"Laßt uns ohne Vorurteil urteilen."
Immanuel Kant (1724-1804), deutscher Philosoph aus Königsberg
Das nördliche Ostpreußen, die 1945 verlorene Heimat vieler deutscher Kriegsflüchtlinge, war über Jahrzehnte lang unzugängliches sowjetisches Sperrgebiet. Es wirkt paradox, aber das Gebiet Kaliningrad in seiner ungemütlichen Insellage umgeben von Nato-Ländern pflegt heute die Spuren der deutschen Vergangenheit und alte ostpreußische Traditionen mehr denn je - allen politischen Spannungen zum Trotz. Unternehmer, Behörden und Bürger haben entdeckt, dass man mit dem Image bei Besuchern aus dem russischen Mutterland punkten kann. Die kommen jetzt, wo der Strom der deutschen Heimwehtouristen aus der Nachwendezeit versiegt ist, in Scharen aus dem Osten. Auch für Reisende aus dem Westen bleibt eine Fahrt in die Ostsee-Exklave ein Treffen mit der deutschen Geschichte. Zu sehen gibt es erstaunlich viel, und die Landschaften der Region bleiben zeitlos schön, egal, welche Mächte das Land regieren.
Ende Mai stehen ein paar Tage Urlaub an, verbunden mit der Notwendigkeit, in Moskau nach dem Rechten zu sehen. Doch für einen Besuch
dort zu zweit fehlen Zeit (und Geld). Daraus entsteht der Plan, dass ich erst einmal in Deutschland bleibe und dann zu einem Treffpunkt auf halber Strecke zwischen Rhein-Main-Gebiet und der
russischen Hauptstadt komme. Optimal erscheint uns dafür Kaliningrad, das alte Königsberg, zu sein - immerhin die historische Heimat
meiner Familie.
Die Standardroute von Südwestdeutschland in die russische Ostseeprovinz führt über Berlin und Danzig. Spätestens dort muss vom Zug in einen der zahlreichen Linienbusse umgestiegen
werden, die die letzte Etappe über die schwer bewachte Grenze überwinden. Doch mir ist ein wenig nach Abwechslung. Normalerweise baue ich in die Routen eine Zwischenübernachtung in
Danzig ein, da man nie genau wissen kann, wie lange der Grenzübertritt dauert. Wenn man aber über Nacht weiter in Bewegung bleibt, so meine Überlegung, spart man das Hotel - und bekommt auf
Alternativrouten noch ein wenig Neues zu sehen. So entsteht ein, zugegeben etwas ungewöhnlicher Reiseweg durch zahlreiche Länder. Bei der Suche nach preiswerten Tickets werde ich
schnell fündig - Sparangebote der Fährgesellschaft Stena Line und der Polnischen Eisenbahn machen die An- und Abfahrt bezahlbar.

Nach einer Zugfahrt einmal durch Deutschland und einer Zwischenübernachtung in einem Hostel starte ich die Reise nach Ostpreußen mit einem morgendlichen Spaziergang im überraschend
sympathischen Flensburg. Anschließend steige ich schon in einen drollig anzuschauenden "Gumminasen"-Intercity-Zug der dänischen Bahn. Beim ersten Stopp im nahe gelegenen Padborg
findet die erste, nicht allzu freundliche Ausweiskontrolle der Reise statt.
Via Kolding und die eindrucksvolle Brücke über den Großen Belt geht es nach Kopenhagen, wo die Umsteigezeit gerade ausreicht, um das Gleis zu wechseln und in den nächsten Zug nach
Schweden umzusteigen. Mein Etappenziel Karlskrona ist direkt mit den Triebwagen von "Öresundståg" zu erreichen. Dreieinhalb Stunden dauert das laut Fahrplan, aber auf halber Strecke gibt es
ein technisches Problem beim Abkoppeln eines Zugteils, so dass wir das Ziel mit einer knappen Stunde Verspätung erreichen.
