Chruschtschows Apartments

- Wohnen wie im Kommunismus

Heizungsausfall zum Einzug in die erste Moskauer Wohnung anno 1995
Heizungsausfall zum Einzug in die erste Moskauer Wohnung anno 1995

Kaum ein Thema wird zurzeit in Moskau hitziger diskutiert, als der geplante massenhafte Abriss alter Plattenbauten. Über zwei Jahre lang habe ich selbst in einem der berühmt-berüchtigten "Chruschtschowkas" gewohnt. Das Unbehagen der Leute gegen die Umsiedlungspläne kann ich verstehen, aber diese Häuser waren auch schon vor 20 Jahren eigentlich niemandem mehr zuzumuten...

Moskau (Dezember 1995). Nein, schön war sie nicht, die Wohnung, die mir Juri Sergejewitsch eines Nachmittags zeigte. Ein Zimmer, das lange nicht mehr renoviert worden war, Möbel, die in Deutschland schon lange auf dem Sperrmüll gelandet wären, und noch dazu war bei mehr als zwanzig Grad Frost die Heizung gerade ausgefallen.

 

Trotzdem wollte ich sofort einen Mietvertrag unterschreiben. Im Vergleich zum Studentenwohnheim der Patrice-Lumumba-Universität erschien die 30-Quadratmeter-Bleibe wie ein kleines Paradies. Die 250 Dollar Monatsmiete — wie ein Geschenk.

 

Kein Wachdienst würde hier Geld fordern, damit ein Besucher auf das Zimmer durfte. Auch die Zahl der Kakerlaken in der Küche schien sich in überschaubaren Grenzen zu halten. Die Kücheneinrichtung mit einem kleinen Gasherd und einem beeindruckenden Sil-Kühlschrank war zwar über 30 Jahre alt, aber alles schien zu funktionieren.

 

Juri Sergejewitsch wurde etwas verlegen. Er würde die Wohnung gerne noch etwas herrichten, bevor er sie vermietet, sagte er. "Nicht nötig", meinte ich. "Ich will sofort einziehen."

Wände wie aus Pappe, Modergeruch im Hausflur

Der Wohnblock in der Uliza Udalzowa war ein Plattenbau der ersten Generation. Chruschtschowka genannt nach dem damaligen Parteichef Nikita Chruschtschow. Die Chrutschtschow-Apartments waren sozusagen die sowjetische Version der Neue-Heimat-Blocks. Schnell, billig und massenhaft waren die Neubausiedlungen mit den fünfstöckigen Häusern ab Mitte der Fünfziger Jahren überall in der Sowjetunion aus dem Boden gestampft worden.

 

In einem Chruschtschowka-Wohnlock gibt es keinen Fahrstuhl, die Wände sind dünn wie aus Pappe, so dass man in allen Einzelheiten

mithörte, wenn Nachbarn die Toilette benutzten oder sich ein Stockwerk höher eine Ehekrise abspielte. Da war dann dann gerade am Einschlafen, und plötzlich schallte es von oben durch die Zimmerdecke in die friedliche Stille hinein: "Du warst immer eine blöde Kuh, und als blöde Kuh wirst du auch verrecken!"

Im Treppenhaus hing immer ein leicht moderiger Geruch in der Luft. Die Häuser waren mit einer Lebensdauer von wenigen Jahrzehnten geplant worden, spätestens 1980 hätte den Berechnungen der Parteiführung nach der Kommunismus eintreten müssen und alle Alltagssorgen der sowjetischen Bürger und die allgegenwärtige Mangelwirtschaft wären vergessen gewesen. In den Neunzigern waren die Häuser schon lange dringend sanierungsbedürftig. Dementsprechend waren wenigstens die Mieten bezahlbar. Kein Moskauer, der etwas auf sich hielt, wollte in einer Chruschtschowka leben. Das war freilich nicht immer so.

 

Anfang der Sechziger war der Umzug in der Udalzow-Straße für Juri Sergejewitsch ein unglaublicher Glückstreffer. Er lebte hier gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn. Als er eine Wohnung in dem gerade fertig gestellten Neubau zugewiesen bekam, konnte er endlich der Enge einer der berüchtigten Moskauer Gemeinschaftswohnungen entkommen, in denen sich mehrere Familien ein Bad und eine Küche teilen mussten. 

 

Neujahrsfeier ohne Strom und Heizung

Mini-Küche in meiner Moskauer Chruschtschowka-Wohnung
Mini-Küche in meiner Moskauer Chruschtschowka-Wohnung

Leider funktionierte die Heizung noch immer nicht, als ich einzog. Bagger hatten die offenbar geplatzten Fernheizungsrohre aus dem gefrorenen Boden ausgegraben. Aus den Löchern in der Erde stieg weißer Dampf empor. Offenbar lag ein ernsteres Problem vor. Nach der ersten Nacht stieg ich als morgens in die U-Bahn, fuhr zum Haushaltswarenladen "1000 Kleinigkeiten" und fand bei den fliegenden Händlern vor dem Geschäft auch bald ein leistungsfähiges Elektroheizgerät.

 

Viel Freude bereitete der Apparat mir allerdings nicht. Denn die Planer unseres Wohnhauses hatten in den Sechziger Jahren nicht vorhergesehen, dass einmal alle Bewohner gleichzeitig ihre Heizstrahler einschalten würden. Schon am Nachmittag brach auch die Stromversorgung zusammen. Die Hausmeisterin lief mit einem Aufruf von Tür zu Tür, bitte keine Heizgeräte mehr zu benutzen. "Wir haben doch alle schon das Festessen für die Silvesternacht im Kühlschrank", bettelte sie. "Keiner will doch, dass das schlecht wird." Und: "Schalten sie doch den Gasherd ein, wenn Ihnen kalt ist." Ein guter Ratschlag, zumindest in der Küche sorgten zwei voll aufgedrehte Gasflammen für eine akzeptable Temperatur.

 

Offenbar konnte die Hausmeisterin jedoch nicht alle Bewohner überzeugen, der Strom fiel in den kommenden Tagen nicht nur einmal aus. Anna und ich feierten mein erstes Silvesterfest in Moskau in Mänteln und bei Kerzenlicht — aber dafür in meiner eigenen Wohnung.  

 

Wenige Jahre nach unserer Zeit in der Uliza Udalzowa beschloss die Moskauer Stadtregierung, die Probleme der Chruschtschow-Wohnblöcke auf radikale Art zu lösen. Statt einer Sanierung wurde der Abriss aller Plattenbauten der ersten Jahre verordnet. An ihrer Stelle wachsen heute überall 20- oder 30-stöckige Hochhäuser in den grauen Moskauer Himmel, mit unbezahlbaren Quadratmeterpreisen und für normale Menschen unerschwinglichen Mieten. Unser altes Viertel, die ruhigen Straßen hinter dem Wernadski-Prospekt ist heute nicht mehr wiederzuerkennen. Schade eigentlich. (kp)

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