Russlands Krieg, Russlands Helden

"Schande den Besatzern" und "Für eure und unsere Freiheit!" war auf den Plakaten zu lesen, die fünf Männer und drei Frauen auf dem Roten Platz in Moskau ausgerollt hatten. Nur wenige Minuten dauerte die Protestaktion im Herzen der Großmacht, dann wurden die Protestierer überwältigt. Einem der Männer schlugen die Sicherheitskräfte bei der Festnahme die Vorderzähne aus. Ohne die geringste Aussicht, das Weltgeschehen zu beeinflussen, hatte ein kleines Häufchen Aufrechter sich der allmächtigen Staatsmacht entgegengestellt. Die Geschichte ereignete sich bereits vor über 50 Jahren - am 25. August 1968, kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine klingt sie aktuell wie nie.

Seit ich zum ersten Mal von der "Demonstration der Sieben" gehört hatte (die achte Teilnehmerin konnte damals nach Rücksprache mit den anderen glaubhaft machen, sie sei nur zufällig vor Ort gewesen), hat mich die Geschichte nicht mehr losgelassen. Konstantin Babizki, Tatjana Bajewa, Larissa Bogoras, Natalja Gorbanewskaja, Wadim Delone, Wladimir Dremljuga, Pawel Litwinow und Viktor Fainberg waren für mich Helden. Sie hatten nicht den Hauch einer Chance, dass sich etwas am Vorgehen der gigantischen Staatsmaschinerie ändern würde. Harte Strafen und das Ende ihrer Karrieren waren ihnen hingegen garantiert. Und trotzdem hatten sie sich nach der gewaltsamen Unterdrückung des tschechoslowakischen Reformkurses zu der Verzweiflungstat entschlossen, während in der restlichen riesigen Sowjetunion Grabesstille herrschte. Was, wenn nicht das ist eine Heldentat.

Über die tatsächliche Stimmung in Russland nach Beginn der Ukraine-Invasion gibt es bislang keine verlässlichen Daten, weshalb jede Einschätzung - selbstverständlich auch die in diesem Blog - mit Vorsicht zu genießen ist (Siehe meine Handreichung "Lügen und Wahrheit im Krieg - wem darf man noch glauben). Selbst die Wahrnehmungen erfahrener Russland-Kenner widersprechen sich komplett. ARD-Korrespondent Demian von Osten schreibt auf Twitter, er sei erschüttert, wie gut es der Führung gelinge, die Bevölkerung hinter sich zu versammeln. Jens Siegert (ehemals Heinrich-Böll-Stiftung) kommt in Moskau für Zeit.de zu dem gegenteiligen Ergebnis: Von Euphorie sei im Land nichts zu spüren.


In den Jahren vor Beginn der von Präsident Putin befohlenen "militärischen Spezialoperation" in der Ukraine gab es in Russland eine, von manchen Lichtblicken unterbrochene langsame Bewegung hin zu einem immer autoritärer ausgeprägten Staat. Seit dem Beginn des Krieges rast das Land im Eiltempo in Richtung finsterste Diktatur. Den Krieg auch nur Krieg zu nennen, steht mittlerweile unter Strafe. "Falschmeldungen" über den Truppeneinsatz in dem Nachbarland werden mit harten Geldstrafen, Ordnungshaft oder im Wiederholungsfall mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft. Die entsprechende Gesetzesinitiative wurde innerhalb eines Tages durch alle politischen Gremien gepeitscht. Vor diesem Hintergrund ist das Ausmaß des Widerstandes bemerkenswert.

 

Keine Leibwache bewahrt vor dem Jüngsten Gericht

Nicht mehr acht Verzweifelte gehen auf die Straße - sondern Tausende. Allein für den 6. März meldet sogar die staatliche Nachrichtenagentur Tass landesweit 3.500 Festnahmen. Und die Kritik kommt dieses Mal nicht nur von denen, die ohnehin in scharfer Opposition zum System Putin stehen, also aus den Reihen der zahlenmäßig kleinen prowestlich-liberal orientierten Kräfte. 


Dieses Mal wagen auch bislang unpolitische Schlagersänger und Schauspieler Widerspruch, die von den Auftritten in den Shows des Staatsfernsehens leben. Dieses Mal erschien die völlig unpolitische. landesweit größte Sportzeitung "Sowjetski Sport" mit einer schwarzen Titelseite, auf der lediglich die Worte "Keine Lust auf Fußball" standen. In einem offenen Brief fordern bereits über 280 Priester und Mönche der eigentlich staatsnahen russisch-orthodoxen Kirche einen Stopp des Krieges. Sie appellieren, die Ukraine müsse "ohne Druck aus dem Osten oder Westen" über ihren Weg allein entscheiden, und verurteilen die Repressalien gegen Friedensdemonstranten in Russland als unchristlich. "Das jüngste Gericht steht jedem Menschen bevor", warnen die Kirchenmänner. "Keine irdische Macht, keine Ärzte und keine Leibwache können vor diesem Gericht bewahren." Es gibt etliche Petitionen gegen den Krieg, die massenhaft mitgezeichnet werden - auch aus Kreisen, die bislang nicht generell in Opposition zum System standen, etwa von Absolventen, Mitarbeitern und Studenten führender Hochschulen (Bericht Doxa, Russisch). Von den Wirtschaftsbossen, die um ihre Pfründe fürchten und sich für ein Ende des Krieges aussprechen, will ich gar nicht erst reden.