Die Hafenstadt im Süden Schwedens war Ende des 17. Jahrhunderts gegründet worden und ist seitdem Hauptstützpunkt der schwedischen Kriegsmarine. Sie erstreckt sich über mehrere Inseln in der
Ostsee. Der Marinehafen, die Verteidigungsanlagen und einige Barock-Bauten im Zentrum waren der Unesco einen Weltkulturerbe-Titel für Karlskrona wert. Doch allzu
eindrucksvoll finde ich die Stadt auch bei einem mehrstündigen Bummel nicht, zumal so manche vielversprechende Gasse an den Schlagbäumen der Streitkräfte und ihren Fotoverbots-Schildern
endet.
Die mit bis zu drei Verbindungen pro Tag bediente Fährlinie der Stena Line nach Gynia in Polen macht Karlskrona auch zu einem der wichtigsten Fährhäfen im Süden Schwedens. Der Terminal
befindet sich vis-à-vis der Altstadt, aber auf einer anderen Insel, die eine halbe Stunde mit dem Stadtbus entfernt liegt. Nach dem unkomplizierten Check-In kann ich mit zahlreichen
anderen autolosen Passagieren schon bald an Bord gehen.
Aus Kostengründen verzichte ich für die Überfahrt auf eine Kabine, obwohl ich erst im vergangenen Jahr mit den Schlafsesseln der Stena-Line-Fähre von Travemünde nach Lettland schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Ganz anders dieses Mal: Die Ruhesessel der "Hygge Lounge" auf der "Stena Ebba" sind grandios: Sie lassen sich bis fast zur Waagrechten zurücklehnen, Sichtschutz schafft ein Minimum an Privatsphäre, und in dem Ruheraum steht ein Automat mit Getränken bereit. Im Dämmerlicht gleitet die Fähre langsam durch die Schären vor der Küste hinaus in die offene Ostsee, und das All-you-can-eat-Abendbuffet wird eröffnet, das keinerlei Wünsche offenlässt.

Pünktlich um 5.30 morgens werden die Passagiere in der "Hygge Lounge" per Lautsprecher darauf hingewiesen, dass auch das Frühstück für sie im Preis eingeschlossen ist. Das wusste ich nicht. So
richtig darüber freuen kann ich mich trotzdem nicht, denn das Abendessen liegt noch schwer im Magen. Nach dem Anlegen beschließe ich kurzerhand, vom Fährterminal zu Fuß in die Innenstadt zu
laufen.
Gdynia steht im Schatten der nahegelegenen alten Hansestadt Danzig, ist aber dennoch einen Blick wert: Die Geschichte der Stadt ist recht kurz: Als Polen nach dem Ersten
Weltkrieg wieder unabhängig wurde und einen kurzen Küstenstreifen zugesprochen bekam, befand sich an der Stelle der heutigen 240.000-Einwohner-Stadt nur ein kleines Dorf. Die Führung der Zweiten
Polnischen Republik beschloss, dass genau hier der zentrale Hafen für den jungen Staat entstehen sollte.
Gdynia wuchs innerhalb weniger Jahre zur Großstadt. Architekturinteressierte finden hier eine weltweit ziemlich einmalige Ansammlung von Bauten im Stil des
Modernismus. Ein Wahrzeichen aus jüngerer Zeit ist der Hochhauskomplex "Sea Towers" mit seinen 38 Etagen, in man sich zumindest kurz nach Fertigstellung die teuersten
Eigentumswohnungen Polens hätte kaufen können. Obwohl Gdynia sogar eine Aufnahme in die Welterbeliste der Unesco anstrebt, kann mich die Hafenstadt nicht wirklich in ihren Bann ziehen.
Mit der S-Bahn fahre ich ins 20 Minuten entfernte Danzig. Dort reicht die Zeit für einen kurzen Bummel in die nach 1945 vorzüglich aus den Trümmern wieder aufgebaute Altstadt und ein Mittagessen
mit Bigos im empfehlenswerten Pierogi-Restaurant "Stary Mlyn". Dann geht es weiter mit meiner Fahrt nach Osten. Vom atemberaubend heruntergekommenen Danziger
Busbahnhof aus starten noch immer täglich etliche Linienbusse in die russische Exklave Kaliningrad - die einzige empfehlenswerte
verbliebene Route, um auf dem Landweg aus EU-Europa nach Russland einzureisen.
