Beim König der Tundra

Igor Spektor Bürgermeister Workuta
Igor Spektor, Bürgermeister von Workuta, in seinem eigenwilligen Büro

Workuta (Juli 2006). In der Bergarbeiterstadt Workuta, erbaut auf den Knochen vieler tausend Gulag-Häftlinge, hängt der Himmel tief. Das Ende der Welt ist greifbar nahe. Das äußerste und unwirtlichste Ende Europas allemal: Am Horizont sind die dunkeln, nördlichsten Ausläufer der Uralberge zu sehen. Eine Straße nach Workuta gibt es nicht. Die Stadt liegt weit nördlich des Polarkreises und auf der gleichen geografischen Länge wie Westafghanistan, zu erreichen nur durch eine zweitägige Zugfahrt von Moskau oder mit einer drei Jahrzehnte alten AN-24-Propellermaschine. 

Wenn die regionale Fluggesellschaft "Komiinteravia" zu wenige Tickets verkaufte, wurde der einzige Flug aus der Republikhauptstadt Syktywkar regelmäßig abgesagt. "Wegen schlechten Wetters", hieß es dann. Wer konnte das schon nachprüfen, Workuta lag tausend Kilometer vom Provinzzentrum entfernt und wurde ja in der Tat im Winter tagelang von Schneestürmen gepeitscht oder lag im Sommer unter dichtem Nebel.

 

In dieser Nacht war die Maschine gut besetzt, schließlich saßen über 20 Journalisten an Bord — Teilnehmer einer Pressereise der russischen Eisenbahn. Die Eisenbahner wollten uns eine rollende Poliklinik vorführen, die die entlegenen Siedlungen entlang der nordrussischen Bahntrassen versorgte. Dort hatten viele Menschen zuvor jahrelang keinen Arzt mehr gesehen. Die Antonow war noch nicht in Syktyvkar gestartet, da hatte die Reise bereits für einen handfesten Skandal gesorgt. Der Besuch aus der Hauptstadt war nicht (oder nicht richtig) mit Igor Spektor abgesprochen, dem allmächtigen Bürgermeister der Stadt. Ein Sakrileg, wie bald alle spüren sollten.

Poliklinik auf Rädern RZD Workuta
Großer Bahnhof für die rollende Poliklinik der russischen Eisenbahn

"Mir gefällt es so..."

 

Der Bürgermeister muss getobt haben. Bei der Einweihung des Klinik-Zugs erklärte er am nächsten Morgen in einer kurzen, launigen Rede, die medizinische Versorgung der Region sei so gut, dass das ganze Projekt eigentlich völlig unnütz sei. Den Eisenbahnern blieb der Mund offen stehen. Spektor erklärte anschließend an die Presseleute gewandt, er würde sie gerne am Nachmittag zu einem Treffen einladen. Schließlich gebe es niemanden, der sich besser in Workuta auskenne.

 

Der frühere Ingenieur war zweifellos einer der schillerndsten regionalen Politiker Russlands, der immer wieder selbst in Moskau mit absurden Ideen für Schlagzeilen sorgte, der die Prostitution in Russland erlauben und Workuta wegen der Gulag-Vergangenheit zu einem internationalen touristischen Zentrum machen wollte. Ausgerechnet Workuta.

"Meine Mitarbeiter sagen mir seit Langem, ich sollte mal renovieren lassen", begrüßte Spektor die Moskauer Journalisten, "aber mir gefällt es so." Das riesige Arbeitszimmer war vollgestellt mit kitschigen Porzellanfiguren, Wimpeln vergangener Wettbewerbe, Bastelarbeiten und Kinderzeichnungen — wie der Zeichenraum einer Schule. Die Möbel stammten aus längst vergangenen Zeiten. Kein anderer Politiker oder Manager wird je in der Geschichte auf die Idee kommen, sich ein derartiges Büro einzurichten.

 

Die Kohle hatte Workuta einst verhältnismäßig reich gemacht. Die Einwohner flogen zum Einkaufen nach Moskau, konnten sich verlängerte Ferien unter den Palmenstränden am Schwarzen Meer leisten. Als die sowjetische Planwirtschaft zusammenbrach, wurden die Kumpel als Avantgarde des Proletariats ausgemustert. Die große Flucht aus Workuta begann, von den einst über 200.000 Einwohnern blieb weniger als die Hälfte. 

 

Weil es nahezu unmöglich war, in der Stadt noch Käufer oder Mieter zu finden, schlossen viele Familien einfach ihre Haustür ab und überließen die Wohnungen dem Schicksal. Kaum jemand glaubte noch an eine Zukunft für die Großstadt hinter dem Polarkreis. Um genau zu sein, niemand außer Igor Spektor. Er ließ die grauen Plattenbauten bunt streichen, ermunterte die Menschen zum Bleiben.

