"Einmal durchschritten wir die Stadt in ihrer Breite, gingen los und kamen erst nach einem halben Tag zurück. Und überall waren lückenlose Häuserreihen ohne Leerflächen oder Gärten."  

Ibn Battuta (1304-1377), arabischer Entdeckungsreisender, über Sarai-Batu

 

Vom Steppenwinde verweht - Sarai-Batu

Сарай-Бату

Am Unterlauf der Wolga befand sich im Mittelalter zeitweise eine der größten Städte Europas. Mit schätzungsweise 75.000 Einwohnern und dank seiner Lage an der Seidenstraße war Sarai-Batu ein politisches und wirtschaftliches Machtzentrum von enormer Bedeutung. Kein russischer Fürst konnte um späten 13. und frühen 14. Jahrhundert an die Macht gelangen, ohne zuvor die Zustimmung der mongolischen Herrscher in Sarai-Batu zu erlangen. Von der riesigen Siedlung gibt es heute nur noch wenige sichtbare archäologische Zeugnisse, das einstige Handelszentrum am Wolga-Seitenarm Achtuba scheint wie vom Erdboden verschluckt. Als Anlaufstelle für Reisende dienen seit einigen Jahren die in der Steppe zurückgelassenen Kulissen eines Historienfilms. 

Kamel Wolga Sarai-Batu
Kamele als Touristenattraktion an der Wolga

Sarai-Batu (gelegentlich auch Saraj-Batu oder Alt-Sarai genannt) wurde Mitte des 13. Jahrhunderts rund 130 Kilometer nordwestlich der modernen Stadt Astrachan von dem Mongolen-Khan Batu gegründet, dem Enkel des berühmt-berüchtigten Dschingis Khan. Zeitgenössischen Berichten zufolge soll sie sich über 10 bis 15 Kilometer am linken Ufer der Achtuba entlanggezogen haben. Allerdings ist die Geschichte der Goldenen Horde trotz jahrzehntelanger archäologischer Ausgrabungen noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. So wurde die Stadt Sarai offenbar im Laufe der Geschichte verlegt, und es ist nicht ganz klar, ob die gefundenen Reste zu Alt- oder Neu-Sarai gehören.

Sarai-Batu Steppe
Hier stand einst eine der größten Städte Europas

Offenbar wurden aber viele Gebäude der Stadt abgetragen, um unter russischer Herrschaft mit dem Baumaterial das neue Handelszentrum Astrachan aufzubauen.

Archäologen haben in der Nähe der Ortschaft Selitrennoje zumindest

Grundmauern einer größeren Stadt mit Werkstätten, Bädern, einer großen Moschee und unzähligen Wohngebäuden freigelegt. 

Angeblich kann man die Ruinen auch besichtigen, aber wir haben sie bei einem Besuch nicht gefunden. In jedem Fall sind die wenigen Steine (die noch dazu in der Vergangenheit jeden Winter wieder zugeschüttet wurden) weniger spektakulär als die einsame Landschaft. Mit der abrupten Grenze von grüner Flussniederung und Halbwüste wirkt der Unterlauf der Wolga hier fast ein wenig wie der Nil. 

Wenige Kilometer von der Ortschaft Selitrennoje entfernt können Touristen trotzdem einen Eindruck davon bekommen, wie es in der Hauptstadt der Goldenen Horde ausgeschaut haben könnte. Hier wurde ein Teil von Sarai-Batu nämlich 2011 wiederaufgebaut - als Filmkulisse für den Historienstreifen "Die Horde". Die Filmleute ließen ihre Mongolenstadt einfach in der Steppe zurück und ein findiger Unternehmer machte daraus ein Freilichtmuseum (Eintritt: 150 Rubel). Von außen sieht alles ziemlich schäbig aus (Die Rückseite der Stadt besteht aus einfachen Bretterwänden), aber innen ist es durchaus fotogen.

Wer kein eigenes Auto besitzt, engagiert am besten ein Taxi für einen Tagesausflug aus Astrachan. Reiseagenturen bieten aber auch Tagesausflüge aus der Provinzhauptstadt an.

Fotos aus Sarai-Batu


Passend zum Thema in diesem Russland-Blog: