"Mit dem Verstand ist Russland unbegreifbar, mit normaler Elle nicht auszumessen..."

Fjodor Tjutschew (1803-1873), russischer Diplomat und Publizist


Kalt, geheimnisvoll und selten nüchtern

Im Fall von Russland halten sich Klischees und Vorurteile der Deutschen besonders hartnäckig. Die meisten Mythen über Land und Leute sind nicht sonderlich schmeichelhaft. Der eine oder andere Globetrotter, der sein Wissen über Russland und die Russen nur aus den Fernsehnachrichten und aus Großvaters Kriegserzählungen kennt, fühlt sich möglicherweise abgeschreckt, das Land einmal aus der Nähe kennenzulernen. Der Rhein-Wolga-Kanal erklärt, was dran ist an den verbreiteten Stereotypen:

 

1. In Russland ist es gefährlich

Polizei Großaufgebot Moskau
Großaufgebot der Polizei in Moskau

Wahrheitsgehalt: Quatsch mit Soße. In Moskau muss niemand mehr Angst haben als in Madrid. Wolgograd ist nicht gefährlicher als Wuppertal. Ausländer können sich also genauso bewegen, wie sie es bei sich zu Hause tun würden. Von der berüchtigten Russen-Mafia werden Reisende mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nichts mitbekommen. Die vielen Uniformierten fallen hingegen schnell ins Auge. Ob Russlands zahlreiche Sicherheitskräfte tatsächlich für mehr Sicherheit sorgen, darüber ließe sich lange streiten. Westliche Außenministerien raten noch immer vor nicht notwendigen Reisen nach Tschetschenien, Dagestan und in angrenzende Regionen ab. Doch selbst dort geht es nicht mehr so wild zu wie noch vor 10 Jahren. Vorsicht ist angesagt im Straßenverkehr, denn viele Russen legen eine unkonventionelle Fahrweise an den Tag.


3. In Russland ist es kalt

Rostow Weliki Goldener Ring
Frostiger Wintertag in Rostow Weliki

Wahrheitsgehalt: Im Winter schon. Das größte Land der Welt ist etwas zu groß für pauschale Aussagen zum Klima. In Sotschi am Schwarzen Meer wachsen Palmen, und im subtropischen Klima wird sogar Tee angebaut. Aber generell sind Winter in Russland noch echte Winter. Im Moskauer Umland kann es in manchen Jahren bis zu 40 Grad Frost geben, Richtung Osten und Norden fällt das Thermometer entsprechend noch tiefer. Wichtig für Besucher des Landes: Ab minus 15 Grad auf die Ohren achten, ab minus 25 unbedingt auch auf die Nase. Im Sommer wird es in weiten Teilen Russlands mindestens so warm wie in Mitteleuropa oder wärmer.

In den Halbwüsten und Steppen im Süden sind 40 Grad plus keine Seltenheit. Aber auch im Ural oder in Sibirien hat der russische Sommer es in sich. Wer nicht gerade zum Polarkreis fliegt, darf seine Mütze mit den Ohrenklappen dann zu Hause lassen.


5. Russen trinken Unmengen Alkohol

Russischer Wodka
Russischer Wodka, abchasischer Wein

Wahrheitsgehalt: Stimmt leider in vielen Fällen. In Russland wird viel hochprozentiger Alkohol konsumiert. Vermutlich deutlich zu viel. Insbesondere in der Provinz ist Alkoholismus nach wie vor ein riesiges Problem. Allerdings deutet sich auch beim Trinken ein langsamer Kulturwandel an. Wer sich noch an die alte Faustregel hält und vor einer Feier pro Mann eine Flasche Wodka und pro Frau eine Flasche Wein besorgt, könnte am Ende auf einem Großteil seiner Vorräte sitzenbleiben. Achtung: Russen schütten ihre Spirituosen niemals einfach so in sich hinein. Wer ohne Trinkspruch trinkt, gilt als unkultiviert.


2. Russland ist Service-Wüste

Der Kunde ist eher kein König an dieser Bahnhofskasse in Selenograd
Der Kunde ist eher kein König an dieser Bahnhofskasse in Selenograd

Wahrheitsgehalt: Teils, teils. Ein bisschen stimmt es schon, dass Kunden vom Kaufhauspersonal oder an Fahrkartenschaltern manchmal als Störenfriede wahrgenommen werden. Auch Touristen haben keinen Anspruch auf ein zuckersüßes Verkäufer-Lächeln, wenn sie ein Geschäft betreten. Manchmal wirkt der Umgangston ungewohnt ruppig. Aber: Es wird langsam besser. In der kommunistischen Defizit-Wirtschaft hatten Verkäuferinnen und Verkäufer eine große Macht, die sie damals mit Genuss auskosteten. Dieser Habitus verschwindet allmählich, und wer ihm begegnet, sollte das als ethnografische Erfahrung verbuchen, statt sich zu darüber ärgern. Davon abgesehen wächst mit jedem Jahr die Zahl der Läden, Cafés und Restaurants, in denen es nicht anders zugeht als in Westeuropa.


4. In Russland funktioniert nichts richtig

Fachgerechte Malerarbeiten an einem Mehrfamilienhaus
Fachgerechte Malerarbeiten an einem Mehrfamilienhaus

Wahrheitsgehalt: Tja, irgendwie geht aber doch alles. Zugegeben, Genauigkeit ist kein Wesenszug, der in Russland ähnlich hoch im Kurs steht wie bei den Deutschen. Manches in dem Land wirkt daher nicht gerade solide, seien es die schief gesetzten Pflastersteine einer neuen Fußgängerzone, der Bagger, der beim Ausheben einer Fernheizungsleitung versehentlich noch die Straßenlaternen umreißt oder die U-Bahn-Rolltreppe, die mitten in der Fahrt plötzlich mit einem Ruck stehenbleibt. Das soll nicht heißen, dass man sich in Russland auf nichts verlassen könnte: Wer regelmäßig mit der Deutschen Bahn unterwegs ist, wird über die Zuverlässigkeit des russischen Bahnverkehrs staunen. Selbst die Züge der Transsibirischen Eisenbahn kommen nach tagelanger Fahrt in der Regel auf die Minute pünktlich an ihren Zielorten an. Und das, nebenbei bemerkt, auch bei Eis und Schnee.


6. Eine Russland-Reise ist ein Abenteuer

Katamaran-Tour Tschussowaja Ural
Unterwegs im Ural

Wahrheitsgehalt: Kann jeder selbst entscheiden. In Russland gibt es Orte, die nur mit Hubschrauber oder einem Raupenfahrzeug zu erreichen sind. Das riesige Land bietet Platz genug für Abenteurer aller Art. Wer sich auf die üblichen Routen beschränkt, muss sich auf ein deutlich geringeres Maß an Abenteuerlichkeit einstellen. Rubel lassen sich überall am Automaten ziehen, Unterkunft und Zugticket im Internet reservieren. In den Innenstädten haben die bekannten Markenketten ihre Filialen, Sehenswürdigkeiten sind ausgeschildert und manchmal gibt es sogar deutschsprachige Stadtführungen. In vielerlei Hinsicht ist Russland ziemlich normal.



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