"Wirft ein Dummkopf einen Edelstein ins Meer, so werden auch tausend Weise ihn nicht wieder hinaufholen."
Georgisches Sprichwort
Das Jahr 2026 beginnt im europäischen Russland mit beißendem Frost und Rekordmengen an Schnee - selbst die in Winter-Angelegenheiten erfahrenen Russen kommen da teils an ihre Grenzen: Flughäfen stellen vorübergehend den Verkehr ein, Straßen sind blockiert, und sogar die gewöhnlich absolut zuverlässige Russische Eisenbahn gerät aus dem Takt. Aus familiären Gründen müssen wir gleich zum Jahresanfang nach Osten reisen, packen noch mehr warme Unterwäsche ein als gewöhnlich und hoffen ansonsten, dass alles wieder irgendwie gut gehen würde. Nach zuletzt extrem schlechten Erfahrungen mit Schikanen bei der Ausreise über die östlichen EU-Staaten nach Russland wähle ich dieses Mal für Hin- und Rückweg eine Route über den Kaukasus. Die Reise wird (trotz zahlreicher Etappen im Flugzeug) zu einer Art Roadtrip durch vier Länder mit vielen Begegnungen und Erlebnissen.
Der Entschluss, dass ein Besuch in Moskau nötig ist, fällt Ende Dezember in der Weihnachtszeit. Am 31. Dezember beantrage ich mein
russisches E-Visum. Offenbar kennen die Entscheider vor Ort weder Silvester noch Neujahrsfeiertage, denn erneut erhalte ich
die Bestätigung per Email auf die Minute nach exakt vier Tagen. Noch immer machen die Sanktionen der EU "normales" Reisen zwischen Russland und Westeuropa unmöglich, aber
darauf haben wir uns inzwischen schon eingestellt.
Da schnell klar wird, dass wir wieder auf getrennten Wegen zur Babuschka reisen werden, baue ich noch einige Zwischenstopps in meine Route ein. Nachdem ich zuerst eine sehr günstige Möglichkeit
gefunden habe, über Istanbul nach Sotschi zu fliegen, überlege ich, auf dem Weg einen guten alten Freund in Südrussland zu besuchen. Bei
der Suche nach günstigen Flügen für die Rückreise entdecke ich ein unschlagbares Angebot von Tiflis in Georgien nach Frankfurt für unter 100 Euro und organisiere dann die
restlichen Etappen.

Die Reise nach Moskau startet direkt in meinem Mainzer Büro, von wo ich nach Dienstschluss zum Flughafen Köln-Bonn aufbreche, um die Nachtmaschine von Pegasus Airlines nach Istanbul zu
erwischen. Während des dreistündigen Fluges kann ich kein Auge schließen, doch das liegt dieses Mal nicht so sehr an den eng bestuhlten Sitzreihen, sondern an meinem Nachbarn, einem
Dönerimbiss-Betreiber aus Dortmund. Der junge Mann reist für einen einzigen Tag nach Zentralanatolien, um an der Beerdigung seiner Großmutter teilzunehmen.
Es entspannt sich ein interessantes Gespräch über das Döner-Business und das Leben der türkischen Community. Früher sei es gut in Dortmund gewesen, seufzt mein
Gesprächspartner in mäßigem Deutsch: "Aber jetzt sind da einfach zu viele Ausländer." Dann berichtet er, wie die Masse an Dönerläden das Geschäft kaputtmacht und wie kürzlich das
SEK seinen Imbiss stürmte, um dort zum Frühstück versammelte Mitglieder der Kurden-Mafia festzunehmen.
Seit umfassende Sanktionen der Westeuropäer möglichst alle menschlichen Begegnungen zwischen Russland und EU-Europa verhindern sollen, hat sich Istanbul zum zentralen Dreh- und
Angelpunkt für Reisende zwischen den Welten entwickelt. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeikomme, versuche ich, zumindest kurz auch in die Stadt selbst zu fahren. Gute Gründe für einen Zwischenstopp in einer der faszinierendsten Metropolen der Welt gibt es genug. In diesem Jahr habe ich zwei weitere: Zum einen
muss ich ohnehin den Flughafen wechseln. Und dann absolviert meine Lieblingsnichte gerade ein Auslandssemester ihres Politik-Studiums in der Stadt. Direkt vom Flughafen Istanbul-Sabiha
Gökçen in der asiatischen Stadthälfte fahre ich mit der Metro zum Fähranleger in Kadiköy, wo auch meine Nichte wohnt. Ihre WG liegt in einer sympathischen Gasse, leider hat das Haus aber
keine richtige Heizung, was an kalten Januar-Tagen durchaus spürbar ist. Nach einem opulenten Frühstück in einem nahe gelegenen Café schleppen wir uns kugelrund gefuttert auf eines der
wundervoll altmodischen Bosporus-Fährschiffe und schippern - bei heftigem Wellengang - an der Pracht der osmanischen Baumeister vorüber nach Europa.
Dort trennen sich unsere Wege, ich nehme die U-Bahn zum neu eröffneten Großflughafen auf der europäischen Seite von Istanbul. Dieser Airport ist so groß, dass Reisende allein für die
kilometerlangen Wege sehr viel Zeitreserve mitbringen müssen. Nach nur wenigen Stunden endet mein Kurzbesuch in der Türkei schon wieder. Mit einer Passagiermaschine russischer Bauart vom
Typ Suchoi Superjet bringt mich die Regionalairline Azimuth nun über das Schwarze Meer weiter nach Osten.

Nur knapp anderthalb Stunden dauert der Flug von Istanbul nach Sotschi, von wo ich für die Weiterfahrt auf den Zug
umsteigen will. Zunächst verläuft allerdings die Einreise nach Russland sehr schleppend: Mit zunehmender Sorge kann ich beobachten, wie andere Ausländer mit ausgedrucktem
E-Visum vor mir in der Schlange aussortiert werden und nicht einreisen dürfen. Mir geht es genauso: Eine unfreundliche Grenzerin faucht mir etwas von "falsch angegebenem Reisezweck"
entgegen und fordert mich auf, vor den Kontrollkiosk zurückzutreten. Glücklicherweise kommt genau in diesem Moment ein Vorgesetzter mit großer Tellermütze und vielen Sternen auf den
Schulterklappen dazu und ordnet an, alle Leute durchzulassen. Was da genau passiert ist, erschließt sich nicht genau, aber mit Freude nehme ich den gestempelten Pass entgegen und eile zum
Gepäckband, wo mein Koffer schon recht einsam seine Kreise zieht. Vom sonst so peniblen russischen Zoll ist an diesem Tag überhaupt niemand zu sehen.
Eine Nacht will ich in Sotschi verbringen, wo wir zuletzt 2017 in der Vorsaison einen kurzen Familienurlaub verbracht hatten. Über das
russische Buchungsportal Ostrovok habe ich ein günstiges Zimmer im Hotel "Kailas" im Stadtzentrum reserviert, dessen eigentümliche Architektur an einen japanischen Palast erinnert.
Obwohl es Mitte Januar ist, versinkt Sotschi dank des hiesigen subtropischen Klimas im Grün: Zahlreichen Fächer- und Dattelpalmen, Oleander, Rhododendren und andere immergrüne Gewächse
sorgen für ein gänzlich "unrussisches" Stadtbild. Als kurz vor meiner Weiterreise heftiger Schneeregen einsetzt, bekommt die exotische Palmenwelt eine völlig
unwirkliche Ausstrahlung.
Als wichtigstes Ferienzentrum Russlands hatte Sotschi zur Winterolympiade 2014 eine Generalüberholung erhalten, bei der die marode Infrastruktur der Stadt umfassend auf Vordermann gebracht
worden war. Jetzt, zwölf Jahre später, beginnt der Glanz jener Zeit allmählich zu verblassen: Damals renovierte Fassaden bräuchten wieder einmal eine Renovierung, und in den
Fußgängerunterführungen gehen die Kacheln kaputt. Beim Spaziergang zum "Meeresbahnhof", dem einstigen Abfertigungsgebäude für Fährpassagiere, fällt die große Anzahl, etwas
abseits ankender Superjachten ins Auge: Offenbar war es manchen reichen Russen gelungen, ihre Boote noch rechtzeitig vor den westlichen Sanktionen aus dem Mittelmeer fortzuschaffen und
in Sicherheit zu bringen.
Obwohl die verlängerten russischen Neujahrstage gerade vorüber sind und nun in der Urlaubshochburg die totale Nebensaison herrscht, sind weiter auch Winterurlauber in der
Stadt. Im Riviera-Park mit seiner üppigen Pflanzenbracht und allerlei Rummel-Attraktionen herrscht durchaus Betrieb. Auf der Suche nach einem Mittagessen, schaue ich anfangs nach einem
Restaurant mit kaukasischer Küche, doch dann werde ich neugierig, als ich zufällig auf das örtliche
"Hofbräuhaus" (Webseite nur Russisch) stoße. Und da die Reise eh schon paradox gestartet ist, setze ich allem noch die Krone auf: Mitten im russischen Winter bestellte ich,
umgeben von Palmen, eine schwäbische "maultashensupe" mit einem Stück "kesekukhen" zum Dessert, während aus dem Lautsprecher die Stimme von Schlageкsänger Tom Astor ertönt: "Hallo, guten Morgen
Deutschland, ich lebe hier, weil ich dich mag."
Abends dann geht es nun weiter Richtung Norden. Insgesamt gut 1.700 Kilometer Bahnfahrt liegen vor mir. Und es geschieht etwas Unerwartetes: Wegen extremer Schneefälle in den
Nordausläufern der Kaukasusberge verspätet sich meine Abfahrt in Sotschi um fast eine Stunde. So etwas habe ich in all den
Jahren, in denen ich in Russland lebte, noch nie erlebt.

Für die erste Teilstrecke auf dem weiteren Weg hatte ich einen Zug der weißrussischen Eisenbahn gebucht, der alle zwei Tage mit einer Fahrtzeit von rund 48 Stunden Sotschi und Minsk verbindet. Elf Stunden braucht er bis zu meinem Tagesziel Rostow am Don.
Während der gesamten Nacht bleibe ich der einzige Fahrgast in meinem Vier-Bett-Abteil, und bis zum Schluss gelingt es trotz verkürzter Zwischenhalte nicht ganz, die Verspätung
aufzuholen.
Obwohl die Hafenstadt kurz vor der Mündung des Don in das Asowsche Meer ein gutes Stück nördlich der Kaukasusberge liegt, galt sie seit
jeher als "Tor zum Kaukasus". Als ich am frühen Morgen aus dem Zug steige, durchzieht mich sofort die eisige Kälte, die durch den Steppenwind noch verstärkt wird. 15 Grad Frost zeigt das
Thermometer. Rostow fühlt sich genau so an, wie man es von Russland im Winter erwartet.
Direkt vor dem Bahnhof werde ich auf Schritt und Tritt von Männern angesprochen, die mir eine Mitfahrtgelegenheit im Minibus nach Donezk, Mariupol oder in andere Städte der umkämpften
Donbass-Region anbieten. All die Orte, die seit vier Jahren unsere Nachrichten dominieren, liegen von hier aus scheinbar zum Greifen nahe.
Der Ukraine-Krieg hat gravierende Auswirkungen auf die Region Rostow: Der internationale Flughafen ist seit 2022 aus Sicherheitsgründen geschlossen, regelmäßig wird die Stadt von Drohnenangriffen
heimgesucht. Und auch eine der bislang skurrilsten Episoden des Krieges ereignete sich hier - mitten im Stadtzentrum: Im Juni
2023 übernahmen Truppen des meuternden Söldner-Führers Jewgeni Prigoschin kurzfristig die Kontrolle über Rostow. Bilder seiner Panzer, die von der Bevölkerung teils freudig begrüßt
wurden, gingen damals um die Welt.
Auch ich bekomme die neuralgischen Punkte jener dramatischen Tage zu sehen, als ich mit meinem alten Freund Wjatscheslaw durch Rostow bummele. Stundenlang trotzen wir der Kälte - in
Erinnerung an alte Uni-Zeiten, als ich mit einigen Kommilitonen regelmäßig zu Studentenkonferenzen an die hiesige Universität fuhr. Wjatscheslaw ist mittlerweile Professor, hat seinen
eigenen Lehrstuhl, und auf einem Plakat vor einem der Uni-Gebäude prangt zwischen den Abbildern anderer herausragender Forscher auch sein Portrait.