Zahlenmäßig ist das alles noch immer kein Vergleich zu den Massenkundgebungen in den Städten Westeuropas. Aber in Deutschland und anderswo sind Solidaritätsbekundungen kostenlos, in Russland kann das "Zeichensetzen" leider mindestens die Karriere ruinieren.

 

Es stimmt, dass Putin weiterhin die Unterstützung eines Teils der Bevölkerung hat, der ihm und seinen Militärs glaubt, es gehe um den Kampf gegen ukrainische Nazis, bei dem ausschließlich militärische Ziele angegriffen würden. Allerdings kenne ich in meinem wirklich breiten russischen Bekanntenkreis niemanden, der den Angriff auf die Ukraine offen unterstützt. Überall herrschen Entsetzen und Verzweiflung.

 

Das Narrativ vom Brudervolk

Das liegt in meinen Augen vor allem daran, dass das Narrativ der russischen Führung in einem entscheidenden Punkt eben nicht falsch ist: Russland und die Ukraine sind nicht einfach zwei Nachbarstaaten. Die in Jahrhunderten gewachsenen Verbindungen zwischen Russen und Ukrainern sind enger als die zwischen anderen Völkern Europas. Praktisch jeder Russe hat ukrainische Verwandte, Bekannte oder Kollegen. Mehrere Millionen Ukrainer leben in Russland, mehrere Millionen Russen in der Ukraine. Es gibt unzählige gemischte Ehen. Im Übrigen ist Russisch noch immer die Alltagssprache eines großen Teils der Ukrainerinnen und Ukrainer, vor allem im Osten und Süden. Selbst unzählige ukrainische Patrioten denken, träumen und fluchen auf Russisch. Das heftig umkämpfte Charkow/Charkiw ist fast komplett russischsprachig. Die russischen Bomben und Raketen auf die Ukraine werden, selbst wenn sie sich noch nicht überall herumgesprochen haben sollten, auf die Russen ganz anders wirken als etwa amerikanische Bomben und Raketen auf ferne, fremde Länder.

Andererseits ist tatsächlich nicht auszuschließen, dass die historisch ziemlich einmaligen westlichen Sanktionen zusammen mit totaler Informationskontrolle irgendwann doch noch eine Art Wagenburg-Mentalität heraufbeschwören. Schon jetzt fragen sich Menschen in Russland, ob es gerecht ist, dass sie keine lebensnotwendigen Medikamente mehr kaufen und aufgrund der gekappten Verkehrswege das Land nicht mehr verlassen können. "Ihr im Westen glaubt wohl, dass Putin noch mit Lego spielt", kommentierte eine liebe Freundin sarkastisch die Meldung, dass auch die Lieferungen der dänischen Bauklötzchen eingestellt wurden. Wem die Menschen dafür die Schuld geben werden, ist zumindest noch nicht geklärt.

 

Sich fernhalten von der Niederträchtigkeit

In den Jahren seiner langen Herrschaft hatte Wladimir Putin oft ein gutes Gespür für die Stimmung in der russischen Bevölkerung, die er bei politischen Grundsatzentscheidungen durchaus berücksichtigte. Jetzt scheint ihm die Stimmung im Land genauso egal zu sein wie die Folgen der zerstörerischen Sanktionen. Das lässt leider nichts Gutes hoffen, nicht für die Ukraine, nicht für Russland, nicht für die Welt. Dass der Unmut vieler zu einem Umdenken der Führung, gar zu einer Palastrevolte oder einem Umsturz führt, ist dennoch absolut unwahrscheinlich. Die Entscheidungen der zurückliegenden Tage sind eindeutig - noch mehr Repressionen werden die Antwort sein. 

  

Viele talentierte Menschen überlegen jetzt, Russland zu verlassen oder haben es bereits getan. Denen die bleiben, wird die Luft zum freien Atmen immer knapper. Aber natürlich werden die meisten sich mit der Situation irgendwie arrangieren, denn sie müssen sich um ihre Kinder oder andere Angehörige kümmern und sind keine geborenen Dissidenten. Der russisch-abchasische Dichter Fasil Iskander hat einmal gut ausgedrückt, welche Maxime für das Leben unter solchen Verhältnissen gelten sollte: "Ein Mensch hat anständig zu bleiben. Und das ist unter beliebigen Bedingungen und unter jeder beliebigen Staatsmacht leistbar. Anständigkeit bedeutet nicht Heldentum, sondern, sich nicht an der Niederträchtigkeit zu beteiligen." Der Spruch gilt, nebenbei bemerkt, auch für die Menschen im Westen des Kontinents.

 


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