Deutsche und Russen: Mein Freund, der Feind

Tag des Sieges Moskau Roter Platz
Die Russen feiern den Sieg über Deutschland, haben aber nichts gegen Deutsche.

Moskau (Mai 2005).  "Wieso sind die deutschen Soldaten damals nur bis Ikea vorgerückt?" fragte meine Tochter einmal, als wir an den gewaltigen Panzersperren vorbeifuhren, die den äußersten Frontverlauf bei Moskau vom Dezember 1941 markieren. Schon im Alter von fünf Jahren war es ihr kurz vor dem 9. Mai sichtlich unangenehm, irgendwie zur falschen Seite zu gehören, zu denen, die damals Russland überfallen hatten.


Spätestens Mitte April kann ein Deutscher in Russland der Geschichte nicht mehr entkommen. Die Vergangenheit wird allgegenwärtig. Vor jedem 9. Mai, dem Tag des Sieges über Hitlerdeutschland, senden die Fernsehkanäle Wiederholungen aller sowjetischen Kriegsfilme, die längst zu Klassikern wurden. In den Kindergärten und Vorschulen malen Jungen und Mädchen die Heldentaten ihrer Urgroßväter aus dem Großen Vaterländischen Krieg mit Tusche auf. 

Ein Glas auf den Veteranen

Immer im Mai spazierten die alten Männer und Frauen mit ihren Ausgehuniformen die Moskauer Boulevards entlang und trotz des Verkehrslärms war dann überall das leise Klimpern der Heldenabzeichen zu hören. Von den Reformen ins wirtschaftliche Elend gestoßen, gab es für die Weltkriegsveteranen wenigstens noch diesen einen Tag im Jahr, an dem sie sich die anbiedernden Dankesreden der großen Bonzen anhören konnten — aber an dem ihnen auch junge Mädchen auf der Straße völlig aufrichtig rote Nelken schenkten. 

Der Rote Platz mit seiner martialischen Militärparade war an diesem einen Tag stets hermetisch von den normalen Bürgern abgeschirmt. Abseits des staatlichen Spektakels aber hatte der russische Siegestag über Deutschland immer zugleich sympathische Seiten.

Auch in der deutschsprachigen Redaktion des Moskauer Rundfunks gehörte es zur guten Tradition, vor dem 9. Mai ein paar Tische zusammenzurücken, die mitgebrachten Getränke, Kuchen und Salate auszupacken und auf das Wohl von Alexander Scholkwer anzustoßen. Der Autor der täglichen staatstragenden Kommentare für die Nachrichtensendung war als junger Mann selbst bis Berlin marschiert, trug seine Kriegsorden voller Stolz am Revers. Er war der letzte der Veteranen, die noch in der Redaktion tätig waren. Und die Deutschen in der Redaktion feierten natürlich mit. 

"Ihr hattet nicht einmal vernünftige Winterstiefel"

Irgendwie dazuzugehören zur anderen Seite, das war dennoch ein merkwürdiges Gefühl. Erst Recht in einem Land, in dem wohl dreißig Millionen Menschen ihr Leben in dem mörderischsten aller bisherigen Kriege verloren hatten. Juri Sergejewitsch sprach häufig vom Krieg, wenn er sich seine Miete abholen kam und wir anschließend noch bei einer Tasse Tee in der kleinen Küche meiner ersten Moskauer Wohnung hockten. Er hatte den Kriegsbeginn als Matrose im Marinestützpunkt Kronstadt an der Ostsee erlebt und die Leningrader Blockade überstanden. Hatte die Leichen der Erfrorenen in den kalten Hausfluren liegen sehen, in denen alle Nachbarn längst zu schwach waren, um die Toten noch zu beerdigen.

Wenn Juri von den Wehrmachtssoldaten erzählte, sagte er nicht "die Deutschen", erst recht nicht "die Faschisten". Nein, er sagte "ihr". "Ich habe mit dem Fernglas über die Front auf eure Seite hinübergesehen", erzählte er mit seiner liebenswürdigen Stimme und ich schenkte Tee nach. "Warum hätte ich euch hassen sollen? Ihr hattet ja noch nicht einmal vernünftige Winterstiefel." Die Kriegsjahre hatten ihn nicht verbittern lassen. Juri war nicht nur ein Sieger des Großen Vaterländischen Krieges, er hatte auch seinen ganz persönlichen Sieg gegen den Wahnsinn dieses Krieges errungen.

Wer als Deutscher die europäischen Länder bereist, die Hitler einst überfallen ließ, spürt auch nach über sechs Jahrzehnten noch an vielen Orten die Abneigung gegen alles Deutsche. Nicht so in Russland. Ganz im Gegenteil. Vielleicht nirgendwo fliegen einem Deutschen so viele Sympathien entgegen. Goethe, Heinrich Heine, die großen Komponisten, die Ordnung, nicht zuletzt. Oft waren wir in unseren Moskauer Jahren auf Wohnungssuche — und jede Wohnung, die wir besichtigten, hätten wir sofort mieten können. Das war der Deutschen-Bonus in einem Land, in dem der Staatschef seine Kinder auf die deutsche Botschaftsschule schicken ließ. Positiver Rassismus auf russische Art.

Und die Massenmorde? Die verbannten Städte, die augelöschten Dörfer? An wenigen Orten hatte man als Deutscher doch einen schweren Stand, dort war die Vergangenheit so grausam, dass sie einem auch sechzig Jahre später noch die Luft wegzudrücken schien. In Wolgograd etwa. Der Stadt, die auf den Trümmern Stalingrads aus dem Nichts wiederauferstanden ist. Für "Arte" drehten wir im Sommer 2001 eine Dokumentation in der Stadt, filmten auf dem Mamajew-Hügel, an der Mutter-Heimat-Statue und eine Hochzeitsgesellschaft. 

Irgendwann meinte ich zu unserem Regisseur, es wäre an der Zeit, dass er einen Trinkspruch auf das Brautpaar ausspricht. Auf die Idee war Matthias noch nicht gekommen, aber ohne lange zu überlegen sagte er die genau die richtigen Worte, die in dieser Situation gesagt werden konnten. "In Deutschland kannten die meisten Menschen Ihre Stadt lange nur als den Schauplatz einer furchtbaren Schlacht. Einen Ort von Krieg, Zerstörung und Tod", begann er seine kleine Rede und die Feiernden schauten ernst zu ihm auf.

 

"In Wirklichkeit ist alles ganz anders. Wolgograd ist ein Ort, an dem junge Menschen sich lieben, heiraten, Kinder bekommen wollen und viele, viele Zukunftspläne haben. Das ist wunderbar. Auf das Brautpaar!" Einige Leute am Tisch klatschten und der Brautvater erklärte feierlich: "Bis eben wart ihr deutsche Journalisten, ab jetzt seit ihr unsere Gäste. Stellt endlich eure Kamera weg und feiert mit."


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