"Wo ist denn meine dunkeläugige Liebste? In Wologda-gda-gda. Im Haus mit den geschnitzten Palisaden."

Die weißrussische Folk-Pop-Gruppe "Pesnjary" in "Wologda"

 

Wälder, Weltreisende, Weihnachtsmann

- Reisebericht Region Wologda 2021

Endlose Taiga, dazwischen gelegentlich wie aus der Zeit gefallene kleine Dörfer oder Städte, an denen Kriege und Umwälzungen der jüngeren russischen und sowjetischen Geschichte scheinbar spurlos vorbeigingen: Die in Westeuropa nahezu unbekannte, dünn besiedelte russische Region Wologda wirkt vielerorts wie ein großes bewohntes Freilichtmuseum. Gerade einmal gut 500 Kilometer nördlich von Moskau erleben Reisende ein Russland wie aus dem Bilderbuch - mit Holzhäusern, unzähligen Kirchen und Klöstern und Landschaften, die eine unglaubliche Ruhe ausstrahlen. Nicht zu Unrecht wirbt die regionale Tourismusbehörde mittlerweile mit dem Slogan "Die Seele des russischen Nordens" um Besucher. Im August 2021 führte uns unsere erste Russland-Reise seit dem Ausbruch der Pandemie von Moskau aus dorthin.

Blick auf Totma
Blick vom Glockenturm der Palmsonntagskirche auf Totma

Unsere Route:

Da wir aufgrund der Corona-Krise als Familie zwei Jahre lang nicht in Russland sein konnten, standen zunächst einmal Familienangelegenheiten im Vordergrund unseres Besuches. Ganz spontan entschieden wir uns vor Ort dann aber doch für eine kleine Rundreise in den Norden. Unsere Route führte von Moskau aus nach einem Zwischenstopp in Rostow Weliki in die Gebietshauptstadt Wologda. Von dort aus unternahmen wir einen Tagesausflug in das Unesco-Welterbe-Kloster Ferapontowo und in den Nationalpark "Russischer Norden", bevor wir in das alte Kaufmannszentrum Totma weiterreisten. Von dort ging es noch einmal weiter nach Nordosten ins legendäre Weliki Ustjug, die offizielle Heimat von Väterchen Frost.


Russland-Reisen in Pandemie-Zeiten

Kein Zutritt ohne Maske - gilt in Russland nur in der Theorie
Kein Zutritt ohne Maske - gilt in Russland nur in der Theorie

Auf dem Weg zum Berliner Flughafen bin ich schon ein wenig aufgeregt, wie es werden würde, wieder nach Moskau zu kommen - nach zwei Jahren Corona-Zwangspause.  Vor allem macht mir einige Sorgen, ob wir tatsächlich alle nötigen Papiere beisammen haben. Doch Ängste sind unbegründet, der Computerausdruck meines elektronischen PCR-Test-Ergebnisses wird anstandslos akzeptiert. Und schon am Aeroflot-Schalter beim Check-In reißen sich die ersten Passagiere die Masken vom Gesicht. 

 

Nach der späten Ankunft auf dem Flughafen Moskau-Scheremetjewo wird dann vollends klar: Die Russen haben die Corona-Pandemie für beendet erklärt und pfeifen auf alle vom Staat angeordneten Maßnahmen. Masken und Abstand sind für die allermeisten kein Thema mehr - nicht einmal in der Moskauer Metro, wo die Passagiere pausenlos mit Aufforderungen vom Band beschallt werden, sich impfen zu lassen und die Regeln einzuhalten. Restaurants und Cafés sind voll besetzt, niemand fragt irgendwo nach Impfbescheinigungen, und Schnelltests sind im Land ohnehin nie gebräuchlich gewesen. Lediglich im ersten Hotel am Wohnort der Schwiegermutter (Moskauer Verwaltungsgebiet, aber nicht mehr Stadt Moskau), bittet die Rezeption aufgrund einer behördlichen Anordnung um irgendein Papier. Die "Genesenenbescheinigung" unserer deutschen Kreisverwaltung wird als ausreichend anerkannt, kopiert und in irgendeinen Ordner abgelegt.