Unser Bus ist fast komplett besetzt, dennoch geht es zunächst recht zügig vorwärts, nach nicht einmal zwei Stunden stehen wir am fast menschenleeren Grenzübergang Grzechotki-Mamonowo, wo die
Abfertigung durch die polnischen Grenzorgane überraschend schnell vonstatten geht. Im Anschluss steht der Bus jedoch über eine Stunde im Niemandsland zwischen den schwer ausgebauten
Grenzbefestigungen - so lange, dass sich irgendwann schon drei Busse hinter uns stauen und die ersten Passagiere, die um ihre Anschlussflüge bangen, von den hinteren zu uns umsteigen.
Ein Paar spielt auf einem Grasstreifen zwischen den Stacheldrahtzäunen Apportieren mit seinem Hund, bis sie von einem russischen Grenzer aufgefordert werden, sich nicht zu weit vom wartenden Bus
zu entfernen. Einige Passagiere diskutieren derweil im Abendrot mit den Busfahrern die Gründe, warum es partout nicht weitergeht, andere lieber Oswald Spenglers "Untergang des
Abendlandes".
Als wir endlich zur russischen Grenzkontrolle vorgelassen werden, geht es dann erneut recht zügig, das Gepäck muss - wie bereits auf polnischer Seite - durch einen Scanner geschoben werden,
niemand interessiert sich wirklich für den Inhalt der Koffer, und niemand wird für eine längere Befragung in einen Nebenraum gebeten. Bei Sonnenuntergang, gut fünfeinhalb Stunden nach
dem Start in Danzig, erreichen wir den zentralen Busbahnhof von Kaliningrad. Alles in allem bleibt das eine für aktuelle Verhältnisse erträgliche Art, nach Russland zu reisen.

Kaliningrad soll bei dieser Kaliningrad-Reise nur eine Zwischenstation werden. Da ich schon abends am Treffpunkt ankomme, meine Frau mit dem Korridorzug aber erst am nächsten Morgen, verbringe ich doch eine Nacht hier. Von Deutschland aus hatte ich ein relativ preiswertes Zimmer für eine Nacht in Bahnhofsnähe gebucht. Meine Wahl fiel auf das "Hotel Berlin".
Leider hat bei der Ankunft am Abend das Hotelrestaurant nichts mehr zu essen für mich. Zwei gelangweilte Kellnerinnen, die die Zeit bis zum offiziellen Feierabend in dem leeren Gastraum
absitzen, verweisen mich auf eine nahegelegene Tankstelle mit Kiosk.
Wahrscheinlich war das auch besser so, denn das Frühstück am folgenden Morgen ist auch eher nur für Liebhaber zu empfehlen:
Das Buffet bleibt mir beispielsweise mit einem riesigen Berg von Sprotten aus der Dose und mehreren Sorten geschmackloser lauwarmer Würstchen in
Erinnerung.
Mein Plan ist, die Wartezeit bis zum Eintreffen des Moskauer Nachtzugs mit ein wenig Eisenbahn-Fotografieren im eindrucksvollen Kaliningrader Südbahnhof von 1929 zu
verbringen, der den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt überstanden hatte. Eine Vertreterin der uniformierten Staatsmacht erklärt mir jedoch schnell, das Fotografieren der 100 Jahre
alten grandiosen Bahnhofshalle sei verboten, weil es sich um ein strategisches Objekt handele. Als wir einige Tage später noch einmal am Bahnhof vorbeikommen, und dort aus Anlass der
bevorstehenden Weltkriegs-Siegesfeiern ein ausgeschmückter Militärzug mit Dampflok und allerlei Waffen in den Bahnhof eingefahren ist, gilt das Verbot erstaunlicherweise nicht mehr.
Bei diesem zweiten Besuch unternehmen wir dann auch den obligatorischen Abstecher auf die Dominsel im Pregel und steigen sogar noch in die düstere Gedenkstätte im ehemaligen Bunker des
NS-Generals Otto Lasch. Der hatte dort im Untergrund in der Nähe des Universitätsgebäudes Anfang April 1945 die erfolglose Entscheidungsschlacht um das zur "Festung" erklärte Königsberg
kommandiert, bis er vor den Emissären der Roten Armee kapitulieren musste.

