„Eine märchenhafte Stadt, in Sonnenschein getaucht … Dünne Nadeln der Minarette. Zuckerweiße Paläste … Rote Fes-Hüte, ein Meer aus roten Fez-Hüten. Menschen in Weiß. Sonnenschein. Gutturale Sprache. Und Flaggen, Flaggen, Flaggen.“

 

Alexander Wertinski (1889-1957), russischer Sänger und Kabarettist

 

 

Istanbul - Viel zu schön zum Vorbeifliegen

Als die EU-Staaten 2022 ihre historisch einmaligen Sanktionen gegen Russland verhängten, schränkten sie auch die Reisemöglichkeiten zwischen Westeuropa und dem größten Land der Erde drastisch ein. Jede Flugreise nach Russland führt seither zwingend über einen Nicht-EU-Staat. Unter allen verbliebenen Varianten ist die Route über Istanbul seither die populärste geworden. Zahlreiche türkische, russische und westliche Airlines fliegen die beiden Großflughäfen der 15-Millionen-Einwohner-Metropole an. Abertausende von Transitpassagieren steigen hier um. Dabei gilt: Wer es nicht übermäßig eilig hat, sollte nicht einfach bloß von einem Flieger zum nächsten hetzen. Istanbul ist definitiv eine der großartigsten Weltstädte und viel zu schade zum Vorbeifliegen.

Istanbul - Blick auf das Goldene Horn und die Süleymaniye-Moschee
Am Goldenen Horn

Kurz nach der Jahrtausendwende war ich das erste Mal in Istanbul, damals im Rahmen einer billigen, zweitägigen Ausflugsfahrt von unserem Ferienort in Bulgarien. Vom ersten Moment an hat mich diese über 2.500 Jahre alte Stadt elektrisiert, wie sonst nur wenige Orte auf der Welt. Ich wollte unbedingt wieder kommen, was dann auch einige Male gelang.


5 gute Gründe für einen Zwischenstopp in Istanbul

1. Istanbul ist eines der großartigsten Reiseziele der Welt

Istanbuls Lage an der Grenze von Europa und Asien, das laute Treiben auf den Straßen, die grandiose Architektur der großen Moscheen, Paläste und Bürgerhäuser, das atemberaubende Essen, die herzlichen Menschen, die kreischenden Möwen und riesigen Frachtschiffe, die sich einen Weg durch den Bosporus bahnen... Das alles ist noch immer so beeindruckend wie eh und je. Zudem lassen nur ganz wenige Städte - in Europa wahrscheinlich nur Rom und Moskau - den Besucher so deutlich spüren, dass genau hier einmal gewissermaßen das Epizentrum des Weltgeschehens lag.

2. Ihr seid sowie schon da

Wer auf dem Weg nach oder von Russland eh in Istanbul zwischenlandet, kann ohne nennenswerte Zusatzkosten eine großartige Zeit verbringen - sei es als Auftakt einer Urlaubsreise, oder als ein verlängertes Wochenende zwischen anstrengenden Terminen.

3. Ein Kurzbesuch in Istanbul ist unkompliziert

Für Staatsbürger vieler Länder der Welt, darunter für EU-Bürger und Russen, ist die Einreise in die Türkei zu Besuchszwecken völlig unkompliziert und ohne Visum möglich. Istanbul selbst hat in den zurückliegenden Jahren ein hocheffizientes ÖPNV-Netz ausgebaut. Beide, weit außerhalb des Zentrums gelegene Flughäfen sind mittlerweile an die Metro angeschlossen. Trotz einer Millionenschar von Touristen aus aller Welt gibt es so viele preisgünstige Unterkünfte, dass sich immer auch kurzfristig noch etwas Passendes findet.

