Die lieben Obstverkäuferinnen

Markt Russland Obst
Obst ist keine Mangelware mehr in Russland

Kaum ein Bereich des Alltags in Russland hat sich in den vergangenen Jahren so verändert wie das Einkaufen. Zum Glück, muss man sagen. Auch, wenn manche Begebenheiten durchaus amüsant waren...

 

Moskau (Oktober 1995/Oktober 2006). Der Schneematsch reichte bis zu den Knöcheln. Eine riesige Menschenmenge quälte sich mit schweren Einkaufstaschen durch das Labyrinth aus Blech-Containern und alten Lastwagen, von deren Ladeflächen irgendwelche Waren verkauft wurden. "Großmarkt" nannten sich die apokalyptischen Handelsplätze an den Stadträndern von Moskau, aber hier kauften keine Großhändler ein, sondern das einfache Volk. 

Auf diesen wilden Märkten gab es in den langen Reihen der Händler und ihrer Buden alles: steifgefrorene Fische aus dem Pazifik, deutsche Jogurts, schwedisches Erdbeermüsli, Toilettenpapier, Hundefutter und Sommerkleider. Damals, im unvorstellbar lange zurückliegenden Jahr 1995, liefen wir häufig über den "Großmarkt" an der Metrostation "Jugo-Sapadnaja". Sich dort zurechtzufinden, war nicht leicht, denn es gab keinerlei erkennbares System, wo welche Waren zu haben waren.

Für die Moskauer war das aber schon einmal ein Schritt nach vorne, denn die Zeit der sowjetischen Planwirtschaft mit ihrem ewigen Defizit war da schon vorüber - die Zeit, als sich die Leute in jede lange Warteschlange einreihten, noch bevor sie wussten, was an deren Ende eigentlich verkauft wurde.

 

Einmal, als das Wetter wieder besonders eklig war und uns der Schneeregen in die Gesichter wehte, meinte mein Kumpel Tillmann, der für ein Auslandssemester nach Moskau gekommen war: "Warte nur ab: In zehn Jahren steht hier ein Supermarkt mit blankgeputztem Boden und das einzige, was beim Einkaufen stört, ist die Musik, die von der Decke plärrt." Ich sagte nichts, aber ich erklärte meinen Bekannten insgeheim für verrückt. Dabei war seine Zukunftsprognose vollkommen korrekt.

 

Supermärkte für das Volk

 

1995 gab es in ganz Moskau mit seinen zehn Millionen Menschen nur eine Handvoll Supermärkte. Die Preise waren in US-Dollar ausgezeichnet und so hoch, dass kaum jemand dort einkaufte. Später entstand die erste Filiale der türkischen Ramstore-Kette — ein Supermarkt für die ganz normalen Moskauer. Das war Ende der Neunziger noch eine kleine Sensation. Heute stehen riesige Einkaufszentren nahezu an jeder Straßenecke.

 

Einzig unser Stadtviertel an der Metro Woikowskaja blieb noch lange "supermarktfrei". Es gab nur ein paar kleine Lebensmittelläden für die alltäglichen Dinge. Ganz viele Waren kauften wir deshalb an der U-Bahn. Direkt an den Ausgängen waren Reihen von Holzbuden, Zelten und kleinen Kiosken aufgestellt worden, wo es vor allem Obst und Gemüse zu kaufen gab.

 

Kiosk in Wolgoda
Trockenfisch, Bier und Raubkopien - Das Sortiment eines Provinzkiosks Anno 1998

Die Verkäuferinnen waren wohl allesamt illegale Zuwanderer aus den früheren Sowjetrepubliken. Menschen, die dort oft sieben Tage in der Woche von morgens bis neun Uhr abends schufteten, ohne Rechte und für einen miserablen Lohn. Die junge Usbekin, die in einem Kiosk neben unserem Hochhaus in der Heizkörper-Straße rund um die Uhr Zigaretten, Bier und Kartoffelchips vorrätig hatte, schien in dem umgebauten Bauwagen ohne Räder auch gleich zu schlafen.

 

Falsch abgewogen, falsch abgezählt

 

Für die Moskauer hatte dieses Ausbeuter-System einen enormen Vorteil. Sie konnten zu jeder Tages- und Nachtzeit wenige Schritte von der eigenen Haustür alles Notwendige einkaufen. Allerdings hatte es auch einen enormen Nachteil. Auf den Märkten gehörte Betrug zum Alltag wie das Gedränge in der Metro. Falsch abgewogene Äpfel, falsch abgezähltes Wechselgeld, verfaulte Paprika — über die Jahre kam da eine ziemlich ansehnliche Summe zusammen.

 

Nach einigen sehr ärgerlichen Erfahrungen hatte ich mir mein eigenes Einkaufssystem zurechtgelegt. Weil ich mich nicht mehr von anonymen Händlern übers Ohr hauen lassen wollte, die noch dazu ständig wechselten, beschloss ich, nur noch gezielt bei ganz bestimmten Ständen einzukaufen. Obst und Gemüse holte ich nach einigen Tests ausschließlich bei Maria aus Lemberg am hinteren Ausgang aus der Metro. Und die Rechnung ging auf. Der tägliche Besuch am Obststand wurde zum Ritual. Bald gab es zum Kilo Bananen noch regelmäßig eine Kiwi "für das kleine süße Mädchen" oben drauf. Wenn vier Sorten Tomaten vor dem Stand ausgelegt war, erfuhr ich mit absolut zuverlässig, welche "leider überhaupt nicht gut schmeckt".

 

Wir hätten ewig so einkaufen können, doch dann war Maria eines Tages weg. Verschwunden von heute auf morgen. War sie festgenommen worden? Abgeschoben in die Ukraine? Ich stand vor einem riesigen Problem: Wie sollte ich unsere Stammverkäuferin ersetzen? In der Tat eigneten sich bei weitem nicht alle Stände zum täglichen Einkauf. Nach einigem Suchen fand ich dann schließlich doch Ersatz. Drei Buden weiter Richtung Metro versorgten wir uns von nun an bei Gülya aus Aserbaidschan mit Gemüse, Mandarinen und Äpfeln.

 

Das abendliche Einkaufen machte wieder richtig Spaß. Nach einigen Wochen freilich kam Maria wieder an ihren Stammplatz zurück — sie hatte sich alle ihre freien Tage für einen längeren Heimaturlaub zusammengespart. Nun stand ich vor einem echten Dilemma.

 

Auf dem Nachhauseweg von der U-Bahn kam ich gezwungenermaßen an beiden Ständen meiner Stammverkäuferinnen vorbei. Beide grüßten mich jedes Mal schon freundlich, schließlich hatten sie sich an meine täglichen Einkäufe gewöhnt. Wir haben sehr, sehr viel Obst gegessen in jenem Herbst.

Inzwischen gibt es überhaupt keine Obsthändler mehr an unserer alten und an vielen anderen Moskauer Metrostationen. Zu unzivilisiert, befanden die Stadtoberen irgendwann und ließen alle Stände und Buden abreißen. Jetzt gibt es auch Obst und Gemüse fast nur noch in Plastik verpackt im steril gewischten Supermarkt - mit Dudelmusik.


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