"Wenn du eine Dummheit hören willst, dann frag einen Ausländer, was er über Russland denkt."

Alexander Puschkin (1799-1837), russischer Dichter

 

 

Russland-Knigge: Fettnäpfchen sicher umschiffen

Ausländische Besucher, insbesondere aus Europa, genießen in Russland grundsätzlich einen großen Sympathie-Vorschuss. Das gilt kurioserweise auch und besonders für Deutsche - trotz der blutigen Vergangenheit und des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Völker der Sowjetunion. Dennoch können auch Ausländer in das eine oder andere Fettnäpfchen treten, dadurch in peinliche Situationen geraten oder sich ziemlichen Ärger einhandeln. Was an dem Land interessierte Reisende besser bleiben lassen sollten, haben wir in diesem kleinen Russland-Knigge zusammengestellt. 

Vorsicht Eiszapfen! Warnschild in Russland
Eiszapfen - im Winter eine der größten Gefahren

Zunächst einmal die gute Nachricht vorneweg: Russland ist kein gefährliches Reiseland. Die Wahrscheinlichkeit, als Reisender ernsthafte Probleme zu bekommen oder Opfer einer Straftat zu werden, ist grundsätzlich nicht höher als in der Heimat. (Und weil es gelegentlich gefragt wird: Ja, das gilt mittlerweile eigentlich für das gesamte Staatsgebiet und inklusive der einst für Ausländer heiklen Nordkaukasus-Region). Wer sich wettergerecht kleidet und in Städten nach gefährlichen Eiszapfen Ausschau hält, muss auch vor dem russischen Winter keine Angst haben. Wer Bären aus dem Weg geht und sich gegen Zecken impfen lässt, hat nicht einmal in der Wildnis viel zu fürchten. Abzocke von Ausländern, wie sie in manchen klassischen Urlaubsländern nicht unüblich sind, gibt es in Russland so gut wie nirgends.

 

Dennoch lauern in Russland einige andere Fallstricke, die ihr aber sicher umschiffen könnt, wenn ihr wisst, worauf es ankommt.

Die russische Gesellschaft: Ganz schön konservativ

Die russische Gesellschaft ist trotz oder wegen all der dramatischen Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte noch immer in vielen Fragen recht konservativ eingestellt.

Das gilt selbst in Metropolen wie Moskau, die auf Westeuropäer ansonsten ultramodern wirken. Und es hat weitreichende Folgen für das gesellschaftliche Miteinander, für Geschlechterrollen und vieles mehr.

 

Dass Männer Frauen in den Mantel helfen oder die Tür aufhalten, mag in Deutschland als altbacken gelten - in Russland gehört es nach wie vor zum guten Ton. Westliche Männer, die das nicht berücksichtigen, wirken schnell ungehobelt. Und ein Mann, der nach einem Rendezvous mit einer Dame im Lokal auf getrennter Rechnung besteht, macht sich ebenfalls unmöglich. Was natürlich nicht bedeutet, dass russische Frauen im Alltag ansonsten nicht selbstbewusst und durchaus emanzipiert auftreten würden.

 

Klassische Benimm-Regeln stehen bei den Russen insgesamt hoch im Kurs: Für ältere Leute im Bus oder in der U-Bahn aufzustehen, gilt als Selbstverständlichkeit. Beim Betreten einer Wohnung sollten die Straßenschuhe abgelegt werden.


Wer mit Kindern unterwegs ist, wird feststellen, dass russische Eltern ihren Kindern in der Regel klare Vorgaben machen und vermeintlich falsches Verhalten deutlicher sanktionieren, als es im Westen üblich ist. Wird der Nachwuchs zu laut oder nimmt er auf dem Spielplatz anderen die Sandkuchen-Förmchen weg, greifen russische Eltern schnell ermahnend ein. Zu viel Laissez-faire gegenüber den Kleinen kann zu Stirnrunzeln führen.  

