"Ihr müsst unbedingt verstehen, dass die wichtigste aller Künste für uns das Kino ist."

Wladimir Lenin (1870-1924), russischer Revolutionsführer

  

Drama und Klamauk - Die besten russischen Spielfilme

Nur selten schaffen es Filme aus russischer Produktion ins deutsche Fernsehprogramm oder auf die Leinwand der großen Kinos. Dass das so ist, hat viele Gründe, aber es liegt gewiss nicht an mangelnder Qualität. Tatsächlich sind viele russische Filme künstlerische Meisterwerke.

Weder die politische Zensur der Kommunistischen Partei, noch wirtschaftliche Zwänge der Nach-Wende-Zeit vermochten das zu verhindern. Bis heute lohnt auch ein Blick zurück auf die Filme der sowjetischen Filmstudios: Von der lustigen Komödie bis hin zur unterschwelligen Gesellschaftskritik und großen Dramen gibt es alles, was das Herz von Kinofreunden begehrt. Der Rhein-Wolga-Kanal präsentiert eine Hitliste der zehn besten Spielfilme aus Russland und der Sowjetunion:  

Russische Spielfilme auf DVD
Kinderfilme, Klamauk und großes Drama -Die russische und sowjetische Filmbranche hat für jeden Geschmack etwas

Wer sich selbst einen Überblick über die Arbeiten russischer Kinoregisseure machen möchte, kann das heute einfacher machen als je zuvor: Große Studios wie "Mosfilm" stellen inzwischen viele Kultfilme kostenlos ins Internet, teilweise sogar mit Untertiteln in mehreren Sprachen.

Natürlich ist die folgende Auflistung nur ein ganz persönlicher Blick - und unzählig viele sehenswerte Werke bleiben hier außen vor. Hier geht es nun zu unserer Top-Zehn-Liste des russischen Kinos aus den vergangenen fünf Jahrzehnten - in chronologischer Reihenfolge:


Weiße Sonne der Wüste

Белое солнце пустыни

Premiere: 1970

Regisseur: Wladimir Motyl

Hauptdarsteller: Anatoli Kusnezow als Rotarmist Fjodor Suchow

Bekanntestes Filmzitat: "Der Orient ist eine delikate Angelegenheit."

 

Worum es geht: Gegen Ende des russischen Bürgerkriegs hat Rotarmist Suchow in Turkestan den Harem des Räuberhauptmanns Abdullah in Obhut genommen. Der Oberbösewicht will seine Frauen wieder zurückhaben – egal, ob tot oder lebendig. An der Küste des Kaspischen Meeres kommt es zum Showdown: Suchow und ein paar Weggefährten versuchen, sich und die Haremsdamen gegen eine Übermacht der Räuber zu verteidigen.

 

Warum man den Film gesehen haben muss: Wer bislang glaubte, Westernfilme müssten in Amerikas Wildem Westen spielen, wird hier eines Besseren belehrt. „Weiße Sonne der Wüste“ ist der Klassiker des Filmgenres „Eastern“. Viele Dialoge des Films sind längst Teil der russischen Alltagssprache geworden. Und eine Filmvorführung am Abend vor dem Start gehört seit der Sojus-12-Mission von 1973 zu den Ritualen für alle Kosmonauten in Baikonur.


Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf

Иван Васильевич меняет профессию

Premiere: 1973

Regisseur: Leonid Gaidai

Hauptdarsteller: Juri Jakowlew als Iwan Wassiljewitsch

Bekanntestes Filmzitat: "Sie werden dich wieder gesundbekommen... und dich auch... und mich auch."

 

Worum es geht: Der verpeilte Moskauer Tüftler Alexander erfindet eine Zeitmaschine. Bei einem Experiment öffnet sich die Verbindung für eine Zeitreise in die Vergangenheit. Ungeplant gelangen der unsympathische Hausverwalter Iwan Wassiljewitsch Bunscha und ein in die Nachbarwohnung eingestiegener Einbrecher von Alexanders Plattenbau aus ins 15. Jahrhundert – mitten in den Palast von Iwan dem Schrecklichen. Den schrecklichen Zaren, der dem Hausverwalter verblüffend ähnlich sieht, verschlägt es seinerseits in die moderne Sowjetunion. Alexander versucht verzweifelt, die beiden Iwane wieder ins richtige Jahrhundert zu befördern.