Entlang der zentralen Bolschaja-Sadowaja-Straße sind viele prächtige Bauten aus der Zeit vor der Oktoberrevolution erhalten, als Rostow neben dem heute ukrainischen Odessa der wichtigste
Hafen im Süden des Zarenreichs war. Die Kathedrale, eine verkleinerte Kopie der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche, wurde
umfassend saniert, und die typisch Rostower Mosaike in den zentralen Fußgängerunterführungen erinnern nach wie vor an die Geschichte der Donkosaken, den Kampf gegen die deutschen
Eroberer im Zweiten Weltkrieg oder an das glückliche Leben sowjetischer Kinder. Bis zum gigantischen Dramatheater, einem Prachtbeispiel konstruktivistischer Architektur, das an einen Traktor
erinnern soll, schaffen wir es auf unserer Runde. Bis zum Abend kommen fast 15 Kilometer zusammen.
Mein Freund ist eigentlich ein liberaler Geist, aber er verzweifelt mittlerweile auch am Vorgehen der westlichen Regierungen im Konflikt mit Russland und forscht aktuell darüber, wie der Aufstieg
Chinas zur Weltmacht gelang. Wjatscheslaw bedauert sehr, mir nicht zeigen zu können, wie es an seiner Fakultät aussieht: Doch um einen Gast aus einem Staat wie Deutschland in das
Gebäude mitzunehmen, sei mittlerweile ein schriftlicher Antrag beim Rektorat nötig, berichtet er. Für einen einmaligen Passierschein sei außerdem ein Background-Check durch den Geheimdienst
erforderlich. Glücklicherweise gibt es genügend Lokale zum Aufwärmen, so dass ich nicht allzu traurig bin.
Abends will ich erneut mit dem Nachtzug weiterreisen. Im warmen Wartesaal des Bahnhofs sitzen viele Soldaten mit Z- oder V-Symbolen auf den
Tarnfleck-Jacken. Ein leicht angetrunkener Kriegsveteran fragt die Banknachbarn, ob jemand seine selbst verfassten Gedichte hören möchte, aber die anderen Reisenden winken alle
ab. Die Staatsbahn gibt sich per Lautsprecher betont staatstragend. Im Wechsel mit Warnungen vor der im Einsatz befindlichen Schneeräumtechnik erklingt die Durchsage
"Verehrte Teilnehmer der Militärischen Spezialoperation, wir danken für den unter Beweis gestellten Heldenmut bei der Verteidigung des Vaterlandes."

Weil die Millionenstadt Rostow seit 2022 vom Flugverkehr abgeschnitten ist, sind die Züge von hier in Richtung Norden selbst im Januar fast ausgebucht und entsprechend teuer. Einzig für
die langsamsten Verbindungen gibt es noch Tickets, doch die benötigen für die Fahrt nach Moskau zehn Stunden länger als die
schnelleren. Also greife ich zu einem Trick: Von Rostow fahre ich über Nacht lediglich bis nach Woronesch, wo ich nach einstündigem Aufenthalt bei eisigen -18 Grad in einen Tageszug mit
Doppelstock-Sitzwagen in die Hauptstadt umsteigen kann.
Dieses Mal sind die drei anderen Plätze im Schlafwagenabteil und der gesamte Stauraum für Gepäck schon belegt, als ich zusteige. Einer der Mitfahrer will, als er in mir einen Ausländer erkennt,
unbedingt über Politik diskutieren. Wie ich es fände, dass unsere Schutzmacht, die USA, jetzt anfange, nach dem Territorium der Europäer zu greifen, will er mit Blick auf die Grönland-Debatte
wissen. Dass viele Europäer fest davon überzeugt sind, Russland wolle sie angreifen, kann er nicht glauben.
In Woronesch verbringe ich die Zeit bis zur Weiterfahrt mit der Suche nach einem schon früh geöffneten Café und stoße ausgerechnet in der zentralen Friedens-Straße auf einen
riesigen Militärkonvoi. Die lange Reihe von Truppentransportern mit trommelnden Motoren und ihren angeschweißten Drohnenschutz-Gittern auf dem Vorzeige-Boulevard bietet ein
apokalyptisches Bild.
Bei der Ankunft in Moskau am Nachmittag werde ich bereits von Anna erwartet. Sie war vor einigen Tagen mit der Bahn über Kaliningrad eingetroffen, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Auch zwei gute Freunde sind gekommen, um mich abzuholen. Sie lassen es nicht nehmen, uns bis zum
schwiegermütterlichen Häuschen zu chauffieren, aber erst, nachdem wir in uns im georgischen Restaurant "Chatschapuri" mit dem namensgebenden Käsegepäck gestärkt haben. Auf der
Autofahrt wird mir einmal mehr bewusst, welche unerwarteten Folgen der anhaltende Krieg inzwischen für den Alltag mit sich bringt: Im Kampf gegen Drohnenangriffe lassen die russischen Behörden an
neuralgischen Orten systematisch GPS-Signale stören. Die Folge davon ist, dass Navigationsgeräte der Autos verrückt spielen. Nicht nur für Taxifahrer ist das ein echtes
Problem.
