"Das Märchen hat sich mit dem Leben verwoben, und er trauert manchmal unbewusst darum, dass das Märchen nicht das Leben und das Leben kein Märchen ist."
Iwan Gontscharow (1812-1891), in "Oblomow"
Das nördliche Ostpreußen, die 1945 verlorene Heimat vieler deutscher Kriegsflüchtlinge, war über Jahrzehnte lang unzugängliches sowjetisches Sperrgebiet. Es wirkt paradox, aber das Gebiet Kaliningrad in seiner ungemütlichen Insellage umgeben von Nato-Ländern pflegt heute die Spuren der deutschen Vergangenheit und alte ostpreußische Traditionen mehr denn je. Unternehmer, Behörden und Bürger haben entdeckt, dass man mit dem Image bei Touristen aus dem russischen Mutterland punkten kann. Auch für Reisende aus dem Westen bleibt eine Fahrt in die Ostsee-Exklave ein Treffen mit der deutschen Geschichte. Zu sehen gibt es erstaunlich viel, und die Landschaften der Region bleiben zeitlos schön, egal, welche Mächte das Land regieren.

Nach dem Verbot direkter Linienflüge und aller Zugverbindungen zwischen den EU-Staaten und Russland blieb Estland lange eine bevorzugte Transitroute für Westeuropäer, die weiterhin zwischen Ost und West unterwegs waren. Doch das ist vorbei. Der einst beliebte Grenzübergang Narva-Iwangorod an der (unterbrochenen) Fernstraße von St. Petersburg nach Tallinn wird zum kaum durchlässigen Nadelöhr. Bereits 2024 hatten die estnischen Behörden angeordnet, dass der Fußgängerübergang, den täglich hunderte Menschen passierten, nachts geschlossen würde. Seither müssen regelmäßig unzählige Reisende die Nacht unter freiem Himmel verbringen - nicht nur im Sommer, wenn die Wartezeiten auf die Abfertigung ohnehin oft zehn Stunden betragen. Nun wurden neue Schikanen angekündigt.
Kriegstreiber und Kriegsertüchtiger beherrschen den öffentlichen Diskurs in West und Ost. Darauf zu hoffen, dass ihr Denken und Handeln eine Antwort auf die gewaltigen Krisen und Herausforderungen der Welt geben könnten, ist naiv und gefährlich. Diesen Kräften zu widersprechen, scheint deshalb wichtiger denn je. Für den Essay-Band "Kriegsuntüchtigkeit als Chance" hat Herausgeber Hermann Theisen Texte zahlreicher Autorinnen und Autoren gesammelt, die glauben, dass kein Krieg gerechtfertigt ist. Zu dem im März 2026 erschienen Buch konnte ich die folgenden Zeilen beisteuern. Ich glaube: Man kann sich dem fürchterlichen Zeitgeist sehr wohl verweigern ...
Das Jahr 2026 beginnt im europäischen Russland mit beißendem Frost und Rekordmengen an Schnee - selbst die in Winter-Angelegenheiten erfahrenen Russen kommen da teils an ihre Grenzen: Flughäfen stellen vorübergehend den Verkehr ein, Straßen sind blockiert, und sogar die gewöhnlich absolut zuverlässige Russische Eisenbahn gerät aus dem Takt. Aus familiären Gründen müssen wir gleich zum Jahresanfang nach Osten reisen, packen noch mehr warme Unterwäsche ein als gewöhnlich und hoffen ansonsten, dass alles wieder irgendwie gut gehen würde. Dieses Mal wähle ich für Hin- und Rückweg eine Route über den Kaukasus. Die Reise wird (trotz zahlreicher Etappen im Flugzeug) zu einer Art Roadtrip durch vier Länder.
Viele Leute interessieren sich für Russland. Nur wenige Deutsche waren schon einmal dort. Einige würden das rätselhafte Riesenland im Osten gerne kennenlernen, sie wissen aber nicht,
wie sie das am besten anstellen. Und was sie dort erwartet. Für solche Neugierigen war dieser Reiseblog gedacht. Gewissermaßen wie ein Kanal, der Rhein und Wolga verbindet.
Dann begann der Krieg, und auch im Internet gilt: À la guerre comme à la guerre bzw. на войне как на войне. Nach Reisen ist momentan vielen nicht mehr zumute.
Daher ist auch dieser Blog gerade ein ganzes Stück politischer, als das einmal geplant war.