 

Warum man den Film gesehen haben muss: Mit über 60 Millionen Kinobesuchern ist „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“ eine der erfolgreichsten Filmproduktionen der Sowjetunion. Die turbulente Komödie liefert Gags am laufenden Band. Manche sind zugegebenermaßen etwas albern, aber der Film genießt bis heute Kultstatus unter Russen, so wie auch die anderen von Gaidai gedrehten Filme (z.B. „Der Brilliantenarm“ oder „Entführung im Kaukasus“).  


Stalker

Сталкер

Premiere: 1979

Regisseur: Andrej Tarkowski

Hauptdarsteller: Alexander Kaidanowski als Stalker

Bekanntestes Filmzitat: "Wenn es in unserem Leben kein Leid gäbe, wäre es dadurch nicht besser - sondern schlechter. Denn dann gäbe es auch kein Glück und keine Hoffnung."

 

Worum es geht: Nach einem unerklärlichen Vorfall – möglicherweise dem Besuch einer außerirdischen Zivilisation – geschehen in einer bestimmten Region so viele unerklärliche Dinge, dass die Behörden die „Zone“ großflächig räumen und absperren lassen. Inmitten des verbotenen Gebietes soll es einen Ort geben, an dem der innigste Wunsch jedes Besuchers wahr wird. Allerdings gilt ein Aufenthalt in der „Zone“ auch als äußerst riskant. Die sogenannten Stalker verdienen sich ihr Geld damit, dass sie Menschen in die evakuierte Region bringen. Der Titelheld des Films macht sich mit zwei Männern, deren Motive zunächst undurchschaubar bleiben, auf den beschwerlichen Weg zum Raum der Wünsche.

 

Warum man den Film gesehen haben muss: Nach der Vorlage des Science-Fiction-Romans „Picknick am Wegesrand“ der Strugazki-Brüder schuf der sowjetische Starregisseur Tarkowski einen Fantasyfilm, der Maßstäbe setzte. Dabei kommt „Stalker“ ohne Spezialeffekte und Kampfszenen aus.


Die Garage

Гараж

Premiere: 1980
Regisseur: Eldar Rjasanow
Hauptdarstellerin: Lija Achedschakowa als
wissenschaftliche Assistentin Jelena Malajewa
Bekanntestes Filmzitat
: "Wie könnt ihr mich rauswerfen? Ich habe für ein Auto die Heimat verkauft!"

Worum es geht: Die Mitarbeiter eines zoologischen Forschungsinstituts haben eine Kooperative gegründet, um gemeinsam eine Garagenreihe zu bauen. Nun soll über das Grundstück eine neue Schnellstraße verlaufen und der Garagenkomplex kürzer ausfallen als ursprünglich geplant. Eine Mitgliederversammlung, die notgedrungen über den Ausschluss von vier Mitgliedern entscheiden muss, versinkt im Chaos. Die absurde Handlung der „Garage“ basiert auf einer realen Begebenheit. Regisseur Rjasanow hatte persönlich mit einem Garagenbau-Projekt für Mitarbeiter der Mosfilm-Studios ähnlich skurrile Erfahrungen.

Warum man den Film gesehen haben muss: „Die Garage“ ist ein unglaublich komisches Kammerspiel, dass die Mangelwirtschaft der späten Sowjetunion aufs Korn nimmt. 


Die Reue

მონანიება / Покаяние

Premiere: 1986
Regisseur: Tengis Abuladse
Hauptdarsteller: Awtandil Macharadse als Warlam und Awel Marawidse
Bekanntestes Filmzitat: "Wozu braucht man eine Straße, wenn sie nicht zur Kirche führt?"