Bereits am nächsten Morgen fliegt auch unsere Tochter über die Türkei kommend in Moskau ein. Die kommende Woche über sind wir nun vor allem mit familiären Herausforderungen beschäftigt.
Pflege und Betreuung müssen organisiert werden, außerdem gilt es Kanäle zu finden, trotz der EU-Sanktionen immer wieder mal Geld nach Russland zu schaffen, um die Kosten dafür zu decken.
Banküberweisungen und Online-Dienste funktionieren bekanntlich nicht mehr, allerdings gibt es glücklicherweise Alternativen.
Und auch für einen ausgedehnten Spaziergang durch Moskau reicht die Zeit. Anlass dafür ist ein wichtiger Kurierdienst, den ich übernommen hatte: Ein befreundetes deutsch-russisches Ehepaar plant
gerade die Übersiedlung nach Deutschland, um ihren Sohn vor dem russischen Wehrdienst zu bewahren. Für den Jungen bedeutet das im Gegenzug leider auch, dass er vor dem Wechsel an ein
deutsches Gymnasium nun innerhalb weniger Monate mehrere Jahre Latein-Unterricht aufholen muss, der an russischen Schulen (richtigerweise) gewöhnlich nicht angeboten wird. Die Lehrbücher dafür
hatte ich im Koffer mitgebracht.
Wie überall in Russland ist in Moskau überall noch die Neujahrsdekoration präsent, vor dem Bolschoi-Theater etwa ist in diesem Jahr nicht einfach nur ein Weihnachtsbaum aufgestellt worden,
sondern gleich ein ganzer Wald aus Tannen. Besonders eindrucksvoll wirkt das Zentrum der Hauptstadt natürlich abends, wenn unzählige Gebäude großartig angestrahlt werden. Auf diesem
Gebiet kann wahrscheinlich keine Metropole Europas Moskau das Wasser reichen. Längst werden auch nicht mehr nur die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und öffentlichen Bauten an den
Hauptstraßen ausgeleuchtet, sondern beispielsweise auch die in einer Innenstadtgasse gelegene evangelisch-lutherische Kirche, in der wir einst geheiratet hatten. Eine Rückkehr in den vertrauten
Kirchhof ist jedes Mal auch eine Rückkehr in meine eigene, ziemlich wilde Vergangenheit voller Nostalgie. Erstmals seit 2022
fallen im Stadtbild wieder größere Gruppen ausländischer Touristen auf - dem Aussehen nach zu schließen überwiegend aus asiatischen Ländern.

Nach einer Woche bei unserer Babuschka trennen sich unsere Wege wieder. Anna steigt am Weißrussischen Bahnhof in den Korridorzug nach Kaliningrad und kämpft sich von dort zurück über Polen nach
Rheinland-Pfalz. Unsere Tochter nimmt den Pegasus-Flieger nach Antalya und steigt dort in Richtung Deutschland um. Ich hatte mich auch für den Rückweg für eine Route über den Kaukasus
entschieden.
Für ein paar Stunden lege ich mich noch in einem Kapsel-Hotel auf dem Flughafen Scheremetjewo aufs Ohr, ehe es früh morgens mit einem günstigen Aeroflot-Linienflug nach Armenien geht.
Die Route verläuft aus Sicherheitsgründen in einem riesigen Bogen mit großem Abstand zur Ost-Ukraine, so dass wir sogar kasachisches Territorium überfliegen, ehe die Maschine über
dem Kaspischen Meer wieder nach Westen einschwenkt.
Bis kurz vor der Landung in der Hauptstadt Jerewan (Eriwan) sieht alles nach einem prächtigen, sonnigen Wintertag aus. Doch ausgerechnet in der Ararat-Ebene, in der sich auch die
armenische Metropole ausbreitet, hängt eine dicke Wolken- und Nebeldecke fest, die exakt an der Stadtgrenze beginnt. Hatte Jerewan bei meinem Besuch im vergangenen Frühjahr noch einen fröhlichen, lebendigen Eindruck auf mich gemacht, wirkt die Stadt dieses Mal unglaublich trist. Zu den wenigen
bunten Farbtupfern im grau-deprimierenden Stadtbild gehören die zahlreichen Wandbilder zu Ehren von Soldaten, die in den vergangenen Jahren im verlorenen Krieg gegen Aserbaidschan gefallen
waren.