Moskau

Москва

Arbat Fußgängerzone in Moskau im Sommer 2021
Normaler Alltag trotz Corona auf dem Moskauer Arbat

Nach der Ankunft in Russland verbringen wir zunächst einige Zeit mit Garten- und Renovierungsarbeiten am Haus unserer Babuschka im Moskauer Umland, die wir seit dem Jahr 2019 nicht mehr besuchen konnten. Eine Reihe von Behördengängen führt mich aber auch mehrfach in die Hauptstadt, so dass ich etwas Zeit habe, durch die Stadt zu bummeln. Es macht Spaß zu sehen, wie sich gerade das Moskauer Zentrum in den vergangenen Jahren immer weiter herausgeputzt hat und wie viele tolle neue Cafés und Restaurants es - trotz Corona-Krise - dort gibt.

 

Überall herrscht nahezu normaler Alltag, und auch bei Gesprächen mit Freunden und Verwandten spielt die Pandemie keine so zentrale Rolle wie es bei uns in Deutschland der Fall wäre. Der Rote Platz, den ich jedes Mal mindestens einmal besuche, ist leider erneut mit riesigen Bühnen für ein Musikfestival zugebaut. Schade.

 

An einem trüben Tag mache ich einen Abstecher in den "Park des Sieges" - die zentrale Weltkriegsgedenkstätte der Hauptstadt. Auf dem riesigen Parkgelände, das 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes eröffnet worden war, sind kaum Menschen unterwegs. Die spektakuläre Aussicht auf die Wolkenkratzer der "Moskau-City" habe ich daher fast für mich allein. Der Park ist im typischen Zeitgeist der 1990er-Umbruchjahre entstanden, inclusive eines monumentalen Obelisken des damaligen Moskauer Hofkünstlers Surab Zereteli, vor dem der heilige Georg einem (bereits in Stücke gesägten) Nazi-Drachen den Todesstoß verpasst.


Rostow Weliki

Ростов Великий

Entschlafens-Kathedrale in Rostow Weliki
Die Entschlafenskathedrale von Rostow Weliki

Nach einer Woche in und um Moskau starten wir mit dem Zug in Richtung Norden. Da wir unsere kleine Rundreise mitten in der Ferienzeit lediglich mit einem Tag Vorlauf geplant haben, sind viele Züge - wenig überraschend - schon ausgebucht. Selbst im 3.-Klasse-Liegewagen sind nur noch die unbeliebten Plätze längs zum Korridor zu haben, denn gerade jetzt kommen die Einheimischen von den Ferienorten am Schwarzen Meer zurück nach Hause.

 

Wir entscheiden uns daher gegen eine Nachtfahrt und für einen Zwischenstopp in Rostow Weliki drei Stunden nördlich der Hauptstadt. Die offenen 3.-Klasse-Liegewagen der Russischen Bahn ("Platzkartny wagon") bieten über 50 Fahrgästen Platz, mit all ihrem Gepäck, ihren Geräuschen und Gerüchen. Im Sommer ist das ohnehin ein spezielles Reisegefühl, in Pandemie-Zeiten gilt das umso mehr. Immerhin kommt der Liegewagenschaffner eine Stunde nach der Abfahrt durch den Waggon und misst bei allen Fahrgästen Fieber. Offenbar gibt es keine Auffälligkeiten, denn auch der Mann am anderen Ende des Waggons, der stundenlang ununterbrochen hustet, bleibt unbehelligt.

In Rostow (nicht zu verwechseln mit der Millionenstadt Rostow am Don!!) war ich zum letzten Mal vor rund zehn Jahren und bin jetzt erfreut, dass der mächtige Rostower Kreml seither gründlich saniert wurde. Der Rest der Kleinstadt am Nerosee, die mehrere Jahrhunderte älter als Moskau und Teil des "Goldenen Rings" altrussischer Städte ist, macht leider noch immer einen recht baufälligen Eindruck. Leider wurde das altmodische Hotel auf dem Kreml-Gelände, in dem ich im Winter 2011 übernachtete, inzwischen geschlossen - aber ich hatte eine wundervolle Alternative gefunden.

 

Über ein bekanntes Buchungsportal mieten wir für eine Nacht ein Zimmer im orthodoxen Warnizki-Männerkloster wenige Kilometer vom Stadtrand entfernt. Wer sich nicht daran stört, dass hier statt eines Flachbildfernsehers nur Ikonen an der Wand hängen, findet eine himmlische Oase zum Durchschnaufen und Innehalten. Das wunderschöne Kloster-Gelände ist in den vergangenen Jahren buchstäblich aus Ruinen wiederaufgebaut worden. Im Refektorium bekommen wir einfache Klosterkost zu essen, und in einem Souvenirladen der Mönche erstehen wir kandierte Kiefernzapfen - eine Leckerei, die tatsächlich essbar ist und sogar überraschend gut schmeckt.


