"Derbent ist unser Rom."

 

Rassul Gamsatow (1923-2003), awarischer Dichter

 

 

Das Tor zum Orient - Derbent

Дербент / Dərbənd / Dəmir Qapı / Кьвевар / Чяли / دربند

Darüber, ob Derbent nun tatsächlich schon 5.000 oder doch "bloß" 2.000 Jahre alt ist, wird vor Ort leidenschaftlich gestritten. Egal - fest steht: Russlands südlichste Stadt ist zugleich auch die älteste. Allerdings vergisst man leicht, dass man sich noch in Russland befindet, wenn man in den staubigen Altstadtgassen unterwegs ist oder vom Aussichtspunkt an der mächtigen Festung Naryn-kala auf die Stadt herunterblickt, während aus allen Vierteln der islamische Gebetsruf erklingt. Viele Jahrhunderte herrschten Perser und Araber über Derbent, und das ist dem Ort anzusehen. Kaum irgendwo in Russland wirkt der Orient so nah wie hier im Süden von Dagestan. Die Festung, die kilometerlangen Stadtmauern und Teile der Altstadt sind zum Weltkulturerbe erklärt worden. Langsam kommt der Tourismus in der exotischen Stadt in Fahrt.

Derbent Park Blick auf die Festung Naryn-kala
Die Festung Naryn-kala überragt Derbent

Steckbrief Derbent:

Gründungsjahr: möglicherweise 3000 v. Chr.

Zeitzone: Moskauer Zeit

Sehenswert (*-*****): ****

Einwohnerzahl: 119.000

Entfernung von Moskau: 1950 Kilometer

Berühmt für: Stadtmauern, Cognak



Dass Derbent vermutlich eine der ältesten ständig bewohnten Siedlungen der Welt ist, verwundert nicht: Kaum ein Ort in Eurasien hat eine derart einzigartige strategische Lage: Die Stadt ist das "verschlossene Tor", das an der engsten Stelle zwischen Kaspischem Meer und den Bergen des Kaukasus den wichtigsten Handelsweg zwischen den eurasischen Steppen und dem Orient kontrollierte. Sie wird angeblich in der Bibel und im Koran erwähnt, aber das ist ein wenig Interpretationssache.

 

Aber auf jeden Fall stehen Besucher an einem Ort mit einer unheimlich langen, wechselhaften Geschichte. Schon Römer, Skythen, Sarmaten, Hunnen und Chasaren versuchten, die Stadt zu erobern, die als Grenzbastion des persischen Reichs schwer befestigt worden war. Und schon im 8. Jahrhundert brachten Araber den Islam in die Region. Auf einem Friedhof von Derbent sind 40 Krieger begraben, die angeblich den Propheten Mohammed noch persönlich gekannt hatten.

 

Derbent Altstadt Stadtmauer
In der Altstadt von Derbent

Nach den Arabern kamen wieder die Perser, und Peter dem Großen gelang es 1722, die Stadt zeitweise zu erobern. Dauerhaft zu Russland kam der Landstreifen am Kaspischen Meer erst vor rund 200 Jahren. Bis heute hat sich Derbent zumindest in seinem zentralen Teil das Aussehen einer orientalischen Stadt bewahren können.

In der Stadt leben kaum Russen (ihr Bevölkerungsanteil liegt bei unter fünf Prozent). Die größten ethnischen Gruppen bilden Lesgier, Aserbaidschaner und Tabassaranen. Bis zum Zerfall der Sowjetunion war Derbent auch Heimat einer großen Minderheit von Juden bzw. Bergjuden. Die meisten sind allerdings inzwischen nach Israel ausgewandert. Übrigens: Obwohl die Stadt sehr stark vom Islam geprägt ist, gibt es hier bis heute eine der bekanntesten Cognak-Fabriken Russlands. 

Wie im restlichen Dagestan war der Tourismus in Derbent in den Chaos-Jahren nach der Wende weitgehend zum Erliegen gekommen, erst in den Jahren nach 2010 besuchten wieder Reisende in nennenswerter Zahl in de Stadt. Mittlerweile sind Touristen wieder ein ganz normaler Anblick in den Gassen von Derbent - und trotz andauernder Reisehinweise westlicher Außenministerien gab es bei unserem Besuch im Frühjahr 2019 nicht eine einzige unangenehme oder potenziell riskante Situation.


Festung Naryn-kala

Нарын-кала

Derbent Naryn-kala Blick auf das Kaspische Meer
Rundweg auf den Festungsmauern von Derbent

Die in Teilen über 1.500 Jahre alte Festung Naryn-kala ist in Derbent nicht zu übersehen - und zweifellos die bedeutendste Attraktion für Reisende. Auf einem Berghang oberhalb des alten Zentrums gelegen ist sie von nahezu jedem Ort in der Stadt zu sehen. Die Festung ist Teil eines mächtigen persischen Verteidigungssystems, das wohl bereits zu Zeiten der Völkerwanderung bestand. Die Mauern, zwischen Zitadelle und Kaspischem Meer sind zu großen Teilen bis heute erhalten, weitere Verteidigungsanlagen zum Kaukasus hin haben die Jahrhunderte nicht überdauert.