Worum es geht: Nach seinem Tod bekommt der langjährige verdiente Bürgermeister Warlam Marawidse ein würdiges Begräbnis, doch anschließend geschieht Ungeheuerliches: Jede Nacht wird sein Leichnam aufs Neue ausgegraben und vor dem Fenster seiner Angehörigen aufgestellt. Als die Übeltäterin gefasst wird und vor Gericht kommt, erzählt sie die Geschichte ihrer Familie. Als junges Mädchen hatte sie miterlebt, wie der Bürgermeister ihre Eltern verhaften und verschwinden ließ. In den teils surrealen Rückblicken erscheint der allseits geehrte Funktionär wie eine groteske Mischung aus Mussolini, Hitler und Stalins Geheimdienstchef Lawrenti Beria.

Warum man den Film gesehen haben muss: „Die Reue“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass in der Sowjetunion nicht nur in Moskau und Leningrad, sondern auch den kleineren Unionsrepubliken wie Georgien großes Kino gemacht wurde. Tengis Abuladse drehte seine gnadenlose Abrechnung mit dem stalinistischen System bereits 1984, also ein Jahr dem Amtsantritt von Michail Gorbatschow als sowjetischer Parteichef. Der zunächst verbotene Streifen gilt als erste bedeutende Produktion der Perestroika-Ära.


ASSA

АССА

Premiere: 1987

Regisseur: Sergej Solowjow

Hauptdarsteller: Tatjana Drubitsch als Alika, Sergej Bugajew als „Bananan“

Bekanntestes Filmzitat: "Ich lebe überhaupt kein Leben. Sein Leben leben ist so traurig: Arbeit – Wohnung, Arbeit – Grab. Ich lebe in der Wunderwelt meiner Träume."

 

Worum es geht: In einem ungewöhnlich schneereichen Winter spielt der etwas weltfremde Musiker „Bananan“ mit seiner Band in einem Restaurant in Jalta auf der Krim. Dort verliebt er sich in die Krankenschwester Alika, die eigentlich mit dem Mafiosi Krylow zusammen ist. Der Gangster will sich seine Freundin nicht von dem jungen Träumer ausspannen lassen.

 

Warum man den Film gesehen haben muss: Die Handlung des Films spielt offiziell im Jahr 1980 – also noch vor Beginn des gesellschaftlichen Umbruchs in der späten UdSSR. Dennoch gibt es kaum einen anderen Film, der das Lebensgefühl kurz vor dem Zerfall des Riesenreichs besser ausdrückt.


Gefangen im Kaukasus

Кавказский пленник

Premiere: 1996

Regie: Sergej Bodrow

Hauptdarsteller: Oleg Menschikow als Alexander, Sergej Bodrow junior als Iwan, Susanna Mechralijewa als Dina

Bekanntestes Filmzitat: "Wie es mir geht? Ich bin tot, aber mir gefällt das ganz gut."

Worum es geht: "Gefangen im Kaukasus“ ist die Adaption einer Erzählung von Leo Tolstoi, bei der die Handlung aus dem 19. Jahrhundert in die Zeit des Tschetschenien-Kriegs verlagert wird. Bei einem Überfall geraten zwei russische Soldaten in Gefangenschaft und werden in ein abgelegenes Bergdorf verschleppt. Geiselnehmer Abdul-Murat will die beiden gegen seinen eigenen Sohn austauschen, der von den Russen festgehalten wird. Aneinander gekettet lernen die beiden Gefangenen, miteinander klarzukommen, schmieden Fluchtpläne und freunden sich sogar etwas mit Abdul-Murats junger Tochter Dina an.

 

Warum man den Film gesehen haben muss: Es gibt eine Vielzahl russischer Spielfilme über den Tschetschenienkonflikt – aber "Gefangen im Kaukasus" ist einer der wenigen, der ohne Schwarzweiß-Malerei und Hurra-Patriotismus auskommt. Der Krieg wird inmitten grandioser Berglandschaften zum ganz persönlichen Drama der beteiligten Personen.