Wologda

Вологда

Holzhäuser im Stadtzentrum von Wologda
Stille Seitenstraße im Zentrum von Wologda

Von Rostow aus braucht der Schnellzug fünf Stunden bis zu unserem nächsten Ziel, unterwegs überqueren wir bei Jaroslawl die breite Wolga. Für drei Nächte wollen wir in Wologda Halt machen, einer Provinzhauptstadt rund 500 Kilometer nördlich von Moskau.

Einst war Wologda ein wichtiges Wirtschaftszentrum zwischen Moskau und dem früher einzigen russischen Seehafen Archangelsk am Weißen Meer.

 

Während der Herrschaft Iwans des Schrecklichen im 16. Jahrhundert wäre die Stadt beinahe anstelle von Moskau neues Zentrum des Russischen Reichs geworden. Der Zar ließ Wologda und seinen Kreml mit Hilfe westeuropäischer Baumeister stark erweitern, aber dann alle Arbeiten abrupt beenden. Dazu gibt es die Legende, dem frommen Tyrannen sei bei einer Baustellenbesichtigung der fast fertigen Sophienkathedrale ein Stein oder ein Stück vom Putz des Gewölbes auf den Kopf gefallen. Iwan soll den Vorfall als schlechtes Omen gewertet und Wologda für immer verlassen haben. Vom windumtosten Glockenturm der erst nach Iwans Tod eingeweihten Kathedrale aus genieße ich die Aussicht auf die sympathische Stadt. Besonders eindrucksvoll wirkt das Ensemble der Kirchen am Kremlplatz allerdings vor dem Hintergrund eines aufziehenden Unwetters:

Bis heute hat sich Wologda trotz seiner rund 300.000 Einwohner ein charmantes Zentrum bewahren können. In vielen Straßen stehen noch immer - oft vorbildlich instand gehaltene - Holzhäuser aus dem 19. oder dem frühen 20. Jahrhundert. Sogar spezielle Stadtführungen zu den schönsten davon werden inzwischen angeboten. Die einst in dieser Gegend weit verbreiteten hölzernen Bürgersteige sind aber fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Sehr positiv überrascht uns das großartige gastronomische Angebot. Besonders genial: Kurz vor der Weiterreise entdecken wir das Restaurant "Parowosow", das zur Hälfte wie ein Speisewagen eingerichtet ist (die Gäste sitzen wie am Zugfenster an Bildschirmen, die vorbeiziehende russische Landschaften zeigen) und wo die Getränke von einer Modelleisenbahn an den Tisch befördert werden.


Ferapontowo und Kirillow

Ферапонтово и Кириллов

Dionisius-Fresken im Kloster Ferapontowo in Russland
Christus in der Kuppel des Ferapontowo-Klosters

Das vergleichweise kleine Kloster Ferapontowo gut 100 Kilometer nordwestlich von Wologda ist weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt: Es ist als einziges Baudenkmal der Region in die Welterbe-Liste der Unesco aufgenommen worden - wegen seiner weltweit einmaligen Fresken, die seit Anfang des 16. Jahrhunderts nahezu unverändert erhalten blieben. Der Ikonenmaler Dionisius und seine Söhne schufen hier eine Art "Sixtinischer Kapelle der Orthodoxie", der Freskenzyklus mit rund 300 einzelnen Darstellungen bedeckt Wände und auf einer Gesamtfläche von 600 Quadratmetern. Seit Sowjetzeiten ist das Ferapontowo-Kloster ein Museum, in dem genau darauf geachtet wird, dass die Wandmalereien keinen Schaden nehmen. Nur kleine Gruppen von Besuchern werden im 15-Minuten-Takt in die Kirche hineingelassen.