4. Ein längerer Zwischenstopp kann helfen, Geld zu sparen

Flugreisen zwischen der EU und Russland sind seit 2022 eine sehr kostspielige Angelegenheit. Oft kann man aber sogar Geld sparen, wenn man für die Reiseabschnitte EU-Istanbul und Istanbul-Russland zwei getrennte Tickets kauft, eventuell sogar bei unterschiedlichen Airlines und mit Flughafen-Wechsel. Das kann aber natürlich nur stressfrei funktionieren, wenn man sehr viel Umsteigezeit einplant.

5. Weniger Sorgen mit Sanktionen

Hand aufs Herz, wahrscheinlich hat niemand mehr einen Überblick über die vielen Tausend Einzelsanktionen, die EU-Europa gegen Russland verhängt hat und von denen viele auch Privatpersonen betreffen. Einige, besonders schmerzhafte Verbote haben sich herumgesprochen: Die Mitnahme von Euro-Bargeld nach Russland etwa ist verboten, und an den Landgrenzen gehören mittlerweile auf Seite der EU sogar Leibesvisitationen zum Alltag, um eventuell versteckte Scheine aufzuspüren. Für Reisen zwischen EU und Türkei gelten keine derartigen Einschränkungen. Und die Türken wiederum machen bei den EU-Sanktionen sowieso nicht mit.


Der Rhein-Wolga-Kanal empfiehlt: Was tun in Istanbul?

Wer alle interessanten Orte von Byzanz, Konstantinopel und Istanbul sehen will, braucht mehr als nur ein paar Tage. Allerdings hat das historische Herz der Riesenstadt eigentlich überschaubare Ausmaße. Die meisten Attraktionen, die mittlerweile jedes Jahr eine zweistellige Millionenzahl an Besuchern aus aller Welt anziehen, befinden sich relativ nah beieinander auf einer Halbinsel südlich der Bucht "Goldenes Horn". Einige davon - der Topkapi-Palast der türkischen Sultane etwa oder die Hagia Sophia, die zur Moschee umgewandelte, einstmals größte christliche Kirche der Welt, sind inzwischen so überlaufen, dass man gute Nerven braucht, um sich in das Gedränge zu stürzen. Es lohnt sich allerdings trotzdem. Einige Dinge sollten auch bei einem kurzen Istanbul-Besuch auf keinen Fall fehlen:

Bosporus-Fähren

Fähre auf dem Bosporus in Istanbul
Fährschiff auf dem Bosporus

In den vergangenen Jahrzehnten wurden in Istanbul mehrere Brücken über den Bosporus gebaut, dazu gibt es mittlerweile sogar einen S-Bahn-Tunnel. Doch selbst 2025 verkehrte auf der Meerenge, die Europa und Asien voneinander trennt, eine beachtliche Flotte meist herrlich altmodischer Fährschiffe. Die Stadtteile auf beiden Kontinenten werden in engem Takt miteinander verbunden, Fahrkarten sind spottbillig und machen die Fähren zu einem der großartigsten Nahverkehrsmittel, die man sich nur vorstellen kann. Eine Überfahrt von den zentralen Fähranlegern wie Eminönü zur asiatischen Seite dauert je nach Route teils nur rund 20 Minuten. In dieser Zeit gleiten die Schiffe an der spektakulären Kulisse von Istanbul vorbei - und ermöglichen Blicke auf die Prachtbauten der Sultane ebenso wie auf moderne Wolkenkratzer. 

Süleymaniye-Moschee - Sinans Meisterwerk

Innenhof der Süleymaniye-Moschee in Istanbul
Innenhof der Süleymaniye-Moschee

Mehrere Großmoscheen prägen die Silhouette des zentralen Teils von Istanbul. Die vielleicht beeindruckendste von ihnen ist die von Sultan Süleyman dem Prächtigen Mitte des 16. Jahrhunderts in Auftrag gegebene Süleymaniye-Moschee. Sie liegt auf einem Hügel etwas über der Stadt. Der osmanische Architekt Sinan schuf hier eines seiner Meisterwerke. Wer in Istanbul nur Zeit für einen einzigen Moscheebesuch hat, kommt am besten hierher. Mit ihrem monumentalen Innenhof und der reich verzierten, über 50 Meter hohen Kuppel hinterlässt die Moschee einen bleibenden Eindruck. Wie überall in der Türkei sind außerhalb der Haupt-Gebetszeiten jederzeit auch nicht muslimische Touristen gerne gesehen. In der Parkanlage an der Moschee befinden sich zahlreiche Gräber, darunter die des prächtigen Sultans und seiner aus der heutigen Ukraine stammenden Lieblingsfrau Roxolana.