Unseren Kurzurlaub wollten wir aber nicht in der quirligen Großstadt Kaliningrad verbringen, sondern in einem der traditionsreichen ostpreußischen Seebäder. Die Wahl fällt auf Swetlogorsk, das
ehemalige Rauschen. Das oberhalb einer Steilküste gelegene Städtchen, seine Villen und Kureinrichtungen hatten den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden. Bereits in den 1990-er Jahren
hatte ich den Ort zweimal besucht, damals war Swetlogorsk eine gelungene Abwechslung zur unvorstellbaren Tristesse des Kaliningrader Gebietes. Besucher hatten den Eindruck,
die Zeit dort sei einfach nur stehengeblieben.
Das ist vorbei. Als wir mit dem modernen Vorortzug aus dem 35 Kilometer entfernten Kaliningrad am Bahnhof eintreffen, erschlägt uns die Masse an Urlaubern, die bereits jetzt - Anfang Mai - die
Hauptstraße entlangschlendert. All das erinnert ein wenig an das überfüllte litauische Palanga, wo wir 2024 einen Zwischenstopp auf
unserer großen Sommerreise eingelegt hatten.
Fast alle Unterkünfte in der Stadt waren bereits ausgebucht, als ich einige Wochen vor der Fahrt mit der Suche begonnen hatte. Dennoch waren wir im Mini-Hotel "Hoffmanns Residenz" (benannt zu Ehren des in Königsberg geborenen
Romantikers E. T. A. Hoffmann) am Ortsrand noch fündig geworden. Gerade einmal vier, schick eingerichtete, blitzsaubere Studio-Apartments bietet der redselige Hotelchef Alexej seinen Gästen.
Das wundervoll hergerichtete Frühstück serviert er selbst auf dem Zimmer. Alexej ist eigentlich Moskauer, wegen der milderen Winter ist er an die Ostsee gezogen und fühlt sich hier wohl. Seinen
Traum vom eigenen kleinen Hotel verwirklichte er, nachdem er zuvor ein paar Jahre lang in Hessen Erfahrungen im Hotel-Business gesammelt hatte.
Bei der Ankunft lässt der Hotel-Chef sich gleich die Hausordnung unterschreiben. Wichtigste Regel: "Kein Fisch". Was es mit dem auf den ersten Blick kurios klingenden Verbot
auf sich hat, erfahren wir schnell. Neben den obligatorischen Bernstein-Souvenirs wird wirklich überall in dem Städtchen Fisch verkauft. Zwischen dem frisch verarbeitetem Fang aus dem Kurischen
Haff über den Lachs aus Kamtschatka bis zu riesigen geräucherten Tintenfisch-Armen von Weiß-Gott-Woher gibt es nichts, was nicht in Kiosken und an Straßenständen feilgeboten würde. Den
Geruch bekomme er nie mehr aus den Zimmern, argumentiert der Hotelchef.
Die Gastronomie in Swetlogorsk hat sich längst auch auf zahlungskräftige Kundschaft aus Moskau und anderen russischen Metropolen eingestellt. In dem kleinen Städtchen gibt es italienische und
kaukasische Restaurants. Eine besondere Adresse in der Stadt ist das Hotel-Restaurant Hartmann, das vor einigen Jahren unter seinem Vorkriegsnamen wie Phönix aus der Asche wiederauferstanden ist.
Wer hier zum Essen einkehrt, bekommt von den fein gekleideten Kellnern neben den aktuellen Angeboten auch eine Kopie der Speisekarte aus der deutschen Zeit überreicht. Mehr
Nostalgie geht wohl nicht.
Allerdings lässt sich das angenehme Anno-Dazumal Gefühl nicht überall aufrechterhalten: So wurde die einst kaum bebaute Strandpromenade in den vergangenen Jahren Schauplatz
grandioser Tätigkeit - mittlerweile ist nahezu die gesamte Küstenlinie mit Apartmentgebäuden zugeklotzt. Über den Rand des Steilufers ragt eine monströse Fahrstuhlkonstruktion (Einzelfahrt:
stolze 120 Rubel bzw. 1,40 Euro). Zu Swetlogorsk passt das überhaupt nicht.