Das Kloster und das gleichnamige Dorf Ferapontowo liegen inmitten des Nationalparks "Russischer Norden", der die bewaldeten Hügel im Nordwesten des Gebietes Wologda umfasst. Wir machen uns auf eine kleine Wanderung zur höchsten Erhebung der Region - dem Hügel Zypina Gora. Eine auf unseren Internetkarten eingezeichnete Straße wird erst zum Schotterweg, führt durch fast verlassene kleine Dörfer und verengt sich dann zu einem kleinen Waldpfad. Schließlich entdecken wir am Fuß des Berges einen im Blockhaus-Stil gebauten Hotelkomplex mit Skilift, der - völlig unerwartet - über ein extrem fesches Restaurant namens "Kaschalot" ("Pottwal") verfügt, das eher nach Moskau als in diese Einöde passen würde. Von den Hecht-Frikadellen auf Wildreis schwärme ich noch immer.

Wir bestellen ein Taxi und lassen uns in die beschauliche Kreisstadt Kirillow fahren, deren Stadtbild von dem riesigen Kirillo-Beloserski-Kloster dominiert wird. Hier war ich vor sieben Jahren bereits einmal, als ich eine Zeitungsleser-Reise auf einer Flusskreuzfahrt von St. Petersburg nach Moskau begleiten durfte. Weil wir erst am späten Nachmittag ankommen, haben wir das von gewaltigen Wehrtürmen geschützte Kloster, das einst eine mehrjährige Belagerung durch polnisch-litauische Truppen überstand, fast für uns allein. Auf dem weitläufigen Gelände stehen so viele Kirchen, dass man schnell den Überblick verliert, aber wir sind ohnehin von der Wanderung noch so erschöpft, dass wir uns mit einer Außenbesichtigung begnügen. Seit meinem ersten Besuch 2014 wurden einige Bauwerke restauriert, aber es ist noch immer eine Menge zu tun.


Totma

Тотьма

Barockkirche in Totma
Barocke Pracht und Holzhäuser prägen das beschauliche Totma

Zu unserem nächsten Ziel, der Kaufmanns- und Seefahrerstadt Totma, führen keine Schienen mehr. 200 Kilometer im Kleinbus liegen vor uns. Das 5.000-Einwohner-Städtchen am Ufer der trägen Suchona war einst Ausgangspunkt für die Entdeckungsreisen  wagemutiger Kauflleute Richtung Sibirien und Russisch-Nordamerika. Einige fuhren sogar noch weiter - so stammt etwa der Gründer der einstigen russischen Siedlung Fort Ross in Kalifornien, Iwan Kuskow, ebenfalls von hier. Einige Händler wurden durch den Pelzhandel steinreich und stifteten ihrer Heimatstadt wunderhübsche Kirchen, die mit ihren schlanken Formen wohl an Segelschiffe erinnern sollten und sogar einen eigenen Baustil begründeten ("Totma-Barock").

Im 19. Jahrhundert, als Totma ein Bedeutung verloren hatte, wurde die Stadt dann Ort zur Verbannung politischer Gegner des Zarenregimes. Und hier wird die Geschichte des Städtchens Teil unserer Familiengeschichte: Denn Annas Großvater wurde hier geboren. Ihr Urgroßvater war Spross einer polnischen Adelsfamilie, die wegen Beteiligung an einem Aufstand im Gouvernement Wologda landete. Die Familie der Urgroßmutter musste St. Petersburg verlassen, weil sie Sympathien für die revolutionäre Bewegung gehegt hatte.

 

Bei einem Besuch im örtlichen Heimatkundemuseum bitten wir eine Archivarin nachzusehen, was über die Ahnen bekannt ist. Und tatsächlich wird die freundliche Mitarbeiterin fündig: Sie entdeckt etwa einen Vermerk darüber, dass die Familie der Urgroßmutter im Ort ein Hotel namens "Petersburg" eröffnet hatte und mit dem Besitzer eines Konkurrenz-Betriebs im Clinch lag. Über den Urgroßvater - einen Musikdozenten am städtischen Lehrerseminar - wiederum gibt es einen Aktenvermerk, dass die Geheimpolizei des Zaren ihn im Visier hatte. Bei Gesprächen mit Bauern sei er durch staatsfeindliche Bemerkungen aufgefallen.

Leider erfahren wir auch, dass alle Friedhöfe aus der Zeit vor der Revolution nicht erhalten sind. Auch das Hotel "Petersburg" steht nicht mehr, dafür kommen wir in dem excellenten, ganz neu eröffneten kleinen Hotel "Russki Pritschal" direkt am Flussufer unter. Ansonsten sieht es in Totma aber vielerorts tatsächlich noch so aus, wie auch die Menschen im 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Stadt erlebt haben. 


