Altes Feindbild, neuer Hass?

Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges machten sich viele Russen und russischsprachige Menschen in Deutschland Sorgen vor Anfeindungen. Taugt "der Russe" wieder als Feindbild? Und müssen Menschen mit russischen Wurzeln sich jetzt bei jeder Gelegenheit von dem Feldherrn Putin distanzieren, um nicht sozial geächtet zu werden? Die Angst, dass der russische Angriff auf die Ukraine vielleicht sogar zur Gefahr für den sozialen Frieden in Deutschland wird, ist nicht ganz unbegründet. Immerhin leben hierzulande über zwei Millionen Menschen mit Wurzeln in der Ex-Sowjetunion. Aus der Politik wird inzwischen regelmäßig gemahnt, russischsprachige Mitbürger in Frieden zu lassen. Aber wie schlimm ist es wirklich? Ich will versuchen, eine Antwort zu geben. 

In den vergangenen Wochen bin ich häufiger danach gefragt worden, ob unsere Familie wegen des Krieges jetzt Ausgrenzung oder Ablehnung erlebt habe. Zunächst also einmal das Wesentliche. Die Antwort lautet: Nein. 

 

Niemand hat uns die Freundschaft aufgekündigt, niemand in der Schule hat unseren Sohn gemobbt, niemand hat uns angepöbelt, wenn wir in der S-Bahn oder im Lokal wie bisher auch selbstverständlich Russisch sprechen. Eher erleben wir gerade vielfach das Gegenteil - ungeahnte, um nicht zu sagen unverdiente Empathie. Kürzlich etwa klingelte eine liebe Bekannte an der Haustür, überreichte meiner überraschten Frau einen Blumentopf und sagte sinngemäß, sie solle ja nicht glauben, die Leute wollten nun nichts mehr mit normalen Russen zu tun haben. Eine kleine Umfrage im russischsprachigen Bekanntenkreis ergab ganz ähnliche Erfahrungen und Erlebnisse.

Gegenüber Migranten aus der islamischen Welt, die seit Jahren im Alltag immer wieder Zielscheibe von Hass und Ablehnung werden, haben russischsprachige Zuwanderer einen entscheidenden Vorteil: Sie fallen im Straßenbild nicht auf. 
Und man darf getrost vermuten, dass mancher russophobe Rassist zwar vielleicht gerne auch einmal ein paar Russen anpöbeln würde, dass diesen Leuten aber in der Regel das Wissen fehlt, ob jemand auf der Straße gerade auf Russisch, Polnisch oder Bulgarisch telefoniert. Das Risiko, im Alltag zufällig Opfer von Anfeindungen durch Unbekannte zu werden, dürfte sich deshalb in überschaubaren Grenzen halten. 


Der Kulturjournalist Andreas Pecht ging vor einigen Tagen der Frage nach, ob nach dem russischen Überfall auf die Ukraine Orchester und Theater in Deutschland systematisch Werke russischer Komponisten und Dramatiker aus ihren Programmen verbannt haben, wie zuweilen zu lesen war.
 Er kommt zu dem Ergebnis (Facebook-Eintrag): "Es mag hier oder dort einen russophoben Einzelfall geben. Mir jedoch ist keiner begegnet. Eine allgemeine Tendenz, gar eine Welle, in Deutschland Werke russischer Komponisten aus den Konzertprogrammen zu nehmen, ist jedenfalls NICHT feststellbar." Tatsächlich habe es bei Konzerten viele Programmänderungen gegeben habe und Werke ukrainischer Komponisten seien zusätzlich in die Programme aufgenommen wurden. Mancherorts seien auch "martialische" Stücke russischer Komponisten durch andere Werke derselben Verfasser ersetzt worden. An den abgefragten Theatern sei es zu keinen Streichungen gekommen.

Die Schriftstellervereinigung PEN hatte schon Anfang März Forderungen nach einem pauschalen Boykott russischer Literatur eine klare Absage erteilt (z.B. RND-Bericht). PEN-Präsident Deniz Yücel, der leider auch mit einigen deutlich weniger klugen Bemerkungen zum Ukraine-Krieg an die Öffentlichkeit ging, prägte in diesem Zusammenhang das Bonmot: "Der Feind heißt Putin, nicht Puschkin."