Der Bruder

Брат

Premiere: 1997

Regie: Alexej Balabanow

Hauptdarsteller: Sergej Bodrow als Danila

Bekanntestes Filmzitat: "Und worin liegt die Stärke, Bruder?"

 

Worum es geht: Nach dem Wehrdienst macht sich Danila Bagrow ohne Job und ohne Geld in St. Petersburg auf die Suche nach seinem großen Bruder. Der hat mittlerweile eine Karriere als Auftragskiller eingeschlagen und lässt Danila einen besonders heiklen Auftrag übernehmen, weil er fürchtet, dass dieAuftraggeber ihn selbst in eine Falle locken. Nach dem gelungenen Mordanschlag auf einen tschetschenischen Mafiosi müssen beide Brüder sich vor der Rache der Unterwelt retten und vor den eigenen Hintermännern, die nicht zahlen wollen. Später wurde noch eine Fortsetzung "Der Bruder - 2" gedreht, in der es die Brüder nach Amerika verschlägt.

 

Warum man den Film gesehen haben muss: Wer verstehen will, warum die meisten Russen an die 1990-er Jahre wie an einen miesen Albtraum zurückdenken, muss "Der Bruder“ sehen. Kaum ein Film zeigt eindringlicher den Zustand einer Gesellschaft, die kollektiv die Orientierung verloren hat. Passend zu den Bildern, die schonungslos das dahinsiechende Nach-Wende-Russland zeigen, erklingen als grandiose Filmmusik die düsteren Songs der Band "Nautilus Pompilius“.


Türkisches Gambit

Турецкий гамбит

Premiere: 2005

Regisseur: Dschanik Fajsijew

Hauptdarsteller: Jegor Berojew als Erast Fandorin, Olga Krasko als Warwara Suworowa

Bekanntestes Filmzitat: "Ihr bietet mir einen Bauern, aber das Gesetz der Gastfreundschaft verbietet es, diese Unachtsamkeit auszunutzen."

 

Worum es geht: Der Film "Türkisches Gambit“ hat den gleichnamigen historischen Detektiv-Roman von Boris Akunin zur Vorlage: Während des russisch-türkischen Krieges 1877 um die Unabhängigkeit Bulgariens gibt ein Spion den Osmanen wichtige militärische Geheimnisse aus dem russischen Hauptquartier weiter. Geheimagent Erast Fandorin soll den Verräter unter den Offizieren und westlichen Kriegsberichterstattern aufspüren – und erhält dabei Unterstützung von Warwara Suworowa, die ihrem Verlobten auf den Balkan gefolgt war. Neben der Kino-Version gibt es auch eine doppelt so lange Fernseh-Bearbeitung.

 

Warum man den Film gesehen haben muss: Das "Türkische Gambit“ ist eine rasante Mischung aus Abenteuer- und Detektivfilm. Der stotternde Superagent Fandorin besticht als eine Art früher James Bond im Dienste des russischen Zaren.


Leviathan

Левиафан

Premiere: 2014

Regisseur: Sergej Swjaginzew

Hauptdarsteller: Alexej Serebrjakow als Nikolai

Bekanntestes Filmzitat: "Alle Macht kommt von Gott. Solange es dem Herr beliebt, musst du dir keine Sorgen machen."

 

Worum es geht: Der korrupte Bürgermeister einer kleinen Siedlung am Polarkreis will sich das Grundstück des Automechanikers Nikolai unter den Nagel reißen. Als der es wagt, Widerstand zu leisten, bekommt er die Allmacht des russischen Staatsapparats zu spüren. Und dass Nikolais alter Freund aus Moskau für ihn aktiv wird, macht es nur noch viel schlimmer. Denn der smarte Anwalt aus der Hauptstadt findet Gefallen an Nikolais Frau. Am Ende verliert der tragische Filmheld nicht nur sein Haus, sondern alles.

 

Warum man den Film gesehen haben muss: Der mit Preisen überhäufte Film verlagert gekonnt die biblische Hiob-Geschichte ins moderne Russland und lässt den russischen Staat als Wiederkunft des alttestamentlichen Ungeheuers Leviathan erscheinen.


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