Der rasende Großvater

Bahnchef Gennai Fadejew - Kein einfacher Interview-Partner
Bahnchef Gennai Fadejew - Kein einfacher Interview-Partner

Es gibt Termine, die vergisst man sein Berufsleben lang nicht mehr. Mein Interview mit dem russischen Eisenbahn-Chef  an einem trüben Frühlingstag 2004 gehört sicherlich in diese Kategorie. 

Moskau, Kirow, Ischewsk (März 2004). Mit der Pressestelle der Russischen Eisenbahn hatte es noch nie Probleme gegeben. Ein Interview mit dem Bahnchef sei kein Problem, hatte es daher erwartungsgemäß geheißen. In ein bis zwei Wochen würde ich den Termin bekommen. Die Hamburger Redaktion freute sich über die Zusage und reservierte eine ganze Zeitungsseite für ihre nächste Osteuropa-Sonderausgabe.

Gennadi Fadejew war ein interessanter Mann. Er baute das monströse russische Eisenbahnministerium gerade in eine Aktiengesellschaft um. Von seinen Untergebenen wurde der weißhaarige Fadejew oft nur "Djeduschka" genannt, "Großväterchen" also. Bereits zu kommunistischen Zeiten war er stellvertretender Eisenbahnminister gewesen, längst hatte er das Rentenalter erreicht. Doch noch immer flog er unermüdlich in dienstlichen Angelegenheiten um den Globus.

Die enorme Arbeitsfähigkeit des "Großvaters" rief bei Mitarbeitern aufrichtige Bewunderung hervor. Leider führte sie auch dazu, dass mir seine Pressestelle partout keinen Interviewtermin verschaffen konnte. Aber es würde auf jeden Fall rechtzeitig klappen, hörte ich bei jeder Nachfrage. Fünf Tage vor Redaktionsschluss wurde ich langsam ungeduldig. "Oh, das sieht nicht gut aus", gab die Pressesprecherin schließlich zu. Ich erinnerte sie fordernd an die feste Zusage und die leere Zeitungsseite. Es gebe nur noch eine Möglichkeit, sagte sie schließlich. Ich könnte den Eisenbahnchef am übernächsten Tag auf eine Dienstreise in den Ural begleiten. Unterwegs würden seine Mitarbeiter eine Möglichkeit zum Interview arrangieren.

Interviewpartner braust mit Eskorte davon

Tupolew 134 Moskau 2003
Russlands Bahnchef reiste per Privatjet

Ein Bus der russischen Bahn AG brachte uns am frühen Morgen hinaus aus der Stadt in die Nähe des Flughafens Scheremetjewo, wo von einem separaten Terminal Privatmaschinen starten. Fadejew reiste mit Komfort: Eine zum Geschäftsflugzeug umgebaute Tupolew-134 wartete auf uns. Insgesamt wollten sieben Journalisten mit in den Ural, darunter auch zwei Leute vom "1. Kanal" des russischen Fernsehens, die ebenfalls ein exklusives Interview mit dem rasenden Großvater abgesprochen hatten. Unglücklich an unserer Lage war nun vor allem, dass die Presseleute hinten im Flugzeug in einem abgeteilten Raum saßen, Fadejew und seine wichtigsten Mitarbeiter vorne hinter einer verschlossenen Tür.

"Auf dem Hinflug wird das nichts mit dem Interview", raunte mir der PR-Chef der Bahn zu, als er kurz nach dem Start durch die Tür nach hinten kam. Fadejew müsse sich noch auf seine dienstlichen Treffen vorbereiten. Der PR-Chef der Bahn versprach, er würde das Interview in Kirow während einer Pause organisieren. Während einer Pause? Meine Zweifel wuchsen, ob ich heute abend mit einem Interview auf dem Diktiergerät wieder nach Moskau zurückkehren würde.

Zunächst waren ohnehin die regionalen Medien am Zug, als wir auf dem Flughafen von Kirow gelandet waren. Dem Zustand des vollständig verlassenen Flughafens nach zu schließen war das die erste Maschine seit Monaten, die hier landete. "Warum kommt der Eisenbahnchef eigentlich mit dem Flugzeug", wollte das Kirower Regionalfernsehen wissen. "Hören Sie mal, übermorgen muss ich in Wladiwostok sein, wie stellen sie sich das eigentlich vor", brummte Fadejew, stieg in einen wartenden schwarzen Mercedes und brauste mit Polizeieskorte davon. Die Presse folgte im Abstand von zwei Kilometern in einem Bus.


Gennadi Fadejew war ein wichtiger Mann, das wurde sofort klar, wenn man sah, wie der Provinz-Gouverneur und andere wichtige Leute untertänig mit dem Moskauer Gast umgingen. Die regionalen Betriebe hatten eigens für den Besucher eine kleine Industriemesse aufgebaut. Wahrscheinlich hofften sie, auch einen Teil der Milliardeninvestitionen abzubekommen, die die Eisenbahn gerade in Form von Aufträgen vergab. Neue Lokomotiven, neue Gleise, neue Signalsysteme, die marode Bahn wollte als Aktiengesellschaft den Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen. Es ging um riesige Summen und Fadejew suchte das Gespräch mit jedem.