Wer staatliche russische Medien konsumiert, könnte zu dem Ergebnis kommen, die Situation sei grundsätzlich anders. "Russischsprachige Menschen in Deutschland klagen massenhaft über Feindseligkeit und Diskriminierungen", schrieb etwa die Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta in einem mit einer Reihe konkreter Vorwürfe gespickten Bericht (Russisch)Die russische Botschaft in Berlin hat eine Hotline eingerichtet, über die Landsleute Zwischenfälle melden sollen und veröffentlicht regelmäßig Listen davon. "Alle im Westen, die sich über die Diskriminierung von Russen freuen, müssen verstehen: Das ist ein Geschenk für die russische Propaganda-Maschine", warnte die Moskauer Journalistin Jelena Tschernenko schon Anfang März.

Vor dem Hintergrund der allgemeinen proukrainischen Stimmung hat es in Deutschland seit dem Kriegsbeginn tatsächlich eine ganze Reihe sehr hässlicher antirussischer Vorkommnisse gegeben. Beispielsweise Vandalismus an Filialen der auf osteuropäische und russische Lebensmittel spezialisierten Einzelhandelskette "Mix Markt" (z.B. Bericht bei inFranken). Auch an Schulen gab es Mobbing von Kindern, sogar bei uns ganz in der Nähe. Über einen besonders absurden Fall antirussischer Ressentiments habe ich selbst etwas ausführlicher berichtet: Der im März in Rheinland-Pfalz gastierende "Moskauer Circus" wurde wegen seines Namens angefeindet - und das, obwohl die Direktorin und die Hälfte der Zirkus-Crew aus der Ukraine stammen.

 

Allerdings - und das ist entscheidend - stoßen alle diese durchaus realen Zwischenfälle bislang auf ein einhellig negatives Echo von Politikern jeglicher Couleur und der Gesellschaft insgesamt. Da gab es beispielsweise das Gasthaus Traube im badischen Bietigheim, das gleich nach Kriegsbeginn allen Russinnen und Russen ein pauschales Hausverbot erteilt hatte, um "ein Zeichen zu setzen". Der Shitstorm gegen diese rassistische Idiotie war so fatal, dass das Lokal wohl noch lange braucht, um seinen Ruf wieder herzustellen. Der Wirt sprach später immerhin vom "dümmsten Fehler meines Lebens" (Bericht Badische Neueste Nachrichten).

 

Mit Ausnahme des dubiosen ukrainischen Botschafters in Berlin, Andrij Melnyk, gibt es hierzulande nach meiner Kenntnis bislang niemanden von Rang und Namen, der einer pauschalen Ausgrenzung von Russinnen und Russen mit öffentlichen Äußerungen Vorschub leistet. Was für ein krasser Unterschied ist das nebenbei bemerkt im Vergleich zu den Anfeindungen, denen Russinnen und Russen in Russland ausgesetzt sind, wenn sie den Angriffskrieg ihrer Staatsführung verurteilen. Kriegsgegner werden ebenso hemmungslos wie pausenlos in den außer Rand und Band geratenen Staatsmedien und mittlerweile auch von Putin persönlich als Vaterlandsverräter und Volksfeinde beschimpft. 


Wie also könnte ein Fazit lauten? Vielleicht so: Ja, es gibt besorgniserregende Fälle antirussischer Anfeindungen in Deutschland. Dass sie massenhaften Charakter angenommen haben, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher zweifelhaft. Insgesamt kommen die Deutschen zumindest derzeit noch recht gut damit klar, "ihre" Russen vor rassistischer Ausgrenzung zu schützen. Ganz ohne Beschwerde-Hotline zu Russlands Diplomaten. Ob das dauerhaft so bleibt, wenn Social Media und Fernsehen weiterhin Aufnahmen russischer Kriegsverbrechen aus der Ukraine und von den Pro-Putin-Solidarittäsdemos verblendeter Emigranten mit "Vorwärts Russland"-Rufen aus deutschen Städten in die Wohnzimmer der Nation liefern, wage ich nicht vorherzusagen.


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