Weliki Ustjug

Великий Устюг

Ufer der Suchona Weliki Ustjug Nordrussland
Am Ufer der Suchona in Weliki Ustjug

Noch einmal fahren wir weitere 250 Kilometer von Totma aus in nordöstlicher Richtung auf der einzigen Landstraße, bis wir das legendäre Städtchen Weliki Ustjug erreichen. Endstation unseres Sammeltaxis ist eigentlich ein Neubauviertel am Stadtrand, aber der Fahrer bringt uns direkt bis zu unserem Hotel, schließlich seien wir doch Gäste.

Ebenso alt wie Moskau und mit einer ähnlichen Geschichte wie Totma ist auch dieser Ort eine echte - wenn auch weit abseits gelegene - Perle. Das Ufer der Suchona, die hier schon deutlich breiter ist als der Rhein bei uns zu Hause und sich südlich der Stadt mit dem Fluss Jug zur Nördlichen Dwina vereint, ist gesäumt von Kirchtürmen. Eine der Kirchen erinnert an den örtlichen Heiligen Prokop, der einst wohl als Hanse-Kaufmann aus Lübeck nach Russland kam, hier orthodox wurde, seine Reichtümer verschenkte und als sogenannter Narr in Christo ein Leben in Armut und Demut fristete. Wir kaufen uns eine Eintrittskarte für den Glockenturm der zentralen Entschlafens-Kathedrale und treffen oben den Glöckner, der virtuos an verschiedenen Seilen zieht und damit die Glocken zum Klingen bringt. Unerwartet fragt er uns, ob wir es auch einmal probieren wollten. Die Gelegenheit lassen wir uns natürlich nicht entgehen.

Würde Weliki Ustjug sich nur etwas näher an Moskau befinden - die Stadt wäre permanent überrannt von Touristen. Doch knapp 1.000 Kilometer sind für die meisten dann doch etwas zu weit.

Dabei lockt der Ort noch mit einer ganz besonderen Attraktion: Seit 1998 ist Weliki Ustjug die offizielle Heimat von Väterchen Frost. Der russische Weihnachtsmann residiert in einem Holzpalast rund zwölf Kilometer außerhalb der Stadt, der das Zentrum eines Freizeitparks bildet. Vor knapp 20 Jahren war ich bereits einmal hier und habe damals über die wagemutigen Geschäftsideen der hiesigen Weihnachtsmann AG berichtet. Obwohl wir mitten im Sommer kommen, buchen wir eine (nicht billige) Führung durch das Anwesen, bei dem uns eine Art Weihnachtswichtel durch Arbeits-, Schlafzimmer und Kleiderkammer von Väterchen Frost führt. Am Ende des Rundgangs steht dann eine Begegnung mit dem Alten höchstpersönlich. Ein kleiner Smalltalk und Erinnerungsfotos sind im Eintrittspreis inclusive. Das ganze ist zugegeben ein wenig kitschig, aber vor allem Kinder lieben den Väterchen-Frost-Palast. Gegen Extra-Obolus hätten wir noch den Weihnachtsmann-Zoo besichtigen können, aber dafür reicht die Zeit nicht mehr.

 

Im Stadtzentrum unterhält der russische Weihnachtsmann zudem eine Stadtresidenz und ein Postamt, in dem alle russlandweit an ihn adressierten Kinderbriefe landen. Sogar aus dem Ausland, darunter aus Deutschland, erhält Väterchen Frost jede Menge Zuschriften. In einer der unzähligen Kirchen ist außerdem ein durchaus sehenswertes Weihnachtsbaumkugel-Museum untergebracht, dem wir auch einen Besuch abstatten. An den Abenden genießen wir die Sonnenuntergänge an der breiten Suchona, die zum Geschrei von Möwen, Dohlen und Seeschwalben und dem Gefiepse von Strandläufern in ein atemberaubendes Licht getaucht wird.