Das östlich von Swetlogorsk/Rauschen gelegene Seebad Cranz, das heutige Selenogradsk, war zu ostpreußischen Zeiten der zweite wichtige Ferienort an der Samlandküste. Die Stadt hat diese
Bedeutung bis heute behalten. Auch hier finden Besucher eine Mischung aus nicht unbedingt gut gelungenen Neubauprojekten der vergangenen 20 Jahre und Überresten der deutschen
Architektur.
Selenogradsk positioniert sich als "Stadt der Katzen", mit allerlei kitschigen Katzen-Wandgemälden, Denkmälern und einem Katzenmuseun. Selbst die Gullideckel werden hier von Katzen geschmückt,
und natürlich laufen viele Katzen durch die Straßen des Zentrums. Jetzt, Anfang Mai, fallen aber noch mehr die allgegenwärtigen orange-schwarz-gestreiften Banner und Transparente ins Auge, die an
den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg erinnern sollen. Die teils mehrere Meter großen Sankt-Georgs-Bänder sind hier noch zahlreicher als Regenbogensymbolik in der Mainzer
Neustadt.
Statt den Grundschulkindern zuzuschauen, die auf zentralen Platz von Cranz eine patriotische Aufführung zum Siegestag einstudieren sollen, statten wir lieber einem besonders
ausgefallenen Ausstellungszentrum einen Besuch ab: Das grandiose Kaliningrader Müllmuseum
("MuMuKa") zeigt, was Künstler sich alles einfallen lassen, um aus Abfällen Kunstwerke zu machen. Für die größten Exponate gibt es einen Freiluftbereich mit einem aus
Autoteilen zusammengeschraubten "Autosaurus" und einem "indischen Elefanten-Droiden" aus Elektro-Schrott. Alte Kleiderreste, Videokassetten
und selbst leere Cola-Dosen erhalten hier auf oft spektakuläre Weise ebenfalls eine neue Bestimmung. Dazu gibt es für die Besucher Infos zum Thema Ressourcenverbrauch und
Recycling.

Auf der knapp 100 Kilometer langen Kurischen Nehrung waren wir
zuletzt 2024. Damals schauten wir vom heute litauischen Nidden aus mit dem Fernglas über die Grenze nach Süden Richtung Russland. Weil die langgezogene, dünne Landzunge mit ihren Dünen einige
der spektakulärsten Ostseelandschaften bietet, wollen wir ihr erneut einen Besuch abstatten. Auch der russische Teil der Nehrung ist heute Nationalpark, an der einzigen Zufahrtsstraße stehen
Kontrollposten, die eine Art von Öko-Gebühr von allen Fahrzeugen kassieren.
Wenn geplant war, damit die Besucherströme zu regelen, hat es wenig genützt: Die Nehrung ist bereits im Mai ziemlich überlaufen, zumindest die wenigen Punkte, die für
Besucher zugänglich sind. Denn einfach so durch die Dünen zu wandern, ist weder im litauischen, noch im russischen Teil gestattet.
Unser erstes Ziel ist die Epha-Düne, benannt nach dem ostpreußischen Forstbeamten Wilhelm Franz Epha, der im 19. Jahrhundert ein Verfahren entwickelte, um die Wanderdünen durch Anpflanzung
von Kiefern zu zähmen. Von der höchsten Aussichtsplattform reicht der Blick über Sandlandschaften und Wälder vom Kurischen Haff bis zur offenen Ostsee. Und im Norden ist sogar der Lichtturm von
Nida zu erkennen. Noch vor 15 Jahren waren wir problemlos vom russischen in den litauischen Teil der Nehrung gefahren, inzwischen ist er nahezu unerreichbar, seit die Litauer den Grenzübergang
dauerhaft geschlossen haben.
