Das nördliche Ostpreußen, die 1945 verlorene Heimat vieler deutscher Kriegsflüchtlinge, war über Jahrzehnte lang unzugängliches sowjetisches Sperrgebiet. Es wirkt paradox, aber das Gebiet Kaliningrad in seiner ungemütlichen Insellage umgeben von Nato-Ländern pflegt heute die Spuren der deutschen Vergangenheit und alte ostpreußische Traditionen mehr denn je. Unternehmer, Behörden und Bürger haben entdeckt, dass man mit dem Image bei Touristen aus dem russischen Mutterland punkten kann. Auch für Reisende aus dem Westen bleibt eine Fahrt in die Ostsee-Exklave ein Treffen mit der deutschen Geschichte. Zu sehen gibt es erstaunlich viel, und die Landschaften der Region bleiben zeitlos schön, egal, welche Mächte das Land regieren.

Nach dem Verbot direkter Linienflüge und aller Zugverbindungen zwischen den EU-Staaten und Russland blieb Estland lange eine bevorzugte Transitroute für Westeuropäer, die weiterhin zwischen Ost und West unterwegs waren. Doch das ist vorbei. Der einst beliebte Grenzübergang Narva-Iwangorod an der (unterbrochenen) Fernstraße von St. Petersburg nach Tallinn wird zum kaum durchlässigen Nadelöhr. Bereits 2024 hatten die estnischen Behörden angeordnet, dass der Fußgängerübergang, den täglich hunderte Menschen passierten, nachts geschlossen würde. Seither müssen regelmäßig unzählige Reisende die Nacht unter freiem Himmel verbringen - nicht nur im Sommer, wenn die Wartezeiten auf die Abfertigung ohnehin oft zehn Stunden betragen. Nun wurden neue Schikanen angekündigt.
Kriegstreiber und Kriegsertüchtiger beherrschen den öffentlichen Diskurs in West und Ost. Darauf zu hoffen, dass ihr Denken und Handeln eine Antwort auf die gewaltigen Krisen und Herausforderungen der Welt geben könnten, ist naiv und gefährlich. Diesen Kräften zu widersprechen, scheint deshalb wichtiger denn je. Für den Essay-Band "Kriegsuntüchtigkeit als Chance" hat Herausgeber Hermann Theisen Texte zahlreicher Autorinnen und Autoren gesammelt, die glauben, dass kein Krieg gerechtfertigt ist. Zu dem im März 2026 erschienen Buch konnte ich die folgenden Zeilen beisteuern. Ich glaube: Man kann sich dem fürchterlichen Zeitgeist sehr wohl verweigern ...
Das Jahr 2026 beginnt im europäischen Russland mit beißendem Frost und Rekordmengen an Schnee - selbst die in Winter-Angelegenheiten erfahrenen Russen kommen da teils an ihre Grenzen: Flughäfen stellen vorübergehend den Verkehr ein, Straßen sind blockiert, und sogar die gewöhnlich absolut zuverlässige Russische Eisenbahn gerät aus dem Takt. Aus familiären Gründen müssen wir gleich zum Jahresanfang nach Osten reisen, packen noch mehr warme Unterwäsche ein als gewöhnlich und hoffen ansonsten, dass alles wieder irgendwie gut gehen würde. Dieses Mal wähle ich für Hin- und Rückweg eine Route über den Kaukasus. Die Reise wird (trotz zahlreicher Etappen im Flugzeug) zu einer Art Roadtrip durch vier Länder.
Es wäre eine kleine Sensation gewesen: Nach über zehn Jahren Unterbrechung sollte Ende 2025 am Schwarzen Meer wieder eine reguläre Fährverbindung zwischen dem russischen Sotschi und dem türkischen Trabzon in Betrieb genommen werden. Zwar hatten Coronavirus-Krise und Ukraine-Krieg den Start der neuen Verbindung Jahr um Jahr verzögert, doch bereits im November sollte es dann endlich losgehen: Die "Seabridge", eine Autofähre der Reederei Liderline, nahm von Trabzon aus Kurs auf Russland (Bericht z.B. Hürriyet, Englisch). Das Problem: In Sotschi kam das Schiff nie an. Die Premiere geriet zu einem kompletten Desaster.
Der von US-Präsident Trump vorgelegte Entwurf für eine Beendigung des Ukraine-Krieges bringt endlich Bewegung in den hoffnungslos festgefahrenen Konflikt. Er hat EU-Europa (angeblich) komplett überrascht, dort wurde der 28-Punkte-Plan (aufgelistet z.B. beim Standard) von Politik und Leitmedien dementsprechend als ungerecht und als faktische Kapitulation der Ukraine gewertet. Sollte das Blutvergießen in der Ukraine tatsächlich auf der Grundlage dieses Plans beendet werden, hätte der "Westen" nur wenige Jahre nach dem fluchtartigen Abzug aus Afghanistan ein weiteres, noch viel verheerenderes militärisch-politisches Debakel erlitten.
Russland würde, so sieht es aus, wesentliche Ziele seines Feldzugs erreichen - allerdings nicht alle.
Die EU hat den neuen Eisernen Vorhang noch ein wenig undurchdringlicher gemacht. Im Rahmen ihres 19. antirussischen Sanktionspakets ist es nun ausdrücklich verboten, Dienstleistungen zu erbringen, die "in direktem Zusammenhang mit touristischen Aktivitäten in Russland" stehen (S. Beschluss des EU-Rats, deutsch). Die Maßnahmen, die ein wenig an die Restriktionen der untergegangenen DDR erinnern, sollen EU-Bürger von "nicht unbedingt notwendigen" Reisen nach Russland abhalten. Außerdem wird das Verbot mit einem angeblichen "erhöhten Risiko willkürlicher Festnahmen und Inhaftierungen" begründet. Das ist zunächst eine schlechte Nachricht, aber es gibt auch eine gute.
Als die EU-Staaten 2022 ihre historisch einmaligen Sanktionen gegen Russland verhängten,
schränkten sie auch die Reisemöglichkeiten zwischen Westeuropa und dem größten Land der Erde drastisch ein. Jede Flugreise nach Russland führt seither zwingend über einen Nicht-EU-Staat. Unter den verbliebenen Varianten wurde die Route über Istanbul seither die populärste. Zahlreiche türkische, russische und westliche Airlines fliegen die beiden Großflughäfen der 15-Millionen-Einwohner-Metropole an. Abertausende von Transitpassagieren steigen hier um. Dabei gilt: Wer es nicht übermäßig eilig hat, sollte nicht einfach bloß von einem Flieger zum nächsten hetzen. Istanbul ist definitiv eine der großartigsten Weltstädte und viel zu schade zum Vorbeifliegen.

