiker.

In den vergangenen Jahren sind in Jekaterinburg eine Reihe recht eindrucksvoller Hochhäuser in den Himmel gewachsen, darunter der Wyssozki-Turm, der mit 54 Stockwerken höchste russische Wolkenkratzer außerhalb von Moskau. Dadurch hat Jekaterinburg eine durchaus eindrucksvolle Skyline erhalten. Allerdings ist die Mischung aller nur erdenklichen Baustile von altrussischen Holzhäuschen, zaristischen Kaufmanns-Villen über sowjetischen Konstruktivismus bis hin zu ultramodernen Glasbeton-Fassaden teilweise schon arg anstrengend. Ob es überhaupt so etwas wie einen durchdachten Städtebauplan für Russlands viertgrößte Metropole gibt, erschließt sich dem Besucher zumindest nicht auf den ersten Blick. Eine nette Orientierungshilfe für Touristen ist eine durch die Innenstadt gemalte rote Linie auf dem Asphalt, die alle wichtigen Attraktionen miteinander verbindet.


Kirche auf dem Blut

Храм-на-Крови

Kirche auf dem Blut Jekaterinburg
Die Kirche auf dem Blut in Jekaterinburg

Die majestätische "Kirche auf dem Blut" am Standort des historischen Ipatjew-Hauses erinnert an die Ermordung der letzten Zarenfamilie. Zar Nikolaus II., seine Frau, die hessische Prinzessin Alexandra und ihre fünf Kinder waren 1917 von der Provisorischen Regierung zunächst ins sibirische Tobolsk gebracht. Die Bolschewiki hatten den Herrscher mitsamt Familie, Leibarzt, Koch und Hofdienern von dort im Frühjahr 1918 nach Jekaterinburg überführt und im Haus des Ingenieurs Nikolai Ipatjew gefangengehalten. Dort wurden sie in der Nacht auf den 17. August 1918 in den Keller geführt und von einem Hinrichtungskommando niedergeschossen. Später befand sich zeitweilig ein Revolutionsmuseum in dem Haus, in dem der Keller sogar bei Besichtigungen gezeigt wurde. 1977 ließ die regionale Parteiführung das Haus abreißen, weil es sich inzwischen zu einer Art Pilgerstätte für Anhänger der Monarchie entwickelt hatte. Nach dem Ende der Sowjetzeit fiel der Entschluss, am Schauplatz des Geschehens eine Kathedrale zum Gedenken an die mittlerweile heiliggesprochene Zarenfamilie zu errichten. Die Kirche wurde 2003 eingeweiht. Im Untergeschoss befindet sich ein Museum, dass an die letzten Lebensmonate der Zarenfamilie erinnert.


Ganina Jama

Ганина Яма

Ganina Jama Denkmal Nikolaus II.
Denkmal für Nikolai II. in Ganina Jama

Der Kult um die ermordete Zarenfamilie treibt am Stadtrand von Jekaterinburg noch buntere Blüten: Ganina Jama, Ganjas Grube, heißt ein weiterer Gedenkort, den Pilgergruppen, aber auch viele gewöhnliche Touristen besuchen. An dem stillgelegten Stollen waren im Juli 1918 die Leichen der Romanows und ihrer Entourage mit Benzin und Schwefelsäure übergossen und verbrannt worden. Das damalige Geschehen ist relativ gut dokumentiert, weil die Gegend kurze Zeit nach der Tat im russischen Bürgerkrieg von den "Weißen" Truppen erobert wurden, die Ermittlungen zum vermuteten Tod der Zarenfamilie einleiteten und schnell auf Spuren der Tat stießen. Nach der Heiligsprechung der Zarenfamilie wurde hier ein Männerkloster gegründet. Auf dem Gelände gibt es sieben hölzerne Kirchen und Kapellen - eine für jedes Mitglied der Romanow-Familie. Auch in Ganina Jama informiert eine Ausstellung über den Zaren, seine Angehörigen und das zaristische Russland. Die Herrschaft von Nikolaus II. wird dabei in so rosaroten Tönen nachgezeichnet, dass es fast von Vorteil ist, wenn man die Geschichtsklitterung auf den Infotafeln gar nicht versteht: Hinweise auf die sozialen Missstände im zaristischen Russland fehlen, die katastrophale Niederlage im Krieg gegen Japan wird schöngeredet und die reaktionäre russische Monarchie der damaligen Zeit als höchst fortschrittliche Gesellschaftsform gelobt. Trotzdem: Das Gelände ist hübsch und einen Abstecher wert.


Grenze Europa-Asien

Denkmal Obelisk Grenze Europa Asien Perwouralsk
Obelisk an der Grenze Europa-Asien bei Perwouralsk

Die Stadtoberen von Jekaterinburg haben sich vor einigen Jahren vergeblich darum bemüht, den Grenzverlauf zwischen Europa und Asien im Ural offiziell um 40 Kilometer nach Osten zu verschieben. Dann wäre sie genau durch das Stadtzentrum verlaufen. Die internationale Geografen-Zunft fand die Idee aber nicht gut. Um Reisenden die Anfahrt trotzdem zu erleichtern, wurde an der Hauptverkehrsstraße nach Moskau vor einigen Jahren ein neuer Kontinental-Grenzstein aufgestellt, der an einen geschwungenen kleinen Eiffelturm erinnert. Aber angeblich steht sogar der noch viel zu dicht an der Stadt und nicht an der korrekten Stelle. Denn eigentlich ist der Verlauf der Grenze zwischen Europa und Asien in dieser Region durch die Wasserscheide des Uralgebirges recht klar definiert. 

 

Zweifelsfrei am richtigen Platz befindet sich der historische Europa-Asien-Obelisk östlich der Industriestadt Perwouralsk. Auch an der Bahnstrecke Jekaterinburg - Perm wurde in der Nähe der Bahnstation Perwouralsk ein entsprechendes Denkmal errichtet. Entlang der Bahnstrecke Jekaterinburg - Kasan haben wir keinen Obelisken gesehen. Taxifahrer machen gerne eine Tour über die Kontinentalgrenze. Eine Übersicht über inner-eurasische Grenz-Denkmäler gibt es mit Fotos und geografischen Koordinaten auf dieser Webseite (nur in Russisch).


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