Eine der größten Touristenattraktionen in der russischen Hälfte der Nehrung war damals höchstens Insidern bekannt, inzwischen ist sie völlig überlaufen, obwohl sie weiterhin Rätsel
aufgibt: Im "Tanzenden Wald" nördlich von Rossitten/Rybatschi stehen auf engem Raum inmitten eines normalen Kiefernwaldes zahlreiche eigentümlich verformte und gekrümmte Bäume. Die
Ursache für das Phänomen ist bis heute ungeklärt. Spekuliert wurde bereits über Insektenlarven, besondere Windverhältnisse auf der Nehrung, geheime militärische Übungen mit Chemikalien
oder ungewöhnliche energetische Felder. Die Bereiche mit den "tanzenden Bäumen" sind mittlerweile abgezäunt, damit Touristen nicht auf ihnen herumklettern und sie
beschädigen. Ich weiß nicht, wie es hier einst zuging, aber zwischen zahlreichen Reisegruppen kommt auf den abgezäunten Wanderwegen kaum noch etwas von der einst geheimnisvollen,
mystischen Stimmung durch.

Die Ausflugsbusse mit Touristengruppen sind Fluch und Segen zugleich. Sie ermöglichen es nämlich auch Besuchern ohne eigenes Auto, die gesamte Region zu erkunden. In Swetlogorsk gibt es an jeder
Straßenecke Kioske, die Touren anbieten. Wir nutzen das, um auch einmal ganz weit in der Osten der Kaliningrader Region zu gelangen, ins ehemalige Insterburg.
Das heutige Tschernjachowsk ist mit knapp 40.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt der Exklave - und eine angenehme Überraschung. Im Zentrum sind zahlreiche Straßenzüge aus der
Vorkriegszeit erhalten und in den vergangenen Jahren gründlich saniert worden. Es gibt eine Fußgängerzone, ein Theater, Lokale, mehrere Kirchen. Nur als Ruine ist die
ehemalige Burg des Deutschritter-Ordens erhalten.
Unser Reisebegleiter scheint sich extrem für die regionale Geschichte zu interessieren, jedenfalls spricht er während der ganztägigen Fahrt ohne Pause über alle wesentlichen Ereignisse, die sich seit der Steinzeit in der heutigen Region Kaliningrad ereignet haben - immer mit dem russischen Blick auf die Geschichte, versteht sich. Zum gern gepflegten Narrativ gehört beispielsweise die These, der bis heute in Kaliningrad verehrte Immanuel Kant sei ja eigentlich (auch) ein russischer Philosoph gewesen. Das klingt für deutsche Ohren zunächst absurd, ist aber nicht ganz falsch: Denn im Siebenjährigen Krieg hatte die russische Armee 1758 Ostpreußen erobert, und die Königsberger Honoratioren, darunter Kant, leisteten einen Treueeid auf die russische Zarin Jelisaweta Petrowna. Kant schrieb sogar einen Bettelbrief nach Sankt Petersburg, die Herrscherin möge ihm doch den lange erhofften Lehrstuhl zuweisen. Zumindest bis zum Ende der Besatzungszeit war Kant somit tatsächlich Untertan Russlands.

Noch etwas weiter östlich von Insterburg/Tschernjachowsk in Richtung litauischer Grenze liegt die Kreisstadt Gussjew, das einstige Gumbinnen. Auch eine Stippvisite dort ist Teil unseres langen Ausflugs. Bis 1945 war die Kleinstadt Verwaltungssitz des östlichsten Regierungsbezirks des Deutschen Reichs, der auch Insterburg und Tilsit umfasste.
Das Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete riesige Gebäude der "Neuen Regierung" wurde nach der Jahrtausendwende grundlegend saniert. Es dominiert den heutigen Siegesplatz jedoch nicht mehr allein. An der Ostseite des zentralen Platzes markiert die neu erbaute orthodoxe Allerheiligenkirche mit ihren goldenen Kuppeln und bunten Türmen, dass die deutschen Zeiten vorbei sind.