Auch ein Großteil der einstigen Bauten auf dem Gelände der Zitadelle sind nicht mehr erhalten - wer etwa wissen will, wie der Palast des Statthalters von Derbent einst aussah, muss den Erzählungen der Gästeführer vertrauen. Neben den beeindruckenden Mauern sind noch einige Badehäuser aus der vorrussischen islamischen Zeit erhalten geblieben, außerdem ein beeindruckendes tiefes Gewölbe, bei dem es sich möglicherweise um eine uralte christliche Kirche handeln könnte.

Die Unsesco hat die Festung Naryn-kala 2003 in die Weltkulturerbeliste aufgenommen. Zu den 2000-Jahr-Feiern von Derbent wurde das gesamte Gelände umfangreich saniert. Manche russische Reiseblogs klagen, die alte Zitadelle von Derbent habe dadurch ihren alten authentischen Charme verloren. Wir würden das nicht bestätigen. Wir hatten die kritischen Meinungen schon vor unserem Besuch gekannt und waren dann eher positiv überrascht. Auf jeden Fall lohnt es sich, eine private Führung zu buchen, die auch in Fremdsprachen angeboten wird.


Die Altstadt von Derbent

 Stadttor Kyrchljar-kapy Derbent
Am Stadttor Kyrchljar-kapy

Unterhalb der Zitadelle führen im Abstand von knapp 500 Metern zwei lange parallele Steinmauern in Richtung Küste. Zwischen beiden Mauern befindet sich das historische Zentrum von Derbent. Der obere Teil davon wirkt mit seinen kleinen Steinhäusern, Moscheen und krummen verwinkelten Gassen noch immer sehr orientalisch. Frauen in traditionellen Kleidern hängen ihre Wäsche über die Straßen, Kinder spielen Fußball und Ausländer werden - wie überall in Dagestan - neugierig angesprochen und nach Herkunft und Nationalität ausgefragt. Dieser Teil der Altstadt ist in Wohnquartiere, "Magalla" genannt, aufgeteilt. Straßennamen gibt es hier nicht.

 

Leider gibt es in diesem Teil der Altstadt fast nur Wohnhäuser, und bislang keine Pensionen oder Lokale. Weiter östlich zum Kaspischen Meer hin haben die wohl erst von den Russen angelegten Straßen ein Schachbrettmuster, dort sind auch größere Geschäfte und einige Hotels anzufinden. In der Nähe des zentralen Lenin-Platzes steht das höchste Gebäude des alten Zentrums - die ehemalige armenische Kathedrale. In ihrem Inneren befindet sich heute ein Museum für Kunsthandwerk, die Einschusslöcher an den Außenwänden sind nach Auskunft des Wächters über 100 Jahre alt und stammen von den Kämpfen nach der Oktoberrevolution.


Die Dschuma-Moschee von Derbent

Джума-мечеть / Cümə məscidi / Дербендалъул ЖумгІа мажгит

Dschuma-Moschee Derbent
Die Dschuma-Moschee und ihre Platanen

Im zentralen Teil von Derbent gibt es etliche kleinere Moscheen, die teilweise aus dem frühen Mittelalter stammen und in der Regel keine Minarette besitzen. Eine besondere Rolle nimmt die Dschuma-Moschee aus dem Jahr 733 ein. Sie ist wohl das älteste islamische Gotteshaus auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und einer der wenigen Orte Dagestan, der von Sunniten und Schitten gleichermaßen verehrt wird. Die Theorie, dass es sich um eine ehemalige Kirche handelt, haben wir verschiedentlich gelesen, aber auch entschiedene Dementis von Fachleuten.

In der Dschuma- oder Freitagsmoschee versammelten sich einst die Gläubigen aus der gesamten Stadt an Freitagen zum Gebet. Gemeinsam mit einer Koranschule und anderen religiösen Gebäuden bildet sie einen abgeschlossenen Innenhof, in dem vier faszinierende, uralte Platanen wachsen - die vor einiger Zeit offiziell als Naturdenkmal von russlandweiter Bedeutung eingestuft wurden. An heißen Tagen sind die Sitzbänke unter den Bäumen vermutlich einer der besten Plätze im ansonsten an Pflanzen eher armen Derbent.

Nicht-Muslime können sich im Inneren der Moschee umsehen, wenn sie ihre Schuhe am Eingang abstellen. Für Frauen werden am Eingang zum Gelände Kopftücher bereitgehalten.


Der Rhein-Wolga-Kanal empfiehlt:

Lokal Teehaus Derbent
Aserbaidschanische Küche in Sichtweite zur Festung von Derbent

Im Zentrum von Derbent muss niemand hungrig bleiben. Viele Lokale bieten kaukasische Spezialitäten wie die dagestanischen Fleisch- oder Käsefladen Tschudu an.

 

Wer es etwas gehobener mag und vornehm gekleidete Kellner zusammen mit sowjetisch-russischer Karaoke-Livemusik gern hat, dem empfehlen wir das Restaurant "Shahristan" in der gleichnamigen Hotelanlage (Uliza Heydara Alijeva 15e). 

 

Sehr angetan waren wir aber auch von einem kleinen Gartenlokal direkt unterhalb der Zitadelle Naryn-kala. Am Fußweg von der Festung hinunter zur Alstadt liegt das aserbaidschanische Lokal "Teehaus (Tschainy domik)". Die gefüllten Weinblätter hier sind sagenhaft. 


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