Am deutlichsten werden die Unterschiede aber wohl beim Thema Homosexualität.

Homosexuelle Handlungen zwischen Männern waren in der Sowjetunion und nach der Wende noch bis 1993 strafbar. Das ist zwar glücklicherweise vorbei, und es gibt in manchen größeren Städten eine überraschend aktive Club- und Kneipenszene. Aber selbst vielen eigentlich liberal gesonnenen Russen fehlt jegliches Verständnis für

gleichgeschlechtliche Lebensweisen. 

Der Staat unternimmt bislang nichts, um Ressentiments abzubauen - im Gegenteil. Die "Propagierung nicht-traditioneller sexueller Beziehungen gegenüber Minderjährigen" ist seit 2013 ausdrücklich verboten. Darunter kann im Ernstfall auch eine Regenbogenfahne fallen, die ein Jugendlicher zu Gesicht bekommt. Aus all dem folgt: Gemeinsam reisende, schwule Paare sollten in Russland in der Öffentlichkeit mit Händchenhalten und dem Austausch von Zärtlichkeiten zurückhaltend sein, weil sie nicht mit Wohlwollen der Umgebung rechnen können.

Korrekte Anrede: Eine heikle Angelegenheit

Bei der Anrede könnt ihr in Russland viel falsch machen, und nicht einmal die Russen selbst sind davor gefeit. Grundsätzlich ist es immer passend, Personen, mit denen ihr weder verwandt noch befreundet seid, mit Vor- und Vatersname anzusprechen. 

Kompliziert wird es natürlich dann, wenn ihr die Namen des Gegenübers gar nicht kennt. 

 

Zwar wird die sowjetische Anrede "Genosse" ("Towarischtsch") seit Jahrzehnten nicht mehr verwendet, aber noch immer gibt es keine vernünftige Alternative. Höfliche Formen à la "meine Dame" oder "mein Herr" aus der vorrevolutionären Zeit ("Gaspadin", "gaspascha") klingen so antiquiert, dass keiner sie benutzt. Jüngere Frauen dürfen daher als "Mädchen" ("Dewuschka") angesprochen werden, jüngere Herren als "junger Mensch" ("maladoi tschelowek"). Aber für die älteren bleibt nur "Mann" ("Muschtschina") und Frau ("Schenschtschina"), was beides ziemlich grob klingt. Sogar ich fühlte mich beleidigt, als ich vor einiger Zeit zum ersten Mal "Mann" statt "junger Mensch" genannt wurde.

Als Deutsche in Russland: Lernt Gedichte!

Besucher aus Deutschland  werden in Russland vielerorts wie Botschafter einer verehrten Kulturnation empfangen. Diesem Ruf gilt es, gerecht zu werden. Denn die Bewunderung der Russen für die deutschen Geistesgrößen birgt auch die Gefahr peinlicher Situationen. Alle durchschnittlich gebildeten Russen könnten problemlos einen halben Abend lang Gedichte rezitieren und sich sachkundig auch über die Romane westlicher Literaten austauschen. Sie wären sehr enttäuscht, wenn ihre neuen Bekannten aus dem Westen es ihnen nicht gleich täten. Ein paar Verse von Goethe, Schiller oder zumindest Heinrich Heines "Lied von der Loreley" sollte man schon auffrischen. wenn man zu einem privaten Abendessen eingeladen wird. Wer mit russischen Freunden zu einem Wander- oder Angelausflug aufbricht, kann ersatzweise auch mit ein paar alten Pfadfinder-Liedern zur Gitarre punkten. 