Sogar für die Frankfurter Allgemeine Zeitung waren die technischen Probleme eines Charterjets mit der EU-Kommissionspräsidentin an Bord das wichtigste Thema des Tages: "Russischer Störangriff auf Flugzeug von der Leyens vermutet", titelte das Blatt Anfang September. Der Fall ist leider typisch für die Berichterstattung deutscher Medien. Wenn es um Russland geht, werden die Handwerksregeln des Journalismus auch von eigentlich seriösen Redaktionen regelmäßig zur Seite gelegt. Geraune ersetzt seriöse Recherche. Vermutungen werden solange wiederholt, bis man sie zu Fakten verklären kann. Journalisten kleben dubiosen Pseudo-Experten an den Lippen. In Zeiten, in denen in Europa ein Krieg tobt, ist das besonders gefährlich.
Die russische Billig-Fluggesellschaft Pobeda ist berüchtigt für ihren Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, Passagieren zusätzlich zum eigentlich Ticketpreis weitere Gebühren aus der Tasche zu ziehen. Doch nun hat es die Aeroflot-Tochter wohl selbst für ihre Verhältnisse mal wieder übertrieben: Ein Moskauer Gericht verwarf die Handgepäck-Regeln der Airline als rechtswidrig (s. z.B. Meldung RBK, Russisch). Pobeda hatte zuvor das zulässige Format für kostenlos beförderte Gegenstände auf 4×36×30 Zentimeter beschränkt. Damit war die gebührenfreie Mitnahme irgendwelcher Habseligkeiten faktisch unmöglich geworden.

Auf den ersten Blick sind es Elemente, die kaum zusammen passen: Die biblische Jesus-Geschichte aus der Sicht des römischen Statthalters Pontius Pilatus, die tragische Liebe eines in den Wahnsinn getriebenen Schriftstellers zu seiner Muse und der Besuch des Teufels in der Sowjetunion. Und dennoch hat der russische Schriftsteller Michail Bulgakow (1891-1940) genau damit das erzählerische Fundament für einen der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts gelegt. Die atemberaubende Entstehungsgeschichte des Textes, der erst 30 Jahre nach dem Tod des Autors veröffentlicht wurde, hat nicht wenig zu seinem Kultstatus beigetragen. Die aufwendig produzierte Verfilmung unter der Regie von Michael Lockshin wurde 2024 in Russland zum Kassenschlager und schaffte es ein Jahr später auch in die deutschen Kinos.
Millionen Menschenleben, ein verwüsteter Kontinent, ganze Völker traumatisiert - vor 80 Jahren, am 8. und 9. Mai, konnten die Alliierten dem von Deutschen entfachten Zweiten Weltkrieg an den europäischen Fronten ein Ende setzen. In der Sowjetunion hatten die Deutschen in ihrem Rassenwahn besonders barbarisch gewütet. Wohl über 27 Millionen Kriegstote zählte das Land. Der Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, wie der Zweite Weltkrieg in der Ex-UdSSR genannt wird, blieb in den meisten Nachfolgestaaten einer der wichtigsten Feiertage. 80 Jahre später zeigen Europas Staatenlenker, dass sie aus der Geschichte eben doch nicht so viel gelernt haben. Das Gedenken an das Kriegsende wird mancherorts zur peinlichen Scharade.