Für eine Nacht will ich wieder in der kleinen Familienpension von Martin und Annusch Martirosjan unterkommen. Weil Aeroflot den Abflug vorverlegt hatte, komme ich früher als
eigentlich verabredet in dem Gästehaus an, wo sich die Familie gerade zum Mittagessen setzen wollte. Sofort werde ich wie ein lange vermisstes Familienmitglied an den Tisch gebeten, und der
Hausherr schöpft mir ordentlich auf. Zu essen gibt es Chasch
(Wikipedia, Deutsch), eine aus Rinderfüßen und Innereien zubereitete Brühe, in die anschließend so viel dünnes Fladenbrot geworfen wird, dass fast ein Brei daraus entsteht. Dazu
holt Martin eine Flasche selbst gebrannten Wodka hervor und schenkt ein, bis uns die Trinksprüche ausgehen. Wir tauschen Neuigkeiten über das Leben in Armenien, Russland und Deutschland aus. Am
Tisch sitzt während Teilen des Gelages auch ein Verwandter, der als Makler arbeitet und gerade viel zu tun hat: Er wird von Anfragen junger Iraner überflutet, die sich nach den gewaltsam
niedergeschlagenen Protesten über die offene Grenze aus dem Nachbarland nach Armenien gerettet haben und nun eine Wohnung suchen.
Mein geplanter Stadtrundgang fällt anschließend doch eher kurz aus, stattdessen lege ich mich erst einmal ins Bett. Ich schiebe es nicht auf den Wodka, eher darauf, dass ich den versäumten
Schlaf der vorigen Nacht nachholen muss. Am nächsten Morgen wage ich einen Spaziergang zur berühmten Kaskade von Jerewan, in der Hoffnung, deren höchster Punkt könne vielleicht schon oberhalb der
Nebelschicht liegen. Doch ich werde enttäuscht.
Um mein Flugzeug zurück nach Deutschland zu erreichen, muss ich nun noch einmal eine längere Fahrt im Minibus antreten. Rund sechs Stunden dauert die Reise von Jerewan nach Tbilissi, in die
Hauptstadt Georgiens. Auf dem im Internet gebuchten Ticket steht, dass das Fahrzeug von einem Reisebüro am Stadtrand abfahren soll. Als ich dort ankomme, treffe ich nur auf einen einzelnen,
überraschten Mitarbeiter, der mir erklärt, die Fahrt falle wegen mangelnder Nachfrage aus. Die Fahrgäste seien auf einen anderen Bus umgebucht worden, der aber vom recht weit entfernten
Busbahnhof abfahre. Immerhin: Das Reisebüro ruft auf eigene Kosten ein Taxi für mich, der Fahrer chauffiert mich gekonnt um die schlimmsten Staus herum und stoppt im Durcheinander
des Busbahnhofs exakt vor dem richtigen Fahrzeug. Schon bald setzen wir uns in Bewegung.
Die Strecke führt durch spektakuläre Gebirgslandschaften, am Sevansee entlang und durch Armeniens wichtigsten Ferienort Dilidschan. Dann schwenken wir auf eine Straße, die teilweise direkt an der
martialisch befestigten Grenze zum verfeindeten Aserbaidschan entlang führt und die - je nachdem, ob man Google- oder Yandex-Karten mehr vertraut, sogar auf mehreren kurzen Abschnitten über
aserbaidschanisches Gebiet verläuft. Der Grenzübertritt nach Georgien verläuft unspektakulär, nur auf meinen Sitznachbarn, einen Türken, der im Kaukasus beruflich irgendwas mit Autoüberführungen
macht, müssen wir lange warten. Er war auf der Hinfahrt mit einem Überführungs-Pkw geblitzt worden und hatte die Strafe nicht bezahlt. Das gefällt den georgischen Grenzern gar nicht.

Für zwei Nächte beziehe ich ein günstiges Hotel in der Altstadt von Tbilissi bzw. Tiflis. Für mich ist es in all den Jahren der erste Besuch in der Stadt, mehrere Anläufe, hierher zu kommen,
waren in der Vergangenheit an höherer Gewalt gescheitert. Entsprechend neugierig bin ich, nun doch einmal angekommen zu sein.