Eine Frage für die deutsche Presse

Bahnhof Kirow Russland 2003
Großer Bahnhof für die Delegation aus Moskau am Bahnhof von Kirow

Nach drei Stunden gerieten die Bahnmitarbeiter in leichte Panik. Der Tages-Ablaufplan war schon völlig durcheinander geraten. Das Mittagessen wurde kurzfristig abgesagt, die Presse in den Bus kommandiert. Als wir am Flughafen ankamen, liefen wir selbst auf das Rollfeld hinaus, die Gangway hinauf und klopften an die Außentür der Tupolew, weil nirgends Flughafenpersonal zu sehen war. Wir hatten uns angeschnallt als die Fadejew-Eskorte auf dem Rollfeld eintraf und eine freundliche Stewardess die Tür unseres Hinterraums schloss.

 

Weiter ging es nach Osten zur zweiten Station der Tagesreise. Nach Ischewsk in Udmurtien - eine autonome russische Teilrepublik, in der so wichtige Dinge wie die Kalaschnikow-Maschinenpistole und die Pelmenis erfunden wurden. In Ischewsk lag noch Schnee, eine Trachtengruppe mit Brot und Salz und der udmurtische Republik-Präsident bildeten das Begrüßungskomitee und froren im Schneeregen. Der Bahnchef sprang wieder in ein wartendes Auto und verschwand, mit einigem Abstand folgten wir. Meine Zeitungsseite war noch genauso weiß wie am Morgen.

 

Inzwischen hatte der PR-Chef der mitreisenden Presse erklärt, die Einweihung des funkelnagelneuen Schlafwagenzugs Ischewsk - Moskau, zu dessen Jungfernfahrt Fadejew eigentlich den Abfahrtspfiff geben wollte, sei aus Zeitgründen gestrichen worden. Egal, die Pressestelle hatte schon am Morgen eine Mitteilung zum Thema an die Nachrichtenagenturen versendet. Die wiederum hatten den Besuch inzwischen längst über ihre Ticker vermeldet, obwohl die beschriebenen Ereignisse weder stattgefunden hatten, noch jemals stattfinden würden. Immerhin sollte es ein kurzes Treffen für Journalisten geben. "Und mein Interview?", fragte ich, mehr flehend. Für alles sei gesorgt, versicherte der PR-Chef.


Ein großer Haufen von Journalisten umringte im Eisenbahner-Kulturpalast von Ischewsk den Bahnchef, doch der PR-Mann ließ die Reporter nach zwei Minuten zurückschieben. "Jetzt nur noch die deutsche Presse und der '1. Kanal"' sagte er gebieterisch und zog die Fernsehleute und mich in einen Nebenraum. "Jeder von euch eine Frage", eröffnete er uns dann. Ehe ich noch überlegte, ob das nun ernsthaft mein seit Monaten eingeplantes Exklusivinterview sein sollte, kam Fadejew hinterher und wir durften ihm tatsächlich jeder eine Frage stellen, auf die er kurz antwortete, ehe er von seinen Mitarbeitern wieder aus dem Raum gezogen wurde. Seine Verhandlungen mit dem Udmurten-Präsidenten warteten. Die Presse fuhr wieder im Bus hinterher, anschließend warteten wir eine Stunde vor dem pompösen Präsidentenpalast. Immerhin hatte ich den PR-Boss noch wissen lassen, was ich von dieser Art hielt, ein Interview zu organisieren. Er nickte verständnisvoll und versprach zu helfen.

"Ich antworte selbst auf alles."

Auf dem Rückflug nach Moskau sorgte die leere Zeitungsseite bei mir für immer unangenehmere Magenschmerzen. Als der PR-Chef für kurze Zeit in unseren Hinterraum kam, forderte ich nun mit aller Vehemenz mein Gespräch. Er ging zurück und versprach, Fadejew zu überreden. Das würde allerdings schwer werden, schränkte er ein: Nach dem anstrengenden Tag sei sein Chef ziemlich müde und ausgelaugt.

 

Immerhin kehrte er nach kurzer Zeit zurück. "Zehn Minuten höchstens", lautete sein Verdikt und ich durfte nun in den Vorderraum der Maschine, wo der Bahnchef erschöpft in seinem Sessel döste. Aus den zehn Minuten wurden 15, dann wurde das Gespräch für beendet erklärt und man brachte mich wieder zurück ins Heck. Viel verwertbares hatte Fadejew jedoch gar nicht gesagt. "Daraus kann ich nichts Vernünftiges machen", schimpfte ich. Der PR-Chef  nickte. Dann machte er einen Vorschlag zur Güte: "Schreib mir alle Fragen auf. Gleich morgen früh antworte ich selbst auf alles, du kannst ihn damit zitieren und überhaupt mit dem Material machen, was du willst."

Als ich zwei Tage später, eine halbe Stunde vor dem Hamburger Redaktionsschluss, die Bruchstücke aus Ischewsk, das kurze Flugzeug-Gespräch und Antworten des PR-Chefs zu einem Text zusammenbaute, schwor ich mir, nie wieder mit der Eisenbahn-Pressestelle zu reden. In allerletzter Minute immerhin hatten die Eisenbahner ihr Wort gehalten. Die Zeitungsseite war voll geworden und - was mich am meisten überraschte - tatsächlich verlangte niemand mehr von mir, dieses eigenartige Interview vor der Veröffentlichung zur Autorisierung einzureichen. 

 

Wenigstens einige Unsitten der freien westlichen Medien waren in Russland noch nicht angekommen. Der rasende Großvater wäre wohl ohnehin viel zu beschäftigt gewesen, um seine eigenen Interviews gegenzulesen.


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