"Iss bei Poscharski in Torschok, probier von seinen Frikadellen."

 

Alexander Puschkin (1799-1837), russischer Dichter

 

 

Provinz-Perle im Dornröschen-Schlaf - Torschok

Торжок

Kaum eine Provinzstadt im Westen von Russland hat alle Wirren und Kriege des 20. Jahrhunderts mit mit ähnlich geringen Wunden und Narben überstanden wie Torschok. Die Kreisstadt bei Twer, einen anstrengenden Tagesausflug von Moskau enfernt, hat sich den Charme eines alten Kaufmannszentrums und ihr Aussehen aus dem 19. Jahrhundert bewahren können. Alte klassizistische Villen und viele Kirchen prägen das kompakte Stadtbild auf beiden Seiten des Flüsschens Twertsa - und nicht etwa hässliche Plattenbau-Hochhäuser. Was der Stadt lange fehlte, war Geld - und so gammelten viele architektonische Schätze Jahrzehnte lang vor sich hin. Auch Touristen kommen bislang eher selten hierher, so dass sich ausländische Besucher vorkommen wie nach einer kleinen Zeitreise.

Stadtzentrum von Torschok in Russland
Am Ufer der Twertsa in Torschok

Steckbrief Torschok:

Gründungsjahr: 1139

Zeitzone: Moskauer Zeit

Sehenswert (* - *****): ***

Einwohnerzahl: 45.000

Entfernung von Moskau: 240 Kilometer

Berühmt für: Frikadellen à la Poscharski



Torschok ist eine der ältesten Städte Russlands, die vermutlich schon Jahrhunderte vor der ersten gesicherten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1139 existierte. Im späten Mittelalter war sie südlicher Grenzort der Republik Nowgorod. Die meisten der historischen Baudenkmäler stammen aber aus späteren Jahrhunderten. Im 17. Jahrhundert zählte die Stadt schon 20 Kirchen, von denen viele bis heute erhalten sind.

Poscharski-Frikadellen Пожарские Фрикадели Торжок
Poscharski-Frikadellen in der Kloster-Kantine

Nach der Gründung von St. Petersburg wurde Torschok auch zu einem beliebten Zwischenstopp für Reisende auf dem Weg zwischen alter und neuer Hauptstadt des Zarenreichs. 

 

Die berühmteste Erinnerung an jene Zeit sind einige Verse des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin, der insgesamt wohl an die 25 Mal in der Stadt Quartier nahm, und seinem Freund Sobolewski von den Frikadellen im Poscharski-Restaurant vorschwärmte. Tatsächlich gibt es die in groben Brotstückchen panierten Hühnerfleisch-Frikadellen à la Poscharski bis heute an vielen Orten in der Stadt zu probieren.

In der Sowjetzeit wurden viele Kirchen zweckentfremdet, andere prächtige Bauten waren lange dem Verfall überlassen. Bis der gesamte historische Stadtkern saniert ist, werden noch Jahre vergehen, aber es gibt inzwischen erkennbare Bemühungen.


Rundgang durch Torschok

Da die Stadt sehr kompakt ist, dauert es nicht lange, bis ein Besucher die hübsch renovierte Uferstraße des Twertsa-Flüsschens (Tweretskaja Nabereschnaja) erreicht. Am westlichen Flussufer ist insbesondere der über eine Fußgängerbrücke zu erreichende "Platz des 9. Januar" mit seinen klassizistischen Häuserfassaden sehenswert. Hier befindet sich unter anderem die Kreisverwaltung. Besonders beeindruckend fanden wir bei unserem Besuch die ebenfalls am Westufer des Flusses befindliche Verklärungskirche. Sie war noch bis lange nach dem Ende der Sowjetunion Werkhalle eines kleinen Rüstungsbetriebs. Während die Außenfassade bereits saniert war, sah es im (eigentlich für Besucher unzugänglichen) Inneren noch katastrophal aus. Lohnenswert ist auch ein Abstecher zu einer Holzkirche am Südrand der Stadt. Von einem Besuch im "Kreml in Torschok" sollte man sich nicht allzu viel erwarten. Von den Erdwällen aus hat man aber eine gute Aussicht.

Falls jemand bei einem Rundgang durch das sehenswerte Städtchen einer Route folgen möchte, die wir bei unserem Besuch im Sommer 2019 genommen haben - hier wäre ein Vorschlag, bei dem man an den meisten interessanten Orten vorbeikommt:


Das Boris-und-Gleb-Kloster

Борисоглебский монастырь

Das Boris-und-Gleb-Kloster im südwestlichen Bereich von Torschok ist das markanteste architektonische Ensemble der Stadt. Angeblich wurde es bereits im Jahr 1038 auf einer kleinen Anhöhe oberhalb der Twertsa gegründet. Alle ursprünglichen Bauten waren bereits im 17. Jahrhundert von polnischen Truppen zerstört worden, die Überreste fielen danach einem Feuer zum Opfer. Die heute erhaltene Kirchen des Klosters stammen überwiegend aus dem 18. Jahrhundert.

 

Nach der Oktoberrevolution wurde das Kloster aufgelöst und das Gelände für die Dauer von 50 Jahren zu einem Gefängnis umgewandelt. Anschließend war hier noch eine Entzugsklinik für Alkoholiker untergebracht. Inzwischen leben wieder einige Mönche in dem Kloster und umfangreiche Restaurierungsarbeiten haben begonnen. Im Sommer 2019 war die größte Attraktion des Klosters, der markante spitze Glockenturm eingerüstet und für Besucher somit unzugänglich. 


Anreise: So kommt ihr nach Torschok

Von Moskau aus bietet sich die Anreise mit der Bahn an. Es gibt zwar keine Direktzüge aus der Hauptstadt, aber gute Umsteigeverbindungen über Twer. Einige der Lastotschka-Regionalexpresse auf der Linie Moskau-Twer sind so getaktet, dass man mit minimaler Umsteigezeit bequem einen Anschluss zu den Lastotschkas von und nach Torschok erreichen kann. Im günstigsten Fall dauert die Fahrt auf diese Weise 2,5 Stunden in einfacher Richtung.

 

Fahrkarten für die Gesamtstrecke könnt Ihr bereits am Leningrader Bahnhof in Moskau kaufen (bzw. für die komplette Rückfahrt in Torschok).

Außerdem liegt Torschok direkt an der Fernstraße M10 Moskau - St. Petersburg, somit drängt sich für Autofahrer ein Zwischenstopp nahezu auf. Von der Stadt aus gibt es auch Verbindungen mit Bus bzw. Sammeltaxi ("Marschrutka") in entlegenere Gegenden der Region Twer, etwa zum landschaftlich reizvollen Seliger-See. 


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