Die Suchona-Felsen Opoki

Опоки

Opoki-Felsen an der Suchona
Bis zu 60 Meter hohe gestreifte Felsen bilden eine spektakuläre Kulisse

Nachdem allmählich all die besichtigten Klöster und Kirchen in unserer Erinnerung zu einer Art Brei verschwimmen, entschließen wir uns zum Ende unserer Rundreise, noch einen Tag in der Natur zu verbringen. Unser Ziel ist der eindrucksvollste Abschnitt der Suchona. Um ihn zu erreichen, müssen wir mit dem Taxi wieder 70 Kilometer zurück in Richtung Totma fahren, und dann von der Trasse auf eine Schotterpiste abbiegen. Bald erreichen wir die Stelle, an der der Flachlandfluss auf mehreren Kilometern Länge aussieht wie ein Canyon in den Bergen - mitsamt Stromschnellen, die einst die Kaufleute das Fürchten lehrten. Vor uns liegen die Felsformationen Opoki, wo der Fluss im Laufe Tausender Jahre verschiedenfarbige Schichten von Kalkstein und Gips freigelegt hat. Die eigentümlich gestreiften, bis zu 60 Meter hohen Steilufer sind aber nicht die einzige Attraktion:

Am linken Ufer der Suchona befindet sich ein künstlicher Geysir. Geologen waren in den 1940er bei einer Probebohrung auf eine riesige, unter enormem Druck stehende Wasserschicht gestoßen, die seit über 80 Jahren ununterbrochen aus der Tiefe an die Oberfläche schießt. Ursprünglich soll der Geysir eine Höhe von über zehn Metern erreicht haben, mittlerweile hat der Druck abgenommen, aber noch immer spritzt die Fontäne Tag und Nacht bis zu fünf Meter hoch.

Am rechten Ufer, am Rand des nur noch von einer Handvoll Menschen bewohnten Dorfes Porog, sitzten den ganzen Tag über Männer, die Touristen mit ihren schnellen Motorbooten zum Geysir übersetzen. Eine Rückfahrt kostet umgerechnet stolze 3,50 Euro, wer wieder zurückgeholt werden will, muss die Skipper mit dem Mobiltelefon herbeirufen, sie kommen dann zuverlässig sofort angerast. Wir erkunden noch ein wenig die Umgebung, und wandern den Berg hinauf zu einem schon lange verlassenen kleinen Bauerndorf, dessen Häuser seit Jahren langsam verfallen.

Mag die Gegend hier auf den ersten Blick auch paradiesisch wirken, so hat sie doch eine finstere Geschichte. In der Stalin-Zeit befand sich hier an den Opoki-Felsformationen das Straflager "Opoklag", in dem mehrere Tausend Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen eine Staustufe mit Schleuse bauen mussten. Kaum war die Anlage Anfang 1947 fertig, wurde sie von einem besonders heftigen Frühjahrs-Hochwasser fortgespült. Ein Kreuz und ein Gedenkstein an der Straße erinnern heute an die Gulag-Opfer. Von dem Bau stehen nur noch einige Trümmer am Flussufer. 


Zurück nach Moskau

Поездом в Москву

Nachtzüge am Bahnhof von Kotlas Nordrussland
Der D-Zug nach Moskau steht zur Abfahrt bereit

Für die Rückfahrt wollen wir nicht noch einmal 500 Kilometer Landstraße im Sammeltaxi über uns ergehen lassen. Daher lassen wir uns von Weliki Ustjug mit dem Taxi ins 70 Kilometer entfernte Kotlas bringen, wo es einen Bahnhof gibt. Die Stadt liegt an der einst strategisch wichtigen Bahnstrecke nach Workuta und hat täglich mehrere direkte Verbindungen nach Moskau. Kotlas selbst war einst ein wichtiger Verkehrknotenpunkt, aber außer einem Lenin-Denkmal und einer Denkmals-Dampflok am Bahnhof hat die Stadt keine echten Attraktionen zu bieten.

Und dann fahren wir endlich auch wieder einmal eine größere Strecke mit einem richtigen Nachtzug der Russischen Eisenbahn. Aufgrund der Pandemie buche ich für uns drei ein komplettes Viererabteilt (dafür gibt es wegen Corona sogar einen ermäßigten Sondertarif), so dass wir dieses Mal keine spannenden Gespräche mit Zufallsbekanntschaften führen können. Zunächst geht die Fahrt über eine Brücke, die die Nördliche Dwina überquert, und dann mehr als zehn Stunden durch Wälder, bis wir abends wieder Wologda erreichen. Über Nacht fahren wir weiter in die Hauptstadt, wo wir früh morgens ankommen. Nun haben wir noch eine weitere Woche bei der Großmutter vor uns, ehe wir zurück nach Deutschland fliegen.


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