Auch das kleine provinzielle Zentrum von Gussjew/Gumbinnen macht einen überraschend gepflegten Eindruck. Allzuviel zu sehen gibt es allerdings hier nicht, vielleicht sind wir aber auch zu müde. Immerhin zum Wahrzeichen der Stadt werden wir noch geführt - zum berühmten Elch von Gumbinnen. Ludwig Vordermayers Bronzestatue hatte von einigen Kugeltreffern abgesehen, den Krieg heil überstanden, war jedoch von den sowjetischen Behörden abgebaut und in den Kaliningrader Zoo verbracht worden. Erst Jahrzehnte später nach der politischen Wende kehrte er wieder in seine eigentliche Heimatstadt zurück.

Nach nur fünf Nächten heißt es bereits wieder Abschied nehmen von Ostpreußen. Wieder steigen wir in einen Linienbus Richtung Polen, und wieder läuft die Abfertigung an der leeren Grenze
vergleichsweise schnell. Bei der polnischen Passkontrolle geht es für uns und die anderen Passagiere dann allerdings zunächst nicht mehr weiter: Wegen eines EDV-Ausfalls stellen die
polnischen Grenzer die Arbeit ein. Wir stehen uns die Beine in den Bauch, zwischen allerlei Plakaten, die vor Menschenhandel und russischen Geheimdiensten warnen. Insgesamt ist der
Grenzübertritt erneut nach zwei Stunden ohne größere weitere Zwischenfälle erledigt.
Einen Höhepunkt haben wir uns aber noch für die Rückfahrt aufgespart: Wir verlassen den Bus, der nach Danzig fährt, auf halber Strecke in Elbing/Elbląg und fahren weiter mit der Regionalbahn zur
nahe gelegenen Marienburg in der gleichnamigen Stadt. Während über dem östlichen Polen ein stundenlanger Dauerregen losbricht, wollen wir eine der größten Attraktionen Polens
besichtigen.
Marienburg war einst Sitz des Deutschritter-Ordens, der mit Waffengewalt die heidnischen Völker des Baltikums zum Christentum bekehren sollte und damit faktisch Hauptstadt eines Staates,
der neben Ostpreußen auch weite Teile der heutigen Balten-Republiken Litauen, Lettland und Estland umfasste. Die Burg, genau genommen handelt es sich um drei Burgen, gilt als größter
Backsteinbau der Welt. Sie ist so groß, dass man hier problemlos den ganzen Tag verbringen kann. Selbst ein Express-Rundgang mit Audioguide dauert noch rund drei Stunden ohne größere
Verschnaufpausen. Am Ende des Rundgangs wissen wir allerlei über das Leben der bewaffneten Mönche und die mittelalterliche Geschichte, fühlen uns aber auch komplett erschöpft. Den Plan, vom
anderen Ufer des Nogat-Flusses auch das prächtige Panorama der gigantischen Burganlage zu genießen, müssen wir wegen des schlechten Wetters begraben.
Stattdessen machen wir uns auf nach Danzig. Dort reicht die Zeit für ein weiteres Essen im Pierogi- und Bigos-Lokal im Zentrum, bevor unsere letzte Reiseetappe weitergeht. Statt hier zu
übernachten und am kommenden Morgen mit dem Eurocity-Zug nach Berlin und von dort ins Rhein-Main-Gebiet weiterzureisen, nehmen wir den Nachtzug nach Prag, an den auch ein komfortabler Schlafwagen
angehängt ist. Morgens reicht die Zeit für ein im Preis inbegriffenes Frühstück. Auf den eigentlich noch geplanten Stadtbummel durch die tschechische Hauptstadt verzichten wir kurzerhand und
fahren stattdessen gleich weiter nach Bayern, von wo es nach kurzem Bratwurst-Stopp in Nürnberg nicht mehr weit bis nach Hause ist.
Rhein-Wolga-Kanal (Dienstag, 23 Juni 2026 10:49)
Lieber Wolfgang, vielen Dank für das nette Feedback!
Wolfgang Hantel (Sonntag, 21 Juni 2026 11:31)
Hallo lieber Karsten, ein wunderbarer Reisebericht meiner alten Heimat. Viele der ostpreussischen Stationen habe ich auch besucht. Es ist irre wie Du jeweils auch viele historische Hintergründe dabei erlesen / notiert
und wiedergegeben hast. Toll, so bekomme ich auch Manches anschaulich in Erinnerung gerufen.
Danke Wolfgang