Ihren georgischen Namen Tbilissi hat die Stadt von den heißen Quellen, aus denen schwefelhaltiges Mineralwasser fließt. Noch am Abend der Ankunft führt mich mein erster Weg in das Viertel
der Schwefelbäder Abanotubani. Badehäuser mit ihren charakteristischen Kuppeln, das im persischen Stil erbaute Orbeliani-Bad und prächtige Stadthäuser mit ausladenden Balkonen bilden
dort eine fast schon märchenhafte, orientalisch anmutende Kulisse. Ein Fußweg führt von dort in eine Schlucht hinein, die nach wenigen Minuten direkt an einem mächtigen Wasserfall
endet.
Die vom 730 Meter hohen Hausberg Mtazminda überragte georgische Hauptstadt blickt auf eine lange, bewegte Geschichte zurück. Die Perser-Festung Narikala, die Stadthäuser der
verwinkelten Altstadtgassen und zahlreiche im nationalen georgischen Stil erbaute Kirchen und europäisch anmutende Stadtviertel aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert bilden eine
einzigartige Mischung. Tbilissi ist vermutlich die perfekte Mischung aus Ost, West, Nord, Süd, Orient und Okzident. Zur Wahrheit gehört leider auch: Große Teile der einmaligen Altstadt
befinden sich in einem Stadium fortgeschrittenen Verfalls.
Nur wenige Schritte vom Rustaweli-Prospekt, der Prachtstraße von Tiflis, warten zahlreiche Ruinen auf den endgültigen Abriss. Durch die Wände mancher, scheinbar noch bewohnter
Häuser ziehen sich tiefe Risse, und nur dicke Stützpfeiler aus Stahl verhindern, dass sie zusammenbrechen. Ganze Straßenzüge wirken vollkommen verwahrlost und - was vielleicht noch schlimmer
ist: Neubauprojekte scheinen keinerlei Rücksicht auf das historische Stadtbild nehmen zu müssen.
Vor dem riesigen, mit zahlreichen Graffiti verunzierten Gebäude des georgischen Parlaments sind noch die Spuren der Anti-Regierungsproteste zu sehen, die nach den Parlamentswahlen Ende 2024
ausgebrochen waren. An den Zelten eines kleinen Protestcamps hängen schlapp Flaggen der USA, der EU, der Ukraine und des Kaiserreichs Iran. Transparente fordern die Freilassung politischer
Gefangener. Demonstranten zeigen sich allerdings keine mehr.
Kulinarisch fühle ich mich während der Stippvisite wie im Paradies. Chatschapuri, Lobio, Pchali - all meine georgischen Lieblingsgerichte werden hier auf Schritt und Tritt angeboten, und die
Wahl zwischen den unzähligen Altstadtlokalen fällt wirklich schwer. Trotz der ungemütlichen Jahreszeit sind sie gut besucht, und Tbilissi kann sich nicht über einen Mangel an Gästen
beklagen. Nicht nur Russisch ist auf Schritt und Tritt zu hören: Auffallend ist insbesondere die große Zahle arabischer und indischer Touristen. Ein Taxifahrer erklärt mir, die würden
gezielt im Winter kommen, um einmal Schnee zu erleben.

Den letzten Nachmittag vor der endgültigen Heimreise möchte ich noch für einen Ausflug nach Mzcheta, in die alte Hauptstadt Georgiens, nutzen. Am Bäderviertel sehe ich die Werbung eines
Ausflugsbüros, wo man mir erklärt, ich könne mich spontan noch einer Tour anschließen. Man setzt mich als größtes Mitglied der russischsprachigen Reisegruppe sogar schon nach vorne neben den
Fahrer, als ich plötzlich gebeten werde, noch einmal kurz auszusteigen. Dann erfahre ich, dass es einen Fehler gegeben habe und das Büro eine andere Buchung übersehen habe. Für mich gebe es
leider keinen Platz mehr.
So bleibt mir nichts, als den anderen Touristen Lebewohl zu sagen und dem abfahrenden Kleinbus hinterher zu blicken. Doch die Idee mit Mzcheta habe ich mir nun einmal in den Kopf gesetzt. Eine
kurze Internetrecherche ergibt, dass Marschrutka-Sammeltaxis von einem Busbahnhof am Nordrand von Tbilissi regelmäßig dorthin fahren. Also mache ich mich auf zur nächsten Metrostation und
versuche, mir einen Weg zu der sagenumwobenen Stadt zu bahnen.