Frühstück in Asien mit Blick auf Europa

Blick von der Hotelterasse in Istanbul-Kadiköy
Blick von der Hotelterasse in Istanbul-Kadiköy

Bei Kurzaufenthalten in Istanbul ist mir mittlerweile der Stadtbezirk Kadiköy auf der asiatischen Seite ans Herz gewachsen. Und hier suche ich auch die Unterkünfte für Zwischenstopps. Ursprünglich geschah das aus einem ganz profanen Grund: Am Fähranleger Kadiköy endet die Metrolinie vom Flughafen Istanbul Sabiha Gökcen, dem Drehkreuz der Billigairline Pegasus. Doch das ist längst nicht das einzige Pfund, mit dem der Stadtteil wuchern kann: Vom Asiatischen Ufer eröffnen sich mancherorts phantastische Aussichten auf Hagia Sophia und Blaue Moschee. Und wer Glück hat, landet in einem Hotel mit Dachterrasse, wo die Gäste schon beim Frühstück von Asien nach Europa hinüberblicken können. Kadiköy bietet zudem eine große Menge an Lokalen, die wohl im Schnitt ein wenig günstiger sind als im touristischen Zentrum.

 

Istanbuls Basare

Ägyptischer Basar Istanbul
Im historischen Ägyptischen Basar von Istanbul

Man kann sich noch so oft vornehmen, nicht zu viel einzukaufen, aber eigentlich ist das zwecklos: Kaum irgendwo lässt es sich so gut shoppen wie in Istanbul. Und ein Besuch in der Stadt ohne Bummel über einen der historischen Basare wäre eigentlich undenkbar. Wer Angst hat, im Gassen-Gewirr des Großen Basars verloren zu gehen, kann es auch auf dem überschaubareren Ägyptischen Basar versuchen. Dort gibt es neben Gewürzen auch Süßigkeiten und andere Lebensmittel. Selbst abseits der großen, überdachten Basare gilt: Eigentlich ist die ganze Stadt ein einziger riesiger Markt. Die Gefahr, ohne Mitbringsel nach Westeuropa oder Russland weiterreisen zu müssen, besteht jedenfalls nicht. Achtung: Während es anderenorts in Istanbul keine erkennbaren Ladenschluss-Regelungen gibt, ist ausgerechnet der Große Basar sonntags geschlossen!

Yerebatan-Zisterne - Spektakuläre Unterwelt

Medusenkopf in der Yerebatan-Zisterne
In der Zisterne verbauter Medusenkopf

Eine der spektakulärsten Sehenswürdigkeiten Istanbuls befindet sich direkt westlich der weltberühmten Hagia Sophia: Hier können Touristen in eine riesige, Säulenhalle hinabsteigen, den "Unterirdischen Palast", der vor knapp 1.500 Jahren als Wasserspeicher für das damalige Konstantinopel erbaut worden war. 80.000 Kubikmeter Wasser konnte die Yerebatan-Zisterne aufnehmen. Besonderer Blickfang sind zwei der insgesamt 336 Säulen, die aus unbekanntem Grund auf umgedrehten Medusenköpfen ruhen. Dass die Zisterne ein eindrucksvoller Ort ist, hat sich herumgesprochen. So unheimlich und einsam wie Sean Connery als James Bond sie in "Liebesgrüße aus Moskau" erlebte, ist sie jedoch längst nicht mehr. Und wer die Spuren der spätantiken Hochkultur bestaunen will, muss sich längst in eine lange Warteschlange einreihen.


Fotogalerie Istanbul


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