Reden über Politik: Kritik ja, aber nicht von euch

Wer geschäftlich oder privat mit Leuten ins Gespräch kommt oder auch nur auf Zugreisen im Schlafwagenabteil Zufalls-Bekanntschaften schließt, wird es schnell bemerken: Russinnen und Russen üben schonungslos und leidenschaftlich Kritik an den vielen gesellschaftlichen und politischen Missständen in ihrer Heimat. Allerdings sind solche Unmuts-Äußerungen in der Regel keine Einladung an euch, ins Schimpfen einzustimmen. Ausländer, die sich ebenfalls über kaputte Straßen vergammelte Wohnblöcke und korrupte Politiker aufregen, können im Gegenteil ungeahnte patriotische Gefühle wecken. 

 

Auch wer meint, den Russen die Augen über ihre demokratischen Defizite und die Sünden ihres Langzeit-Präsidenten öffnen zu müssen, hat eher schlechte Karten. Missionarisches Werben für die "Werte des Westens" kommt bei vielen Russen nach den Erfahrungen aus den 1990er Jahren und spätestens seit dem Jugoslawien-Krieg grundsätzlich nicht mehr so gut an.

Ein gewisses Fingerspitzengefühl, das man zumindest bei Deutschen zum Glück meist voraussetzen kann, erfordern auch Gespräche über den Zweiten Weltkrieg. Quer durch alle politischen Lager gilt der Sieg über Hitler-Deutschland als die unter unvorstellbaren Opfern vollbrachte Lebensleistung einer ganzen Generation. Nicht ohne Grund fahren Brautpaare noch heute oft mit einem Blumenstrauß direkt vom Standesamt zum nächstgelegenen Weltkriegsdenkmal. Wer versucht, den sowjetischen Beitrag am Ausgang des Krieges klein zu reden oder die sowjetische Rolle im Krieg mit der deutschen gleichsetzt (Stichwort: Hitler-Stalin-Pakt), hat beste Chancen, sich überall nachhaltig unbeliebt zu machen.

Dura lex, sed lex: Russlands strenge Gesetze

Was eigentlich für jedes Land der Welt gilt, gilt in Russland doppelt: Reisende sollten besser nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Für viele Westeuropäer erscheint die Rechtsprechung in Russland außerordentlich  streng. Delikte, die im Westen mit einer Geldstrafe erledigt wären, können vor russischen Gerichten schnell zu ganz realem Freiheitsentzug führen. Dies gilt insbesondere für die Verursacher von Verkehrsunfällen, bei denen andere Personen zu Schaden gekommen sind. Auch beim Thema Drogen kennt die russische Justiz kein Pardon. Gesalzen sind ebenso die Sanktionen, die selbst bei geringen Verstößen gegen Ausländergesetze drohen. Das Land mit abgelaufenem Visum zu verlassen oder in Sperrgebieten zu wandern, ist definitiv keine gute Idee: Es drohen mehrjährige Einreiseverbote.

Wer davon gelesen hat, dass Russland ein relativ korruptes Land ist (was durchaus stimmt), darf daraus jetzt keinesfalls schließen, alle Verstöße ließen sich mit ein paar Scheinen aus der Welt schaffen. Von Bestechungsversuchen raten wir insbesondere Reisenden ohne gute Landes- und Sprachkenntnisse dringend ab. 

Hochprozentiges: Kaum Chancen beim Wett-Trinken

Kaum ein Klischee über Russland hält sich so hartnäckig wie das vom Alkohol, der dort in Strömen fließt. Dabei laufen immer mehr private Feiern fast oder komplett ohne Hochprozentiges, und trotzdem haben alle Spaß dabei. Manche Russen könnten sich dennoch einen Jux daraus machen, "untrainierte" Westeuropäer mal so richtig abzufüllen. Falls also trotzdem Wodka aufgetischt wird, halten wir es ratsam, wenigstens kein Wett-Trinken mit russischen Bekannten zu beginnen.  Die Vorstellung, Einheimische unter den Tisch zu saufen, dürfte sich kaum realisieren lassen. In den allermeisten Fällen habt ihr von vorneherein keine Chance. Also lasst es bleiben und macht euch nicht zum Clown.


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