Tabula rasa zur WM: Jekaterinburgs Fernsehturm wird gesprengt

Wenige Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland werden die Austragungsorte noch mit Hochdruck herausgeputzt. Ein besonders drastischer Schritt steht nun in der östlichsten WM-Stadt Jekaterinburg im Ural bevor. Dort sind offenbar die Tage des legendären, 220 Meter hohen Fernsehturms gezählt, der bislang die Stadtsilhouette prägte. Die Moskauer Tageszeitung "Kommersant" berichtete, das vor Ort bereits die Vorbereitungen für Sprengarbeiten begonnen hätten. Der nur halb fertig gebaute Fernsehturm gilt als zweithöchste Bauruine der Welt - und wurde bislang von der Bevölkerung überwiegend als Schandfleck wahrgenommen. Doch jetzt, wo die Tage des Bauwerks gezählt scheinen, gibt es auch Abrissgegner.

Ende Dezember sammelten Freunde der kuriosen Attraktion sogar Unterschriften für den Erhalt. Auch in den sozialen Netzwerken formieren sich die Turmschützer - mit mehr oder weniger ernst gemeinten Vorschlägen.

Doch die Staatsmacht scheint entschlossen zu sein, das Fernsehturm-Problem ein für allemal zu lösen: "Das ist kein Baudenkmal und kein Symbol für ein historisches Ereignis, sondern ein Symbol des Durcheinanders", gab der örtliche Gouverneur Jewgeni Kujwaschew die Marschrichtung vor. 30 Jahre lang werde ein großes Gelände im Stadtzentrum jetzt schon von dem Turm in Beschlag genommen. Investoren für eine wie auch immer geartete Nutzung des Bauwerks seien nicht zu sehen, zitierte das Internetportal Ura.ru den Politiker.

 

Der Fernsehturm von Jekaterinburg sollte ursprünglich mehr als 360 Meter hoch werden. Die 1983 begonnenen Bauarbeiten wurden 1991 eingestellt, als mit dem Zerfall der Sowjetunion und der schweren Wirtschaftskrise das Geld ausging. Seither steht auf der Baustelle alles still.

Allerdings entwickelte sich das markante Wahrzeichen der Millionenstadt in den Jahren vor der Jahrtausendwende zu einem wahren Magneten für Extremkletterer und Lebensmüde. Nach einer ganzen Serie von Todesfällen wurden alle Zugänge zum Fernsehturm versperrt und das Gelände bewacht, um unerlaubte Besucher fernzuhalten. 

 

Die Provinzregierung unterstützt Pläne, am Standort des Fernsehturms eine Eissportarena zu bauen. Ein konkretes Datum für den Abriss wurde bislang noch nicht bekanntgegeben. In den vergangenen Monaten wurden von den Verantwortlichen verschiedene Abriss-Varianten diskutiert, neben einer Sprengung gab es auch die Idee, von oben beginnend einzelne Betonteile des Turms abzutrennen und mit Hubschraubern wegzubringen. Offenbar konnte sich dieser Plan jedoch nicht durchsetzen.

Nachtrag April  2018: Der Fernsehturm von Jekaterinburg ist seit Ende März Geschichte. Am 24.3. wurde die Bauruine gesprengt. Das städtisches Online-Portal "E1.ru" hat die letzten Stunden des Turms auf einer Sonderseite festgehalten, Videos vom Abriss inclusive. 

(kp)