Beim Ausstieg aus der U-Bahn fühle ich mich wie um 30 Jahre in die Vergangenheit zurückgeworfen. Das Areal um den Busbahnhof Didube wirkt wie Moskau im Winter 1992: Die Fußgängerunterführung ist
voll mit fliegenden Händlern, die billigen Ramsch verkaufen, Bettlern und Straßenmusikern. Durch Schneematsch und Benzinpfützen müssen sich Fahrgäste einen Weg zu ihren Bussen bahnen. Doch
auch das ist leichter gesagt, als getan: Denn eine Beschilderung an den Fahrzeugen gibt es nur in georgischer Schrift, und die hatte ich vor dem Kurztrip nicht mehr
gelernt.
Irgendwann sitze ich dann doch im richtigen Sammeltaxi und brause für umgerechnet 60 Cent in die 20 Kilometer entfernte Königsstadt am Zusammenfluss von Kura und Aragwi. Mzcheta ist bis
heute das geistliche Zentrum Georgiens. In der imposanten, zum Unesco-Welterbe erklärten Swetizchoweli-Kathedrale liegen die Könige des Lande begraben. Der Legende zufolge wurde
hier im 4. Jahrhundert auf Empfehlung der als "Erleuchterin Georgiens" verehrten heiligen Nino die erste georgische Kirche erbaut. Ein der Überlieferung nach hier verwahrtes Gewand
Christi ist das Ziel zahlreicher Pilger.
Wäre ich mit der Gruppe unterwegs gewesen, hätte mich die Tour noch zum Kloster Dschwari aus dem 6. Jahrhundert geführt, das hoch auf einem Berg auf der gegenüberliegenden Seite des
Aragwi thront. Aber zu Fuß erscheint es unerreichbar zu sein. Direkt an dem mit Stierköpfen verzierten Eingangsportal zur Swetizchoweli-Kathedrale kommt ein älterer Mann auf mich zu,
der offenbar meine Gedanken lesen kann und mir anbietet, mich für wenige Lari auf den Berg zu fahren und mich anschließend wieder in der Stadt abzusetzen. So komme ich dann auch noch in den,
allerdings von Schneeregen etwas getrübten Genuss einer der bekanntesten Postkarten-Aussichten Georgiens.
Nach einer letzten, kurzen Nacht in Tbilissi geht es früh morgens vor Beginn des Berufsverkehrs über leere Ausfallstraßen zum Flughafen und mit "Pegasus" und kurzem Zwischenstopp in Istanbul
wieder zurück nach Frankfurt. Die zwei Wochen im Osten fühlen sich nach der Rückkehr an wie zwei Monate.
Auf dem Heimweg vom Frankfurter Flughafen zeigt die Deutsche Bahn wieder, was sie alles kann: Sowohl die Strecke vom Flughafen nach Mainz als auch die von Mainz zu mir nach Hause sind gesperrt.
Der Busersatzverkehr funktioniert nicht richtig, letztlich brauche ich drei Stunden für eine lächerlich kurze Strecke. Und für einen Augenblick fühlen sich die Türkei, Russland, Armenien
und Georgien noch einmal erstaunlich fortschrittlich an.
Rhein-Wolga-Kanal (Samstag, 07 Februar 2026 11:04)
Danke auch Euch für die freundlichen Kommentare, Jens und Markus!
Jens, Mainz (Donnerstag, 05 Februar 2026 21:39)
Eine interessante und fesselnde Entführung in den Osten. Danke für das Teilen Deiner Erlebnisse, Karsten!
Markus (Donnerstag, 05 Februar 2026)
Sehr schöner Post Karsten, kommt gleich wieder Russland Fernweh auf ;) Es wird mal wieder Zeit. Liebe Grüße Markus
Rhein-Wolga-Kanal (Montag, 02 Februar 2026 22:02)
Hallo Klaus, danke für das nette Feedback!
Klaus Merhof, Hamburg (Sonntag, 01 Februar 2026 21:29)
Sagenhaft. Spannend, interessant und klasse geschrieben. Wie langweilig ist es vglw. in Hamburg-Winterhude. 1.001 Grüße!