 

Vizebürgermeister beim Blaumachen ertappt

 

Eine Stunde lang versuchte er, uns davon zu überzeugen, dass sein schrumpfende Stadt noch eine große Zukunft habe, schließlich lud er uns zu einer Stadtrundfahrt ein. Igor Spektor war noch immer erbost, dass jemand ohne seine Erlaubnis Journalisten in seine Stadt geholt hatte. Nun sollten die Presseleute erfahren, wer der wahre König der Tundra war.

 

Der Bus rollte langsam die langen Prospekte von Workuta entlang, Spektor saß mit Mikrofon in der ersten Reihe, erzählte so unterhaltsam, dass man ihn für einen professionellen Reiseführer hätte halten können. Plötzlich herrschte er den Fahrer an: "Los, Mensch, halt an! Da vorne geht ja mein Stellvertreter." Der Bus legte eine Vollbremsung hin, Spektor öffnete die Bustür und rief den Beamten zu sich.

"Was machst Du denn hier?"

"Ich gehe heute etwas früher nach Hause, Igor Leonidowitsch", sagte der ertappte Vize schüchtern.

"Um diese Uhrzeit? Das kann ja wohl nicht wahr sein!" zeterte der Bürgermeister. Die Presseleute reckten die Hälse und blickten zu Spektors gedemütigtem Untergebenen.

Der Bus rollte wieder an. "Der kann morgen noch was erleben", knurrte der Stadtchef ins Mikrofon.

Restaurant Ural Workuta
Die Gastronomie-Szene von Workuta versprüht einen rauen Charme

Da sich die Sehenswürdigkeiten von Workuta in Grenzen hielten, baten einige Journalisten Spektor, uns zu einem Laden zu fahren, in dem man geräucherten Muksun kaufen konnte, einen Lachsfisch, der im Ob und im Eismeer gefangen wird. Der Bürgermeister dirigierte den blauen Bus bis zu einer Lagerhalle unweit der Stadtverwaltung.

Rentierschinken, sofort

Ein korpulenter Kaukasier mit verschmierter Schürze öffnete die Blechtür, die zu seinem Reich führte. Nie im Leben hätte ich diesen Ort betreten, geschweige denn, dort Lebensmittel eingekauft, aber Spektor musste es ja wissen. Gierig griffen die Journalisten nach den in Plastikfolie eingeschweißten Fischen. Für alle reichte es nicht. "Willst du mich blamieren", fauchte Spektor. "Was bist du für ein Großhändler, der nicht einmal zwanzig Fische vorrätig hat?"


Der Kaukasier spürte den Ernst der Lage, sprang blitzartig in seinen auf dem Hof geparkten Lada und raste davon. Der Bürgermeister unterhielt die Presse mit Geschichtchen über das Leben am Polarkreis. Als der Händler kurz darauf wiederkehrte, hatte er nicht nur den Kofferraum mit Muksun vollgeladen, sondern auch einige geräucherte Rentierschinken dabei.

 

Nun war die Moskauer Presse endültig auf den Geschmack gekommen. Da auch das Rentier nicht für alle reichte, griff Spektor zum Telefon, bellte seine Sekretärin an, sie solle ihn sofort mit dem Direktor der Rentier-Kolchose verbinden. Wir saßen bereits wieder in dem blauen Bus, den eigentlich die Eisenbahn angemietet hatte, als Spektor einen Anruf bekam. 


"Ich brauche dringend Rentierschinken, wie viel hast du da?" Dann fragte er den Direktor nach dem Preis. Die Antwort am anderen Ende der Leitung schien ihm nicht zu gefallen. "Das kann doch nicht dein Ernst sein, du Halsabschneider. Hier ist eine Delegation aus Moskau, was sollen die über dich denken. Mach uns einen vernünftigen Preis und bring das Zeug zum Hotel." Spektor ermahnte den Rentierzüchter noch, sich ja zu beeilen, man habe nicht den ganzen Tag Zeit, um auf ihn zu warten.

Der blaue Bus fuhr langsam zurück zu unserem Hotel. Dort parkte bereits ein dunkelgrüner Niva, drinnen saß ein sichtlich nervöser Mann. Beide Arme voll beladen mit Rentierschinken kam der Direktor in unseren Bus und verteilte das geräucherte Fleisch. "Das ist natürlich ein Geschenk", sagte er hastig, lächelte flüchtig seinen Bürgermeister an und verabschiedete sich. Spektor hatte es allen gezeigt. Mochten die Russen anderswo im Land Putin zu Füßen liegen, hier im Norden war er es, der das Sagen hatte.

Alles sah so aus, als ob sich in Workuta so schnell nichts daran ändern würde. Doch ein knappes Jahr nach unserem Besuch trat Spektor völlig überraschend als Bürgermeister zurück, packte seine Koffer und zog nach St. Petersburg. Wer wird jetzt den Räucherfisch für Moskauer Journalisten organisieren?


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