Embedded in der Kalmücken-Steppe

Elista 2003 Hotel Kalmückien
Elista im Jahr 2003 - Hotelzimmer nur nach Armee-Einsatz erhältlich

In der russischen Provinz spontan ein Hotelzimmer zu ergattern, konnte noch vor 15 Jahren ein echtes Problem darstellen. Aber zum Glück gab es ja noch das Militär, das ausländischen Reportern bei Bedarf gerne und auf unkonventionelle Weise behilflich war...

 

Elista (September 2003). Eine leere dunkle Hauptstraße, kaum Straßenlaternen, keine Menschen zu sehen. Das war also Elista, die Hauptstadt der wunderlichen russischen Teilrepublik Kalmückien. Zentrum der russischen Buddhisten. Austragungsort der Schachweltmeisterschaft. Aber um halb fünf Uhr morgens doch auf den ersten Blick nur ein dunkles Provinzkaff 1600 Kilometer weg von der warmen Moskauer Wohnung.

 

Der Nachtbus aus Rostow hatte direkt vor dem einzigen Hotel der Stadt gestoppt und fuhr gleich weiter, als wir unsere Taschen ausgeladen hatten. Außer mir war noch eine junge Frau in Tarnkleidung ausgestiegen, offenbar eine Militärangehörige. Beide liefen wir hinüber zur verriegelten Tür des Hotels und klopften. Der Portier, ein alter Kalmücke, machte nur einen kleinen Schlitz weit auf. "Alles belegt", schnarrte er kurz angebunden und schlug die Tür wieder zu, ehe wir noch viel hätten sagen können.

 

"Unverschämtheit", murmelte die Frau, dann sagte sie zu mir gewandt. "Gestatten, Irina, Staatsanwältin der Militärstaatsanwaltschaft aus Rostow. Ich werde jetzt Hotelzimmer für uns beide organisieren. Komm mit, wir gehen zum Wehrbereichskommando." Zu zweit liefen wir dann die dunkle Straße hinunter.

 

Tee und Kekse um sechs Uhr morgens

 

Vor der Armeezentrale schoben zwei junge Rekruten Wache. Sie zuckten zusammen, als meine neue Bekannte am Tor rüttelte. "Ich will sofort den Kommandeur sprechen", rief sie, nannte Namen und Dienstgrad. Ehe ich noch überlegen konnte, ob ich mich nicht spätestens jetzt besser verabschieden sollte, wurden wir ohne weitere Fragen hereingelassen, man setzte uns in einen Warteraum, servierte Tee mit Keksen und versprach, umgehend den Kommandeur der kalmückischen Wehrverwaltung aufzuwecken.

 

Stupa Elista 2003 Kalmückien
Eigentlich ging es bei der Reise um Buddhismus, nicht um Militär

Inzwischen erklärte mir die junge Staatsanwältin den Grund ihrer Reise. Sie war die Anklägerin im Prozess gegen einen jungen Soldaten aus einem Dorf in der kalmückischen Steppe. Der hatte in Tschetschenien mit einem Laster mehrere Kinder überfahren. Natürlich sei er völlig unschuldig, versicherte Irina, denn die Tschetschenen würden immer wieder absichtlich Kinder vor russische Militärfahrzeuge stoßen, erklärte sie allen Ernstes. Aber einen Prozess müsse es eben geben, so sei das Gesetz. Deshalb sei sie auf dem Weg in eine Kreisstadt im Süden von Kalmückien.

 

Wenn der Kommandeur das Hotel anrufe, würden die Leute dort sofort die Hacken zusammenschlagen und ein freies Zimmer finden, war sie sicher. Auch mir wolle sie helfen, versprach die Staatsanwältin. Sie würde einfach sagen, ich sei vom Moskauer Verteidigungsministerium mitgeschickt worden, um über die Rechtsprechung beim Militär und über den Prozess zu berichten. Ihr offizieller Begleiter sozusagen.

 

Die Legende wird zum Problem

 

So wurde ich dann auch dem kalmückischen Bereichskommandeur vorgestellt, einem freundlichen, rundlichen Mann mit tadellos sitzender Uniform, der etwas verunsichert wirkte, weil um sechs Uhr morgens plötzlich eine Staatsanwältin und ein ausländischer Korrespondent in seinem Büro saßen. Er ließ uns weiter bewirten, zeigte uns schließlich sogar ein paar Bilder seiner Kinder und ging dann, um sich um das Hotelzimmer zu kümmern. "Vor irgendwas hat der Angst", meinte Irina mit Kennerblick.

 

Der Oberst wurde nun immer zuvorkommender. Keineswegs dürften wir mit dem Bus rausfahren zum Gericht nach Prijutnoje. Er würde uns gleich seinen persönlichen Dienstwagen, Marke "Wolga", mit Chauffeur überlassen. Und, ach ja, zwei Einzelzimmer im Hotel seien auch gerade freigeworden, wenn wir nach dem Prozess zurückkehren. Irina hatte meinen entsetzten Blick sofort durchschaut. "Entschuldigung, aber jetzt musst du die Rolle wohl noch ein Weilchen mitspielen", flüsterte sie. Ohne es zu wollen, war ich "embedded journalist" der russischen Streitkräfte geworden.

 

Direkt vom Gelände der Wehrverwaltung starteten wir zu dieser für mich unerwarteten und vor allem ungeplanten Reise. Mit Karacho donnerte der schwarze Dienstwagen mit Armeekennzeichen durch die baumlose, leicht hügelige Steppe. Wir stoppten vor dem örtlichen Kreiswehrersatzamt, wo Irina ihr Vorgehen bei dem Prozess noch einmal besprechen wollte. Ich blickte vom Fenster auf die Dorfstraße, die einstöckigen Steinhäuser mit Wellblechdächern, die grasenden Kühe und blätterte in den im Flur ausgelegten Exemplaren der Armeezeitung "Roter Stern".  

 

Eine halbe Stunde später kam meine Staatsanwältin zornig aus dem Büro. Alles sei umsonst gewesen, die Richterin sei krank geworden, der Prozess vertagt, schimpfte sie. Wir sprangen wieder in das Dienstauto und ließen uns in die Hauptstadt zurückfahren. Mit einer so schnellen Erlösung hatte ich gar nicht mehr gerechnet. Wie das Verfahren später endete, habe ich nie erfahren. Schon möglich, dass auch die Richter fanden, Tschetschenen würden ihre Kinder den Russen vor die Autos schmeißen. (kp)

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