Höchst verdächtig: Als Ausländer in der Atom-Stadt

Unterwegs in Noworonesch mit dem Polizisten Wjatscheslaw
Unterwegs in Noworonesch mit dem Polizisten Wjatscheslaw

 

An manchen Orten in Russland lassen sich Ausländer nur selten blicken. Wenn doch, dann sind es eher keine Touristen. Da kommt es schon einmal vor, dass der Inlandsgeheimdienst FSB einem den Schlaf raubt - obwohl dessen Agenten möglicherweise gar nichts im Schilde führen.

 

Nowoworonesch (Februar 2003). Wenn es einen Wettbewerb für die tristeste Stadt der Welt gäbe — Nowoworonesch hätte gute Chancen, es ins Finale zu schaffen. Eine Stadt aus der Retorte, ohne Geschichte, entstanden zu dem einen Zweck, das nahe gelegene Atomkraftwerk am Laufen zu halten. Einzige bunte Flecken im Meer der grauen Wohnblocks waren die grotesken Propaganda-Plakate, die das "friedliche Atom" feierten. 

 

Es war spät geworden, als ich mich von einem Taxi vor dem einzigen Hotel der Stadt absetzen ließ. Die Frau an der Rezeption blätterte lange in meinem Pass, bevor sie mir ein Zimmer für umgerechnet 20 Euro überließ. "Auf Dienstreise ins Atomkraftwerk?" Das war eine rhetorische Frage. Außer dem Atomkraftwerk gab es schließlich nichts in Nowoworonesch. "Nein, nein", sagte ich schnell, was mich wohl verdächtig machte. "Sind Sie auf Einladung einer Behörde hier?", fragte die Frau weiter. "Nein, nur auf Durchreise."

 

Für den nächsten Morgen hatte ich mich mit Wjatscheslaw verabredet — um für einen Artikel über die wachsende Zahl von Russen zu recherchieren, die sich bis vor den Straßburger Menschenrechtsgerichtshof klagen. Seine Familie hatte sich nicht damit abfinden wollen, dass die Schuldigen für den Tod von Wjatscheslaws Bruder niemals bestraft worden waren. Offiziell war der bei einem Unfall vom Motorrad gefallen. Tatsächlich sprach vieles dafür, dass der junge Mann stattdessen von betrunkenen Polizisten aus dem Nachbardorf totgeschlagen worden war. Doch in der russischen Provinz ist es nicht so leicht, kriminelle Polizisten hinter Schloss und Riegel zu bringen. Mit allen Mitteln vertuschten Staatsanwaltschaft und Richter das wahre Geschehen.

 

Wjatscheslaw war selbst Polizist und bewachte für einen Hungerlohn die Zufahrtsstraßen zur Stadt und zum Atomkraftwerk. Entgegen der allgemeinen Berufsethik mancher seiner Kollegen forderte er grundsätzlich von niemandem Bestechungsgelder und nahm auch keine an. Kein Wunder also, dass seine "Wohnung" aus einem halben Zimmer im Wohnheim für Polizeimitarbeiter bestand. Während die Kollegen im eigenen Auto zum Dienst fuhren, lief er zu Fuß.

Wie haben Sie es so schnell hierher geschafft?

 

Am Telefon sagte Wjatscheslaw, er wollte sich unbedingt noch am späten Abend mit mir treffen, weil er so viel zu erzählen habe. Er wollte gleich nach Dienstende zum Hotel hinüberlaufen. Als er, noch in Uniform, in die Eingangshalle stürmte, kam es dann seinem Bericht zufolge dann zu folgendem Dialog. "Bei Ihnen ist ein Deutscher abgestiegen, in welchem Zimmer finde ich ihn?" fragte mein Besucher. Die Dame verstand die Welt nicht mehr: "Wie haben Sie es so schnell hierher geschafft?" wunderte sie sich, "ich habe deswegen doch gerade erst vor fünf Minuten bei Ihnen angerufen!"

 

Oben angekommen erzählte Nikonow mir von der Szene aus der Eingangshalle. Ich müsse wohl damit rechnen, dass Leute vom Inlandsgeheimdienst FSB bei mir vorbeischauen und mich vernehmen wollen. Das wäre nicht weiter furchtbar gewesen, schließlich war Nowoworonesch keine für Ausländer "geschlossene" Stadt, meine Papiere waren Ordung, ich hatte noch nicht einmal Fotos von den imposanten Kühltürmen des Atomkraftwerks gemacht. 

 

Ein alter Kühlschrank, schlimmer als der Geheimdienst

 

Trotzdem konnte ich in der Nacht nur schwer einschlafen. Bei jedem Knacken auf dem Flur rechnete ich damit, dass in wenigen Sekunden Geheimdienstler gegen die Tür bollern. Schlimmer noch, jedes Mal, wenn der uralte Sil-Kühlschrank im Zimmer sich mit lautem Gerumpel an- oder ausschaltete, schreckte ich sofort im Bett hoch.

 

Erst kurz vor Morgengrauen kam mir der rettende Gedanke. Ich zog den Kühlschrankstecker aus der Steckdose. Wozu war das komplett leere Gerät überhaupt eingeschaltet? Die Schlapphüte ließen sich nicht mehr blicken. Keine aufregenden Verfolgungsjagden und Festnahmen. Nowoworonesch war einfach nur trist. (kp)


In der Geschichte, für die ich mich damals auf den Weg gemacht hatte, gab es leider - soweit ich weiß - kein gutes Ende. Der Fall wurde nie wirklich aufgeklärt: